16:33 13 Dezember 2019
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    Armes Mädchen trägt schwere Last gefolgt von wohlhabdenen Industriellen (Symbolbild)

    „Faschismus war immer Missgeburt des Kapitalismus“ - Sozialphilosoph warnt junge Deutsche

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    Der renommierte Sozialphilosoph Dr. Michail Popow vermutet im Sputnik-Interview, dass manche Menschen sich seit der Hitler-Zeit wenig geändert haben. Nicht nur die Verharmlosung der NS-Verbrechen soll bei ihnen gewichtig sein, sondern auch die allgemeine Haltung gegenüber Faschismus - zumindest seiner wirtschaftlichen Grundlage.

    Die Konzernerbin und „glückliche Kapitalistin“ Verena Bahlsen hatte Vorwürfe gegen ihre Familie blitzschnell abgetan: Dass der Keks-Konzern Bahlsen sich im Dritten Reich mindestens 250 Zwangsarbeiter habe aus der Ukraine verschleppen lassen und sie später wohl nie entschädigte, sei doch nicht das, was sie mit dem Kapitalismus gemeint habe. Übrigens sagte sie: „Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.“ Also „Bahlsen hat sich nichts zu Schulden kommen lassen.“ Eine 26-jährige Millionenerbin mit einem Hang zu originellen Ideen, aber offenbar wenig Wissen über die Jahre 1933 bis 1945.

    Schaut man etwas genauer auf die Geschichte der Bahlsens, stellt sich heraus, dass Verenas Opa und seine Brüder in der NSDAP waren und die SS förderten, was den Experten zufolge nicht zwangsweise erfolgte. Also keine Regimegegner, sondern wohl Unterstützer. Der Fall Bahlsen soll daher beispielhaft für die Anbiederung deutscher Unternehmer an das Regime sein und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Profit suchten – mit den Mitteln und Möglichkeiten von Terror. Der Konzern hat sich bereits entschuldigt, wie auch Verena: Nichts liege ihr ferner, als den Nationalsozialismus zu verharmlosen; sie wolle sich jetzt intensiver mit der Firmengeschichte befassen.

    Der bekannte Sankt Petersburger Sozialphilosoph, Autor des Buches „Faschismus der Gegenwart“ und Wirtschaftstheoretiker Dr. Michail Popow hat den Fall Verena Bahlsen auch mitbekommen. Er wagt es sogar zu vermuten, dass eine bestimmte Zahl von Deutschen - selbst wenn eine geringere - sich seit der Hitler-Zeit wenig geändert habe. Auf die Frage, ob es sich bei Verena um bloße Vergesslichkeit oder doch um Fahrlässigkeit geht, die die Gewinne vor andere Werte setzt, antwortet Popow: „Es geht doch nicht um die Gewinne, sondern um die - angeblich unterbewusste - Haltung gegenüber dem Faschismus.“   

    „Der heutige Kapitalismus ist reaktionärer geworden“

    „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen“, stellte der berühmte deutsche Sozialphilosoph Max Horkheimer bereits 1939 fest. In seiner Theorie des autoritären Charakters verwies er auf die sozialpsychologischen Grundlagen des Faschismus, aber auch auf die ökonomische Basis. „Ich habe auch immer gesagt, dass Faschismus eine Missgeburt des Kapitalismus ist“, sagt Popow gegenüber Sputnik.

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    Jedoch verweist der Philosoph darauf, dass Kapitalismus an sich keinesfalls schon Faschismus sei - nur sein zweites Stadium, Imperialismus, mag ihm zufolge im Faschismus enden. Die Theorie des Imperialismus setze ihrerseits nicht unbedingt Faschismus als das dritte Stadium des Kapitalismus voraus.

    Es sei nur so, sagt der Experte, dass der frühe Kapitalismus viel progressiver als heute gewesen sei. Als Beispiele nennt er die große Französische Revolution oder auch die Befreiung von der Leibeigenschaft durch das Bürgertum. Heutzutage habe sich der Kapitalismus dagegen mehr reaktionäre Eigenschaften angeeignet, behauptet der Philosoph.   

