22:27 10 Dezember 2019
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    Dr. Andreas Meyer-Landrut

    Im Dienste deutsch-russischer Beziehungen: Ex-Botschafter in Moskau Meyer-Landrut feiert Jubiläum

    © Foto : Deutsch-Russisches Forum e.V.
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    Heute wird er in der Presse als eher Großvater der Popsängerin Lena Meyer-Landrut beschrieben. Aber vor 30 Jahren war er eine der Schlüsselfiguren bei der Annäherung zwischen der Bundesregierung unter Helmut Kohl und der sowjetischen Führung.

    Heute, am 31. Mai, feiert einer der bekanntesten Diplomaten der modernen Geschichte der russisch-deutschen Beziehungen Andreas Meyer-Landrut sein 90. Jubiläum. Moskau ist nun neben Berlin sein Wohnsitz. Nach dem Abschluss seines diplomatischen Dienstes kehrte Andreas Meyer-Landrut in die russische Hauptstadt zurück und bittet nun, ihn Andrej Pawlowitsch zu nennen.

    Der im estländischen Tallinn geborene Andreas Meyer-Landrut entstammt einer deutsch-baltischen Industriellenfamilie, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aus Estland nach Polen umgesiedelt wurde. Gegen Ende des Krieges floh die Familie von dort nach Westen und ließ sich in Bielefeld nieder. „Ich bin mit Deutsch, Russisch und Estnisch großgeworden“, erzählte Meyer-Landrut. Sein Kindermädchen war Russin und brachte ihn oft in die orthodoxe Kirche. Dort spielte der kleine Andreas mit dem Sohn eines Priesters – Aljoscha. Später traf sich Meyer-Landrut wieder mit ihm, aber da hieß er nicht mehr Aljoscha, sondern Alexius II, Patriarch von Moskau und der ganzen Rus.

    Nach dem Abitur am Ratsgymnasium Bielefeld studierte Meyer-Landrut Slawistik, osteuropäische Geschichte und Soziologie in Zagreb und Göttingen, wo er mit einer Dissertation über das kroatische Theater des 19. Jahrhunderts zum Dr. phil. promovierte.

    Mit Gott und langen Unterhosen durch Russland

    1955 trat Andreas Meyer-Landrut ins Auswärtige Amt ein, zu seinen Auslandsposten gehörten Brüssel, Tokio und Brazzaville. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse gehörte er bald zu den Russlandspezialisten im diplomatischen Dienst. 1957 kam er nach Moskau in die kurz zuvor eröffnete Deutsche Botschaft. Damals riet ihm sein Freund, tunlichst „mit Gott und langen Unterhosen“ nach Russland zu reisen. Aus Angst vor der eisigen Kälte packte der junge Attaché zusammen mit warmen Unterhosen auch den Biberpelzmantel seines Großvaters ein. Dies wird er später in seinem autobiographischen Buch „Mit Gott und langen Unterhosen. Erlebnisse eines Diplomaten in der Zeit des Kalten Krieges“ beschreiben.

    Ab 1970 leitete er als anerkannter Russlandexperte die Außenstelle des Außenministeriums der UdSSR. Insgesamt fünfmal bekleidete er Posten in der Deutschen Botschaft in Moskau. Als zweimaliger Botschafter (1980 bis 1983 sowie 1987 bis 1989) erlebte er die schwierigen Zeiten des Kalten Kriegs. Der Wendepunkt war ein Treffen zwischen Willy Brandt und Leonid Breschnew auf der Krim. Breschnew sei „sehr freundlich“ und Willy Brandt „habe eine überraschend leichte Atmosphäre geschaffen“, erzähle Meyer-Landrut später.

    Noch bevor die Mauer fiel, holte ihn Richard von Weizsäcker 1989 als Leiter des Bundespräsidialamtes nach Bonn und Berlin. Später bereute der Ex-Diplomat, dass er in einem für Russland so wichtigen Moment nicht mehr Teilnehmer, sondern Außenseiter war. 1995 ging Meyer-Landrut in den Ruhestand.

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    „Wir werden wieder zu guten Beziehungen zu Russland kommen“

    Als die Sowjetunion zusammenbrach, stellte Meyer-Landrut fest, dass die einzigen gesellschaftlichen Verbindungen zwischen den beiden Ländern durch die sogenannten russischen Freundschaftsgesellschaften organisiert wurden, die die sowjetische Sicht nach Deutschland zu transportieren versuchten: „Ich dachte damals, dass wir eine Organisation benötigen, die politisch neutral ist“. So initiierte er 1993 gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten die Gründung des Deutsch-Russischen Forums und bleibt bis heute Ehrenvorsitzender der Organisation.

    Im März 2019 wurde Meyer-Landrut bei einer Preisverleihung des Deutsch-Russischen Forums geehrt. Der Ex-Diplomat sagte in seiner Dankesrede: „In der heutigen Zeit, in der die politischen Beziehungen milde gesagt zu wünschen übrig lassen, sind Kultur und Wirtschaft die Säulen des Daches, auf dem unsere Beziehungen ruhen.“

    Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern seien „nicht schlecht“, so Meyer-Landrut. „Besonders ärgerlich“ seien jedoch die Sanktionen und die „Störfeuer gegenüber Nord Stream 2“. Zu der Gas-Pipeline sagte er: „Es ist natürlich besonders ärgerlich, dass jetzt auch noch das Europaparlament sich bemüßigt gefühlt hat, eine Resolution zu verabschieden, die den Bau dieser Leitung ablehnt. Dabei wissen, glaube ich, diese Herren Abgeordneten nicht,  dass sie sich ins eigene Fleisch schneiden, denn es ist ganz klar, dass die Notwendigkeit, mehr Gas nach Europa zu bringen, in den nächsten Jahren stark ansteigen wird. Dann müssen die Herrschaften, wenn sie Erfolg haben sollten, Gas von den arabischen Staaten oder den USA kaufen. Und das wird sehr viel mehr kosten, als das russische Gas.“ Zum Schluss seiner Dankrede zeigte sich Meyer-Landrut trotzdem zuversichtlich: „Ich bin absolut positiv überzeugt, dass wir wieder zu guten Beziehungen zu Russland kommen werden.“

    Der ehemalige Botschafter wurde auch mit dem Ehrenzeichen des Außenministeriums der Russischen Föderation für „seine langjährige völkerverbindende Tätigkeit im Dienste der deutsch-russischen Beziehungen“ ausgezeichnet – eine Ehre, die nur selten einem Nicht-Russen zuteilwird.

    BRD-Botschafter Andreas Meyer-Landrut (l.) und Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion Hans-Jochen Vogel in Krasnogorsk (Archiv)
    © Sputnik / Sergej Guneew
    BRD-Botschafter Andreas Meyer-Landrut (l.) und Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion Hans-Jochen Vogel in Krasnogorsk (Archiv)
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    Tags:
    Beziehungen, Leonid Breschnew, Willy Brandt, Helmut Kohl, Botschafter, Andreas Meyer-Landrut, UdSSR, Deutschland