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11:59 21 Oktober 2019
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    Deutscher Großindustrieller Herbert Werner Quandt mit Ehefrau Johanna Quandt, 1971

    Kein Problem? – Nazi als Namensgeber für Medienpreis

    © AFP 2019 / dpa
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    Jedes Jahr nehmen Journalisten den Herbert-Quandt-Medienpreis „im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk“ des NS-Unternehmers entgegen. Dieser beschäftigte Zwangsarbeiter aus dem firmeneigenen Konzentrationslager, entwarf noch zu Kriegsende neue Pläne für ein KZ. Die Geschichte ist bekannt. Das war`s. Auch wegen unkritischer Preisträger.

    Den mit 50.000 Euro dotierten Herbert-Quandt-Medienpreis gibt es seit 1986. Zu den Preisträgern gehören Journalisten großer Medienhäuser, auch öffentlich-rechtlicher Sender. In diesem Jahr geht der Preis an Autoren von Capital, Handelsblatt, Wirtschaftswoche und an einen vom WDR koproduzierten Dokumentarfilm.

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    Noch vor etwa 10 Jahren sei die Kritik an dem Preis und seinem Namensgeber allerdings groß gewesen: Mitglieder der Jury traten aus,  das Magazin „Spiegel“ entschied sich, das Preisgeld lieber zu spenden, erinnert die Zeitung Taz.

    Der Preis trägt nämlich den Namen eines NS-Unternehmers:  So beschäftigte Herbert Quandt als Personalchef in der Akkumulatorenfabrik AG, einer Vorgängerfirma von Varta, seinerzeit tausende KZ-Häftlinge für die Batterieproduktion in Hannover-Stöcken. Hunderte Zwangsarbeiter starben in dem firmeneigenen, gemeinsam mit der SS unterhaltenen Konzentrationslager. Quandt war für die katastrophale Ernährung und mangelnde Ausrüstung der Zwangsarbeiter direkt verantwortlich. Seine Firma kalkulierte mit monatlicher „Fluktuation“: Arbeitsunfähigkeit oder Tod von 80 Zwangsarbeitern. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde dies durch eine im Jahr 2007 publizierten TV-Dokumentation. In dieser berichteten ehemalige KZ-Häftlinge von den Bedingungen in Hannover. Noch zum Kriegsende habe Herbert Quandt zudem persönlich neue Pläne für ein weiteres KZ-Außenlage entworfen.

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    Und dennoch gäbe es weiterhin diesen Preis, der jährlich „im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk“ Quandts verliehen würde, konstatiert die Taz. Es scheint „Gras“ über die „Sache“ und die einstige Diskussion, die der Dokumentarfilm seinerzeit nachgezogen hatte, gewachsen zu sein. So hätten mittlerweile Journalisten des Magazins „Spiegel“ den Preis auch wieder angenommen, etwa 2017 für eine Reportage.

    Die Familie Quandt selbst habe sich nach der Doku zwar ebenfalls mit der Vergangenheit Herbert Quandts auseinandergesetzt, berichtet die Zeitung, doch sei es nicht für notwendig erachtet worden, den Medien-Preis umzubenennen oder gar einzustellen: In Ansehung seines Lebenswerks wäre man zu einem Gesamtbild gekommen, welches es rechtfertige, den nach Herbert Quandt benannten Preis auch weiterhin zu verleihen, habe es aus dem hause Quandt geheißen.

    Auf Anfrage der Taz hätten sich die diesjährigen Preisträger entweder in Schweigen gehüllt, den Preis als „gelebte Erinnerungskultur“ bezeichnet oder einfach auf die „Aufarbeitung“ durch die Familie Quandt verwiesen. In der prämierten Doku des WDR gehe es übrigens um fragwürdige Arbeitsbedingungen im Bereich Content Moderation auf den Philippinen, bemerkt die Taz.

    Immerhin fänden die beiden Autoren des Films den Erhalt des Namens Herbert Quandt im Titel des Medienpreises „mehr als zweifelhaft“, sie hofften, die zuständige Stiftung würde sich für eine andere Namensgebung entscheiden, so der Bericht. Doch den Preis abzulehnen käme nicht in Frage. Könnten sie doch mit dem Preisgeld weitere Filme produzieren. Die Finanzierung dafür bekämen sie dann am 22. Juni, zum Geburtstag des Nazis.

    ba

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    Tags:
    Doku, Diskussionen, Diskussion, Persönlichkeit, Gedenken, Öffentlichkeit, Verantwortung, Verantwortliche, verantwortlich, SS, Häftlinge, taz, Preisgelder, Spiegel, Kritik, WDR, Handelsblatt, Jury, Journalisten, Preisträger, Medienpreis, Geschichte, Zwangsarbeiter, KZ, Konzentrationslager, Unternehmen, Unternehmer, Nazi-Deutschland, Nazis