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    Ankunft des ersten Seetransportes deutsch-russischer Bauernflüchtlinge in Swinemünde- Osternothafen am 2.12.1929.

    Wolgadeutsche in Argentinien: Der lange Weg des „Nomadenvolkes“

    CC BY-SA 3.0 / Robert Sennecke / Bundesarchiv/Die Not der Wolgadeutschen
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    Denis Lukyanov
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    Sputnik präsentiert die Geschichte von Wolgadeutschen, die mehrere Jahrhunderte lang umherzogen, bevor sie ihre neue Heimat in Argentinien fanden.

    Sie verließen Deutschland, um sich an der Wolga im Russischen Reich anzusiedeln, doch letztendlich landeten sie in einer ganz anderen Ecke der Welt, wo sie ihre Kultur und Geschichte bewahren. Der argentinische Schriftsteller Horacio Agustin Walter sprach im Interview mit Sputnik Mundo über die schwierige und lange Reise der Wolgadeutschen auf der Suche nach einer neuen Heimat.

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    Argentinien ist ein wahrer Schmelztiegel mit zahlreichen unterschiedlichen Kulturen, die ihre Gepflogenheiten und Bräuche bis heute bewahrt haben. Dazu gehören auch die Wolgadeutschen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in dem lateinamerikanischen Land niederließen.

    Nach verschiedenen Einschätzungen leben allein in Argentinien bis zu 2,5 millionen Nachkommen von Wolgadeutschen. Einer von ihnen ist Horacio Agustin Walter, der die Geschichte seines Volkes untersucht und darüber Bücher schreibt.

    Russlandeutsche aus dem Wolgagebiet im Flüchtlingslager Schneidemühl (Grenzmark Posen-Westpreussen)
    Russlandeutsche aus dem Wolgagebiet im Flüchtlingslager Schneidemühl (ehem. Grenzmark Posen-Westpreussen)

    Walter wurde 1945 im Dorf San Jose bei Buenos Aires geboren. 1978 absolvierte er die historische Fakultät der Universidad Nacional de La Plata. Seit 2000 erforscht er Fragen der Migration, darunter die Geschichte der Wolgadeutschen.

    Unser Gesprächspartner veröffentlichte mehrere Werke über diese ethnische Gruppe. Es erstes wurde 2003 der Essay „Identität und Immigration. Raum für ein gemeinsames Leben“ veröffentlicht, wo der Autor Aspekte des Alltagslebens seines Volkes beschreibt.

    2008 erschien sein historischer Roman „Die Wege der Wolga“, der von dem langen Weg zunächst aus Deutschland nach Russland und danach aus Russland nach Argentinien handelt, wo sich die Russlanddeutschen in Buenos Aires niederließen.

    „Am meisten wollte ich, dass die Menschen, die diesen historischen Roman, ihre eigene Geschichte lesen, stolz auf ihre Vergangenheit sind“, sagte Horacio.

    Walter ist Autor weiterer Bücher. Der zweite Teil des Romans heißt „Mandel-Blumen“ – er handelt von Familien, die in Argentinien und Russland blieben.

    Wolga-Deutsche Städte und Siedlungen
    Karte mit ehemaligen Städten und Siedlungen von Wolgadeutschen

    Viele von denen, die nach Argentinien auswanderten, waren Bauern. Wie die Eltern von Walters Mutter. Andere befassten sich mit Bauwesen, so die Eltern seines Vaters. Die Familien waren sehr groß. „Meine Omas auf beiden Seiten hatten jeweils 14 Kinder“, so Horacio.

    Er weiß nicht sehr viel über seine Vorfahren, weil die Eltern seines Vaters nach der Ankunft in Argentinien nicht mehr über die Vergangenheit sprechen wollten. So kam öfter vor. Die Menschen behielten im Geheimen, wie sie im Russischen Reich wohnten. Zu schwer war es, diese Zeiten wiederzuerleben.

    „Es wäre nicht gerecht zu behaupten, dass Russland an allem schuld war. Man muss Informationen filtern, um die Gründe des Schweigens unserer Großväter und Großmutter zu verstehen“, so Horacio.

    Der Weg der Umsiedler

    Die Umsiedlung der Deutschen an die Ufer der Wolga begann 1760 aus den Gebieten des heutigen Hessen. Die Umsiedlung begann, nachdem Katharina die Große, die selbst deutscher Herkunft war, Gesetze erlassen hatte, laut denen sich Ausländer in den russischen Gebieten niederlassen durften. Die russische Regierung versprach Steuerbefreiung für 30 Jahre.

    Wolgadeutsche in der Siedlung Grimm (Archiv)
    Wolgadeutsche in der Siedlung Grimm (Archiv)

    Seit 1860 kam es zu großen Veränderungen in Russland. Eine davon war der Start der Russifizierung, was die Aufrechterhaltung der Sprache und Kultur der Wolgadeutschen bedrohte. Die neue Politik zwang sie zum Verzicht auf die deutsche Sprache.

