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14:41 21 Oktober 2019
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    Apotheose der Herrschaft von Katharina II.

    Vergessenes „russisches Reich“ in Friesland: „Für St. Petersburg war Jever fern“

    © Foto: Ermitage/Wikicommons
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    Teile Frieslands standen einst unter russischer Verwaltung. Denn die Stadt Jever – bekannt durch das gleichnamige Bier – gehörte einst zum Russischen Zarenreich. „Das war eine formale Herrschaft“, erklärte ein Oldenburger Archivar. „Spuren davon sind bis heute in unserem Schlossmuseum in Jever zu finden“, so eine Historikerin aus der Region.

    Wer die sogenannte Herrschaft Jever historisch betrachtet, die einst unter russischer Formalherrschaft stand, kommt am Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg nicht vorbei. Dort war Historiker und Archivar Gerd Steinwascher von 2002 bis 2018 leitender Archiv-Direktor. Die Behörde verwaltet und bewahrt historische Überlieferungen aus der Region. „Im Oldenburger Archiv lagern die Urkunden und Aktenbestände der Herrschaft Jever vom Mittelalter bis zu ihrem Aufgehen in den Oldenburgischen Staatsverband“, erklärte Steinwascher im Sputnik-Interview.

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    „Dort finden Sie unabhängig von der Herrschaft Jever viele Urkunden und Akten auch zum Haus Romanow, der alten russischen Zarenfamilie. Mich interessierte schon immer die Verbindung von Regionalgeschichte zur großen europäischen Geschichte.“

    Die norddeutsche Stadt Jever ist heute der Verwaltungssitz des Landkreises Friesland im nördlichsten Niedersachsen. Was viele Deutsche heute nicht mehr wissen: Stadt und Umgebung gehörten im 18. und 19. Jahrhundert mehrere Jahre lang formal zum russischen Zarenreich.

    Von Zar Peter dem Großen …

    Durch familiäre Verbindungen kam es zunächst im frühen 18. Jahrhundert zu einer Annäherung von Holstein-Gottorf an Russland. „In Russland geht die Entwicklung auf Zar Peter I. zurück, die letztlich zu einer Regentschaft der Holstein-Gottorfer im Zarenreich führte.“ Zar Peter der Große habe damals sein riesiges Reich gen Westen geöffnet. „Er holte westeuropäische Fachleute nach Moskau und nach Sankt Petersburg, das er selbst gründete. Das Wesentlichste war: Er öffnete eine Heiratspolitik, die die Romanows bis zu ihrem gewaltsamen Ende 1917 aufrechterhielten. Die angehenden russischen Kaiser wurden mit Prinzessinnen vor allem aus deutschen Fürstenhäusern verheiratet.“ Peter der Große hatte seine älteste Tochter, Anna Petrowna, im Zuge dessen mit einem Herzog aus Holstein-Gottorf verheiratet.

    „Anna Petrowna hatte einen Sohn hinterlassen“, so Steinwascher. „Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorf. Den ließ man nach St. Petersburg holen und baute ihn als Nachfolger für den Zarenthron auf.“ In Russland ist er als Peter III. bekannt. „Dieser noch junge Zarewitsch wurde mit einer ebenso jungen deutschen Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst verheiratet, die nach ihrer Konversion zum orthodoxen Glauben – das war damals notwendig – den Namen Katharina annahm. Das ist die spätere Kaiserin Katharina II.“ Sie regierte ab 1762 als Zarin Russlands.

    … zu Zarin Katharina der Großen

    „Katharina hatte kein echtes Interesse am Herzogtum Holstein-Gottorf und erst recht nicht an der fernen Herrschaft Jever. Holstein-Gottorf tauschte sie an den König von Dänemark und Jever wurde sofort unter eine Statthalterschaft gestellt. Das heißt, Katharina hat nie persönlich in Jever regiert. Ihre Herrschaft war also rein formaler Natur.“

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    Im Jahre 1801 erbte der neue russische Zar Alexander I. die Herrschaft Jever. Wie einst seine Großmutter Katharina die Große beließ er es jedoch bei der bereits vorhandenen politischen Verwaltung Jevers unter Statthalterschaft. In die Weltgeschichte ging Alexanders Kampf gemeinsam mit europäischen Verbündeten gegen den französischen Kaiser und Eroberer Napoleon Bonaparte ein.

    „1806 wurde Jever von französischen Truppen besetzt“, erinnerte der Oldenburger Historiker. „1807 trat Alexander die Herrschaft Jever sogar im Frieden von Tilsit an das Königreich Holland ab, das war so eine Art napoleonischer Satellitenstaat. Dann wurde Jever 1810 sogar ein Teil des französischen Kaiserreichs, wie ganz Nordwestdeutschland. Doch dann wurde es erneut russisch. Denn 1813 marschierten Kosaken in Jever ein im Zuge des Feldzugs Russlands gegen Napoleon. Allerdings hatte auch Alexander I. kein Interesse an einer direkten Herrschaft in Jever. Er überließ sofort die Regierung in Jever seinen Verwandten in Oldenburg. 1818 wurde dann diese Übertragung endgültig urkundlich fixiert, so dass seitdem Jever zu Oldenburg kam.“

    „Jever erinnert sich an russische Vergangenheit“

    „Es ist vielleicht deutlich geworden, dass in St. Petersburg zu keinem Zeitpunkt ein ernsthaftes Interesse an Jever bestand“, bilanzierte er. Allerdings halten sich bis heute Spuren der russischen Formalverwaltung in der friesischen Brauereistadt, die vor allem für das gleichnamige Bier weltbekannt ist.

