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    Theodor-Fontane-Gedenkstein bei Falkenberg in Brandenburg

    „Ein interessantes Mosaik": Theodor Fontanes detektivische Arbeit – Eine Spurensuche

    CC BY-SA 3.0 / Markus Schweiss / Theodor Fontane im Profil als Treibarbeit bei Falkenberg, Deutschland
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    Theodor Fontanes Geburtstag jährt sich 2019 zum 200. Mal. Von Juni bis Dezember ist in Potsdam die Schau „Fontane — Bilder und Geschichten“ zu sehen. Sputnik hat sich mit der Kuratorin Dr. Christiane Barz auf die schriftstellerischen Spuren begeben und einen Eindruck von Fontanes detektivischem Vorgehen bekommen.

    Brandenburg strotzt dieser Tage nur so von geballter „Theodor-Fontane-Kraft“: Die Orte der Mark, die der Neuruppiner Fontane von 1859 bis 1889 durchwanderte und detailliert in seinem 3000 Seiten umfassenden monumentalen Werk beschrieb, zelebrieren „ihren“ Schriftsteller.

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    Theodor Fontane (1819-1898) hat „Brandenburg literarisch erschlossen“, er hat Reisefeuilletons verfasst und es so „kulturhistorisch neu vermessen“, ordnet die Literaturwissenschaftlerin Dr. Christiane Barz die Bedeutung des Schriftstellers für die Region ein.

    Der Titel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg" suggeriere zwar, dass Fontane tatsächlich „Wanderungen" unternommen hätte, allerdings sei Fontane „nur im Notfall“ gewandert und dies auch nicht so gern: Die Spaziergänge durften nicht länger als etwa fünf Kilometer sein. Als hauptberuflicher Journalist habe Fontane seine Reisen sehr genau und kostenbewusst geplant. Er sei viel mit der Bahn, mit Miet-oder Postkutschen gefahren sowie an Bord von Schiffen und Kähnen gegangen.

    Die Neugier für die heimische Region erwuchs in Fontane über einen Umweg: Inspiriert von Reisen in den 50er Jahren des 19.Jahrhunderts nach Schottland und England, wo er auch als Korrespondent tätig war. Beim Verfassen eines Reisebuchs über Schottland sei ihm 1858 der Gedanke gekommen, ein solches auch über die Kultur und Geschichte seiner Heimat Brandenburg zu verfassen. Er habe gewissermaßen eine „Fata-Morgana" gesehen, als ihm Rheinsberg an einem schottischen Schloss stehend in einer Vision erschien.

    Der gebürtige Neuruppiner machte Werbung für seine Heimat, war er doch begeisterter Brandenburger: „Die Wanderungen" waren sein erster  Erfolg zu Lebzeiten und sind es bis heute noch, berichtet die Kuratorin der Ausstellung. Seine Absicht, die von der Reiseliteratur stiefmütterlich behandelte „Mark" aufzuwerten, sei somit aufgegangen.

    Dabei schöpfte er für seine Geschichten und Beschreibungen aus unterschiedlichsten Quellen: Urkundensammlungen, Landkarten, Chroniken und Adelsarchive wurden akribisch studiert, bevor er sich auf den Weg machte. Um dann mit einem „Sack voller Eindrücke" von Landschaft, Reiseerlebnissen, Gesprächen, Memoiren und Briefen oder Gemälden von seinen Touren wiederzukommen. Fontanes Kunst war es, diese Einzelstücke in seine Erzählungen zu gießen: „ein interessantes Mosaik" würde so entstehen, analysiert die Wissenschaftlerin.

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    So verbindet Fontane kleine „Flecken" mit „Preußischer Großgeschichte": Auch der Ausstellungsbesucher kann an 17 Stationen nacherleben, was Fontane an Ort und Stelle für wichtig befunden hatte.

    Seinen Bericht von der sogenannten „Katte-Tragödie" etwa, die mit den Orten Küstrin und Wust verbunden ist. Hans Herrmann Katte war Jugendfreund von Kronprinz Friedrich, dem späteren Regenten von Preußen Friedrich II. Gemeinsam erfolglos desertiert, kam der Kronprinz vor dem Kriegsgericht in Köpenick mit dem Leben davon, Katte jedoch wurde in der Festung Küstrin enthauptet: vor den Augen Friedrichs, so die Überlieferung. Die Geschichtsschreibung setzte sich fortan mit den Nöten des zurückgebliebenen Kronprinzen auseinander. Fontane jedoch widmete sich Kattes Schicksal als vermeintlicher Nebenfigur der Tragödie und erzählte aus seiner Perspektive seine Geschichte.

    Geradezu detektivisch erarbeitet er die Details: Wo stand der Königssohn, wo genau ging das Schwert des Scharfrichters auf Kattes Hals nieder. Von Fontane gesammelte Memorabilia zum Fall und das Schwert des Scharfrichters sind ebenfalls in der Ausstellung in Potsdam zu sehen.

    Ein Zeitgenosse Fontanes war Alexander von Humboldt. Dieser bereiste die Welt, unternahm auch eine Russlandexpedition. Das Zarenreich selbst war für den Brandenburger Fontane keine Destination, doch interessierte er sich für einen der bedeutendsten Russen: Den Schrifsteller Iwan Turgenjew. (1818 bis 1883). Der Literat Fontane habe nämlich über seine eigene Literatur und seine „Art des Realismus" reflektiert, die er in Abgrenzung  und in Anlehnung an andere europäische Literatur, wie die Russlands, geformt habe, erläutert Dr. Barz.

    „Keinen Tropfen Erquicklichkeit" etwa fand er in Turgenjews Ouevre und dessen „fotografischem Apparat in Auge und Seele": Fontane bemängelte das Fehlen von „Verklärung". Als „grenzenlos prosaisch" tutuliert gefiel ihm Turgenjews „unpoetischer Realismus" nicht, sprach dem russischen Literaturfürsten gar das künstlerische Element ab: „Wer so beanlagt ist, soll Essays schreiben, aber nicht Novellen", lamentierte Fontane, dem Turgenjews Pessimismus gegen den Strich ging.

    Damit habe Fontane sich eine „Gegenposition" geschaffen, von der er sich dann mit seinem eigenen Konzept des poetischen, verklärten Realismus abgesetzt habe, erläutert die Literaturwissenschaftlerin Barz.

    Die Ausstellung „Fontane — Bilder und Geschichten“ ist vom 7.Juni bis 30.Dezember 2019 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu sehen.

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    Hier das Interview zum Nachhören:

     

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