    Aber wie lässt sich der moderne Faschismus kennzeichnen? Darauf kontert Popow, dass es keinen „modernen Faschismus“ gebe, sondern einen wissenschaftlichen Begriff, mit dem man einzelne heutige Phänomene an ihrer Annäherung an Faschismus messen könne. Solle er sich für einen bestimmten Begriff des Faschismus entscheiden, dann neige er lieber zu der 1935 vom 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale unterstützten Bezeichnung als der von Benito Mussolini: schließlich sei der Kongress grundlegend auf den Kampf gegen den Faschismus ausgerichtet worden. Der offizielle Begriff, auch als Dimitroff-These bekannt, definiert die ökonomische Basis des Faschismus als „terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals“.

    Die sozialpsychologische Basis soll dabei für die Vorstellung von Überlegenheit von Angehörigen der eigenen Rasse, Abstammung und Nationalität gegenüber anderen sorgen. Daran lässt sich auch der Doppelcharakter des Faschismus erkennen, so der Experte. Will er seine Theorie begründen, verweist er auf die Verflechtungen zwischen dem Industrie- und Finanzkapital und dem Hitler-Regime. „Deshalb ist es ein Fehler zu glauben, dass die Nazis eigentlich links gewesen sind. Die deutschen Sozialisten der Zweiten Internationale hatten sich seit 1914 der Arbeiterbewegung entzogen und waren rechts geworden. Karl Liebknecht hatte sich als einer der wenigen gewehrt und wurde ermordet“. 

    Faschismus in der Außenpolitik

    Welche modernen Phänomene nähern sich heute laut Popow dem Begriff Faschismus an? „Überall dort, wo das Industriekapital mit dem Finanzkapital verflochten ist, gibt es eine wirtschaftliche Grundlage für Faschismus. Wo sich der Kapitalismus in den Imperialismus verwandelt und die Lehren der Geschichte verblassen, entstehen Elemente des Faschismus“, erwidert Popow. 

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    Er geht noch weiter und wagt zu behaupten, dass einzelne Staaten wie die USA manchmal statt einer demokratischen Politik eine Außenpolitik des Terrors und damit des Faschismus ausüben würden. „Im Inland können dabei die angesagte Demokratie und die Menschenrechte ziemlich gut funktionieren“, merkt Popow an. Doch es hilft aus seiner Sicht nicht weiter, wenn der Terror anderen Staaten wie Jugoslawien, Irak oder Libyen angetan wird und die wirtschaftlichen Interessen des Industrie- und Finanzkapitals mit Demokratie begründet werden. „Selbst das Zeugnis des ehemaligen US-Generals Colin Powell von einer angeblichen Massenvernichtungswaffe im Irak ließ sich nicht bestätigen, es war nur ein Vorwand für die Intervention“, begründet Popow seine These über den sogenannten Faschismus in der Außenpolitik.

    Sollten sich diese Elemente auf die Außenpolitik verbreiten, werden auch die Menschen im Inland am Ende betroffen sein, so Popow. Was Verena Bahlsen angehe, sei es noch kein Faschismus, aber wohl ein Hang zur faschistischen Ideologie, die überall - auch in Russland - von manchen relativiert werde.  Jeder einzelne müsse darüber nachdenken.

    Die liberale Demokratie werde als Gewinn der Menschheit dargestellt und müsse es auch sein, lasse sich darauf antworten. Er wolle das nicht bestreiten, kontert darauf Popow. Er könne aber auch nicht bestreiten, dass die wirtschaftliche Grundlage für den Wiederaufbau des Faschismus längst funktioniere und mit der Entnazifizierung sowie den Lehren der Geschichte wenig zu tun habe. Er erinnert sich an eine Konferenz in Griechenland vor einigen Jahren, die dem Faschismus gewidmet wurde. „Manche Politiker sparen an Kritik an den Vereinigten Staaten, weil sie sich davor fürchten, dass die dann ihre Macht gegen jedes beliebige EU- Land einsetzen. Ist das normal? Meine Kollegen würden auch heute behaupten, dass nicht Deutschland diesen Trend setzen dürfte, sondern das Land mit dem größten Industrie- und Finanzkapital“, sagt Popow anschließend.

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    Tags:
    Adolf Hitler, NSDAP, Dividenden, Kapitalismus, Verbrechen, Faschismus, Nazis, Deutschland