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    die Frische Nehrung, Polen (Archiv)

    „Sie setzen euch mit Nazis gleich“: Was manche in den USA und in Polen gemein haben

    CC BY-SA 2.0 / Krzysztof Belczyński / Krynica Morska
    Gesellschaft
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    Ob nur Distanzierung oder schon Realitätsverlust: Wo auch immer Hinweise auf die Sowjetunion auftauchen, lässt sich hinterfragen, ob manche Menschen noch den gesunden Menschenverstand bewahren. Die USA und Polen setzen den Trend der Russlandfeindlichkeit - und sorgen für unangenehme Vermutungen.

    „Nach langen vier Jahren Krieg und Opfern im Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten endlich einen Sieg errungen… Gedenken Sie aller, die uns die Freiheit, die wir heute genießen, gewährt haben, mit der dem 75. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg gewidmeten Münzkollektion“, heißt es in der Beschreibung der Münze, die die US-Firma Bradford Exchange kürzlich geprägt hat und die sie mit Blick auf 75 Jahre Frieden seit dem Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 2020 vermarkten will. Dabei sind auf der Münzrückseite lediglich die Flaggen der USA, Großbritanniens und Frankreichs abgebildet, begleitet von dem Jubiläumsdatum: „1945-2020, 75.“ Jedoch hatten nicht nur die USA, Frankreich und Großbritannien, sondern auch die Sowjetunion zur Anti-Hitler-Koalition gehört. Wie lässt sich der Kasus einordnen: Egoismus? Hochmut? Oder liegt es daran, dass die Sowjetunion nicht mehr existiert und ihre Menschen daher des Gedenkens nicht wert sind? Bradford Exchange will dazu keine Auskunft geben.

    „Sie konnten nicht vergessen... Ich glaube, dies ist ein bewusster Schritt. Es ist wie ein kalter Krieg, ein unverblümter Schlag ins Gesicht“, kommentierte der Geschichtsprofessor der Abteilung für Politik der USA und Europas des Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen Dr. Nikolai Popow gegenüber Journalisten. Er vermutete, dass die US-Firma Russland etwas ärgern wolle, indem sie die Bilanz des Zweiten Weltkrieges verfälschen würde. Ein Einzelfall mit Anspruch auf Tendenz. Jedoch solle man nicht einander ärgern, sondern miteinander reden, mahnt der Professor. Leider müsse er seinerseits konstatieren, dass eine derartige Tendenz sich eher fortsetzen werde.

    „Ein Beispiel für die Legende eines romantischen Rotarmisten“

    Sie ist aber schon längst im Gange, zumindest in Polen. Gerade hier funktioniert seit 2016 das sogenannte Dekommunisierungsgesetz, das sich auf die Abschaffung von Namen, Symbolen und Zeichen aus dem öffentlichen Raum bezieht. Nichts darf im Lande an die übrigens verbotene Ideologie des Kommunismus erinnern, selbst wenn die Kommunisten ihre Macht längst verloren haben. Aber das Gesetz sagt nichts zu den Liedern sowjetischer Herkunft oder Vorführungen von Filmen aus sowjetischer Produktion.

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    Jedoch hat vor wenigen Tagen gerade ein harmloses Lied zu einem Skandal im polnischen Danzig geführt, der in den Medien eine hohe Präsenz bekommt.  Die Leitung des Museums des Zweiten Weltkriegs hat es den Musikern eines örtlichen Ensembles verboten, das sowjetische Lied „Dunkle Nacht“ in der Übersetzung des polnischen Dichters Julian Tuwim aufzuführen, obwohl das Liederverzeichnis für die Europäische Nacht der Museen laut dem Musiker Piotr Kosewski mit diesem Lied genehmigt wurde. Das Lied wird in Russland als großes lyrisches Meisterwerk geschätzt.

    Dunkle Nacht [Темная ночь]. Übersetzung von Mark Bernes
    Dunkelste Nacht, nur das Pfeifen der Kugeln von fern
    Durch die Leitungen surret der Wind,
    Trübe schimmern die Sterne.
    In dieser Nacht, meine Liebe, ich weiß, schläfst Du nicht,
    Wischst im Stillen die Tränen dir fort,
    Wachst am Bettchen des Kindes.
    Ach wie mag ich deiner Augen so zärtlichen Blick!
    Könnt' ich sie jetzt mit den Lippen berühren ganz zart -
    Dunkelste Nacht jedoch trennt uns, du Liebste mein
    Und die Steppe -in Aufruhr und schwarz -
    In unendlicher Weite.
    Ich glaub' an Dich, bin mir ganz deiner Treue gewiss.
    Dies Vertrauen hat mich letzte Nacht vor den Kugeln gerettet.
    Ich bin ganz ruhig in diesem so grausamen Krieg.
    Weil du meiner in Liebe gedenkst,
    wird mir auch nichts geschehen.
    Der Tod ist nicht schlimm.
    Nicht nur einmal haben wir ihn geseh'n -
    Und grade jetzt kreist er gnadenlos nah über uns ---
    Du wachst am Bettchen des Kindes, du wartest auf mich,
    Und das gibt mir Vertrauen und Hoffnung, mir wird nichts geschehen.