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    „Es ist durchaus so, dass man sich in Jever an diese russische Herrschaft erinnert. Im Schloss in Jever hängt im Audienzsaal ein großes Porträt der Kaiserin Katharina. Insofern erinnert man sich in Jever durchaus an diese anhalt-zerbstische bzw. russische Vergangenheit. Jeder, der das Schloss und Schlossmuseum in Jever besichtigt, dem wird das auffallen.“

    Katharina erbte Jever auf „besondere Weise“

    Leiterin des Schlossmuseums in Jever ist die Historikerin Antje Sander. „Katharina hatte auf eine ganz besondere Weise die Herrschaft Jever von ihrem verstorbenen Bruder geerbt“, erklärte sie gegenüber Sputnik.

    In jener Zeit hatten laut der Historikerin Siegel, Wappen und Behörden mit russischen Insignien in Jever schon deutlich gezeigt, wer den Flecken Erde in Friesland beherrschte. Die russische Herrschaft wurde so nach außen verdeutlicht, bis es schließlich nach 1818 zur Übernahme der Herrschaft Jever durch das Haus Oldenburg kam.

    „Die Herrschaft Jever war ein Kunkellehen, also ein Lehen, das in weiblicher Linie direkt vererbt werden kann. Das ist im kontinentalen Europa etwas ungewöhnlich, in Skandinavien und im angelsächsischen Raum kennen wir das häufiger. Katharina hatte ab 1793 die Herrschaft in Jever durch eine Statthalterin ausüben lassen. Durch ihre Schwägerin Friederike Auguste Sophie von Anhalt-Bernburg, Gattin ihres verstorbenen Bruders.“ Eine in Jever ansässige soziale Einrichtung trägt bis heute ihren Namen: „Sophienstift“.

    Fernes Jever, fernes Russland

    Das russische Zarenreich hatte um 1818 laut Museumsleiterin und Historikerin Sander „gemerkt, dass die Verwaltungsstrukturen schwer zu organisieren sind, wenn die Herrschaft so weit weg war.“ Daher sei Jever an das Großherzogtum Oldenburg abgetreten worden. Doch das geschichtliche Erbe wirke bis heute nach.

    Schlossmuseum Jever
    © Foto : Schlossmuseum Jever
    Schlossmuseum Jever

    Das Schlossmuseum in Jever sammle bis heute „Urkunden, schriftliche Überlieferungen und Amtsbriefe aus jener Zeit. Auf diesen ist das russische Wappen, der Doppel-Adler, zu sehen. Russisch wurde jedoch nie Amtssprache, es galt immer Deutsch. Aber wir haben zum Beispiel in unserem Bestand im Museum Objekte wie ein Postschild mit dem russischen Doppel-Adler. Das war damals präsent an den Amtsstuben und in öffentlichen Gebäuden. Wir haben auch ein Bild, das den Einzug der Kosaken in Jever zeigt. Wir haben sogar zwei Kosaken-Lanzen aus dieser Zeit bei uns im Bestand. Die russische Zeit ist durchaus präsent.“

    Städtepartnerschaft zwischen Jever und Zerbst

    Im Schlossmuseum gebe es weiterhin Porträts russischer Herrscherinnen und Herrscher. Außerdem unterhalte das Museum in Jever eine sehr enge und fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Schlossmuseum in Zerbst (Sachsen-Anhalt), der Heimatstadt Katharinas der Großen. „Zerbst ist die Partnerstadt von Jever. Gleich nach dem Fall der Mauer hat man diese Städtepartnerschaft intensiviert und ausgebaut. Sie lebt auch wirklich. Ich war selbst schon öfters in Zerbst. Wir haben schon viele Ausstellungen im Zuge dieser Kooperation organisiert.“ Sie erinnerte beispielsweise an das Kultur-Projekt „Ferne Fürsten“.

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    „Für mich bedeutet die Vergangenheit Jevers, dass europäische Geschichte auch immer Regionalgeschichte ist. Das finde ich sehr wichtig. Das ist miteinander verwoben“, sagte die Museums-Leiterin zum Abschluss.

    Das Schlossmuseum in Jever hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Mehr Informationen, auch zu aktuellen Ausstellungen und Veranstaltungen, per Telefon unter 04461 – 969350 oder online auf

    www.schlossmuseum.de.

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Gerd Steinwascher zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Antje Sander (Schlossmuseum Jever):

     

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    Museum, Kosaken, Napoleon, Napoleon Bonaparte, Russisch-orthodoxe Kirche, Heirat, Westen, Moskau, St. Petersburg, Zar Peter der Große, Peter der Große, Geschichte, Zarin, Zar, Romanow-Dynastie, Interview, Sputnik, Mittelalter, Archiv, Historiker, Niedersachsen, Herrschaft, Historikerin, Spuren, Russland, Deutschland