    „Da muss der Rückgang der Ernte, das Wachstum der Familien und die Unmöglichkeit, neue Siedlungen zu gründen, obwohl die russische Monarchie einst Grundstücke in Sibirien anbot, hinzugefügt werden“, so Walter.

    Im Ergebnis begannen die Wolgadeutschen, in andere Länder auszuwandern, vor allem in die USA, Argentinien und Brasilien. Sie fuhren mit Zügen von Saratow nach Bremen und Hamburg, und anschließend überquerten sie mit Schiffen den Ozean.

    Horacio zufolge hatten die Russlanddeutschen zunächst Delegationen nach Brasilien und Argentinien geschickt, bevor sie ihre Gebiete verließen.

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    Um das Geld für den Umzug aufzutreiben, verkauften sie ihre persönlichen Sachen – Möbel, Getreide, Kastenwagen. Die Grundstücke, die sie bearbeiteten, gehörten nicht ihnen.

    Viele fuhren weg, doch sind auch viele geblieben. Nach dem Schrecken des Bürgerkriegs in Russland gründeten deutsche Umsiedler die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen im Rahmen der Sowjetunion.

    Die Autonomie existierte im europäischen Teil Russlands bis 1941, als Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfiel. Die Stalin-Regierung siedelte die Wolgadeutschen nach Sibirien und in die Länder Zentralasiens um. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrten sie nicht zurück.

    Viele blieben in Sibirien und Zentralasien. Einige zogen nach Deutschland um, einige in andere Gebiete Russlands.

    In Argentinien

    In Russland errichteten die Wolgadeutschen ihre eigenen Dörfer – ob katholisch, lutherisch oder protestantisch – und ließen sich getrennt nieder, weshalb sie nur wenig mit der russischen Bevölkerung kommunizierten.

    Nach der Auswanderung nach Argentinien wollten sie dieselbe Ordnung aufbauen, doch das war von den argentinischen Migrationsgesetzen nicht vorgesehen. 

    „Doch die argentinische Regierung war sehr an der Präsenz der russisch-deutschen Umsiedler interessiert, weil sie sie als fleißige, zuverlässige und ruhige Menschen schätzte“, so Walter.

    Die ersten Kolonisten wollten sich nicht auf einzelnen Höfen niederlassen, sie bevorzugten es, Dörfer zu bauen, bei denen sich die zu bearbeitenden Grundstücke befanden.

    Zunächst führte das nicht zu Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung. Allerdings gab es auch keine Kontakte. Die Wolgadeutschen lebten lange sehr isoliert.

    Zuerst schien das ein Vorteil zu sein, weil sie damit ihre Bräuche und Arbeitsgewohnheiten bewahrten. Doch anschließend wurde das zum Problem, weil diese Gruppe aus dem nationalen Bildungssystem ausgeschlossen wurde. Walter gab zu, dass er der erste aus seiner Familie war, der die Universität abschloss.

    Die isolierte Existenz der deutschen Dörfer wurde 1945-1950 beendet. Damals zogen viele junge Menschen in die Großstädte, um an den großen Bauprojekten teilzunehmen, die von der Regierung Perons gestartet wurden – es wurden Eisenbahnlinien, Häfen, Autobahnen gebaut.

    „Damals begann die deutsche Jugend, sich in die argentinische Gesellschaft zu integrieren, was vor 70 Jahren geschah“, so der Historiker.

    Heute sind viele Ortschaften der Wolgadeutschen in der Provinz Entre Rios und einige in der Provinz Buenos Aires erhalten geblieben. Es gibt solche Siedlungen in den Provinzen La Pampa und Chaco.

    Ihre Einwohner bewahren ihre Sprache und Bräuche dank dem Familienleben. In vielen argentinischen Dörfern werden deutsche Dialekte gesprochen.

    Laut Horacio sieht das Leben in diesen Dörfern fast wie vor einem Jahrhundert aus, obwohl auch modernste Technologien, darunter in der Bildung, genutzt werden.

    Die Menschen, die in diesen Dörfern wohnen, sind ebenso gebildet wie die Bevölkerung des restlichen Landes. Walter zufolge kann man nicht von der Rückständigkeit der Dörfer der Wolgadeutschen im Vergleich zu den Dörfern jener, die aus anderen Ländern stammen, sowie der Einheimischen sprechen.

    „Die Wolgadeutschen unternehmen sehr große Anstrengungen, um ihre Identität, ihre russischen und deutschen Traditionen zu bewahren, was Feste, Familienregeln und historisches Gedächtnis betrifft. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielen auch Kulturforscher wie ich. Wir arbeiten, um die ethnische Identität dieser Völker aufrechtzuerhalten“, so Horacio.

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    Tags:
    Bevölkerung, Sibirien, Zerfall, Josef Stalin, Sowjetunion, Sowjetunion, Sowjetunion, Nazi-Deutschland, Brasilien, USA, Umsiedlung, Befreiung, Steuern, Sprache, Herkunft, Familien, Menschen, Buenos Aires, Migration, Geschichte, Volk, nachkommen, Heimat, Wolga, Deutsche, Russland, Russland, Wolgadeutsche, Argentinien