     

    Als Kosewski und sein Ensemble das Lied (geschrieben von Komponist Nikita Bogoslovsky und Dichter Vladimir Agatov für den Film „Zwei Soldaten“ im Jahr 1943 - Anm. der Red.) hätten aufzuführen begonnen, berichtet der Musiker auf seiner Facebook-Seite, habe der Museumsdirektor Karol Navrotsky sie unterbrochen und das Lied als bolschewistisch beschimpft - in den besten Traditionen der USA während des Kalten Krieges. Wegen des groben Verhaltens des Regisseurs weigerten sich die Musiker, die Aufführung fortzusetzen. In der Reaktion des Museums, die darauf folgte, heißt es:

    „Der Grund... war der eindeutig propagandistische Charakter des Liedes ‘Dunkle Nacht’, das 1943 für die Propaganda-Produkte des sowjetischen Films „Zwei Soldaten“ kreiert wurde. Dieses Lied stellt auf täuschende Weise die Gedanken eines sowjetischen Soldaten dar, der sich nach seiner Frau sehnt, die zu Hause geblieben ist und ihre Tränen über das Bett (möglicherweise mit ihrem gemeinsamen Kind) wischt. Dies ist ein Beispiel für den Bau der Legende eines romantischen Rotarmisten, der für das Land der Sowjets kämpft und sein Zuhause vermisst. Es lässt sich fragen, ob diese seine Nostalgie vor oder nach den Morden, Rauben und Vergewaltigung von Frauen (und oft von Kindern) war, die von den ‘romantischen’ Sowjets auf dem Weg nach Berlin in den von Polen bewohnten Gebieten massiv praktiziert wurden. Und diese Tatsache ändert nichts daran, dass der Autor der polnischen Übersetzung des Liedes der berühmte Dichter Julian Tuwim war, womit sich die Musiker tatsächlich zu rechtfertigen versuchten, und so ihre Hartnäckigkeit und ihren Unwillen motivierten, die Aufführung des Liedes zu stoppen“.  Das Verhalten der Musiker wird da übrigens als „politische Provokation“ abgetan.

    Der Musiker Kosewski schickte daraufhin an die Leitung des Museums einen Brief, in dem er eine Entschuldigung beim Ensemble fordert. Wie die Korrespondentin der Gazeta Wyborcza, Paulina Siegień, gegenüber der Zeitung „Das Neue Kaliningrad“ kommentiert, haben liberale Medien Polens die Haltung des Museums kritisiert, die Kollegen aus den konservativen Medien hätten diese Haltung aber völlig unterstützt. Die rechtsgerichteten Medien hätten die Musiker als „Bolschewisten“ verspottet.    

    „Ihr habt eure Taten nicht bereut“

    Auch in der Ukraine läuft seit 2014 ein Verbotsverfahren gegen die Kommunistische Partei. Schaut man auf die Karte, wo alle kommunistischen Symbole verboten sind, dann sind gerade die Ukraine, Polen und das Baltikum die Weltmeister. Der renommierte linke Sozialphilosoph Dr. Michail Popow fragt sich gegenüber Sputnik, warum die Länder, die sich liberal-demokratisch nennen würden, selbst jede Erinnerung an die kommunistische Symbolik verbieten wollen. „Wo ist hier bitteschön die liberale Demokratie?“, will er wissen.

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    „Was heute in Polen, in Danzig, in diesem Museum passiert, hätte noch vor fünf Jahren nicht passieren können“, kommentierte der israelische Ex-Diplomat Yakov Kedmi im russischen Fernsehen den Vorfall. Es sei eine Atmosphäre in der Gesellschaft herangereift, in der Einzelne sich dazu berechtigt sehen würden, „euch mit den Nazis gleichzusetzen“.

    „Aber die Nazis sind schon Vergangenheit: Sie haben ihre Taten bereut. Ihr Russen dagegen nicht. Deshalb seid ihr ein Feind von gestern, aber auch von heute und von morgen.“

    Auch der nationalistische Ex-Außenminister Polens Pawel Sikorski hat kürzlich in einem Zeit-Interview gesagt, die deutschen Verbrechen der Nazizeit werden von Jahr zu Jahr immer mehr Geschichte, wobei die Russen Europa und Deutschland mit ihren Raketen bedrohen würden. Der Professor der Philosophie an der Pädagogischen Universität in Krakau Janusz A. Majcherek, begründet seinerseits die polnische Russlandfeindlichkeit vor Russland damit, dass es „die kommunistischen Verbrechen einschließlich derer gegen Polen anders als Deutschland nicht aufgearbeitet habe“. Dass die Sowjetunion hauptsächlich zur Befreiung Polens vom NS beigetragen habe oder die Kommunisten im Inland eigenständig handelten, scheine nicht mehr ins moderne Weltbild zu passen. Es sei aber klar, dass die osteuropäischen Staaten wie Polen aus der Feindschaft mit Russland eine Daseinsberechtigung machen, aber zugleich den USA signalisieren würden, dass sie an der Front stünden und Aufmerksamkeit benötigen würden, schloss der Wirtschaftshistoriker Dr. Stefan Bollinger gegenüber Sputnik.

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    Tags:
    der Zweite Weltkrieg, Münze, Sowjetunion, USA, Polen