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22:16 15 Juli 2019
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    Ostdeutschland schrumpft und Westen profitiert – Studie über Bevölkerungsschwund

    © AFP 2019 / ODD ANDERSEN
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
    205414

    Mehr als vier Millionen Ostdeutsche haben seit der Maueröffnung 1989 und der Einheit 1990 ihre Heimat verlassen. Das hat mit dafür gesorgt, dass Ostdeutschland eine Einwohnerzahl aufweist wie zuletzt 1905. Darauf macht eine aktuelle Analyse aufmerksam. Sie warnt ebenso vor den Folgen und fordert eine Korrektur der Politik.

    Schöne Fassaden, renoviert oder neugebaut, aber dahinter zunehmend Leere – so lässt sich Ostdeutschland beschreiben. Was nach einen riesigen Potjomkinschen Dorf klingt, hat eine Ursache: In den ostdeutschen Bundesländern leben immer weniger Menschen. Ihre Zahl ist inzwischen so niedrig wie zuletzt 1905. Das hat der Wissenschaftler Felix Rösel vom Ifo Institut München, Niederlassung Dresden, herausgefunden. Das Ausmaß der Entwicklung werde bis heute „drastisch unterschätzt“, schreibt er in seiner am Mittwoch veröffentlichten Analyse.

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    Rösel hat die Bevölkerungsentwicklung in Ost- und Westdeutschland seit 1871 untersucht und stellt fest: „Aufgrund demographischer Veränderung sowie Massenabwanderung ist die Einwohnerzahl im Osten inzwischen auf die des Jahres 1905 zurückgegangen. In einigen ländlichen Regionen haben die Bevölkerungszahlen gar den Stand von Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht, mit weiter rückläufiger Tendenz.“ Er zeigt auch: Der Westen hat mehrfach vom Schwund im Osten profitiert, weil von dort im Laufe der Jahrzehnte gerade junge und gut qualifizierte Menschen abwanderten – bis heute.

    Der Ifo-Wissenschaftler schreibt, die „optischen Flurschäden des Sozialismus in Ostdeutschland“ seien 30 Jahre nach der Maueröffnung nicht mehr zu sehen. „Ihren alten historischen Glanz haben die meisten ostdeutschen Städte und Gemeinden zurück. Das einzige was ihnen fehlt, sind ihre Einwohner.“ Deren Zahl sei aber ein wichtiges Merkmal „für die langfristige Attraktivität und wirtschaftliche Stärke einer Region. Boomende, attraktive Regionen ziehen verstärkt neue Einwohner an, und die Geburtenraten steigen. Aus schwächelnden Regionen mit weniger guten Perspektiven wandern Menschen dagegen ab, die Einwohnerzahlen sinken.“

    Deutsche Teilung als Grundursache

    Die Teilung Deutschlands 1949 in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) habe die bis heute anhaltende Entwicklung verursacht, meint Rösel. Und: „Wäre die Einwohnerzahl in Ostdeutschland nach Kriegsende genauso gewachsen wie in Westdeutschland, würden in Ostdeutschland heute rund doppelt so viele Einwohner leben. Dresden und Leipzig (heute ca. 550.000 Einwohner) wären jeweils Millionenstädte!“

    Die Frage, wer die Teilung damals anstrebte und mit allen Mitteln durchsetzte, stellt der Autor nicht. Der historischen Korrektheit wegen muss aber erwähnt werden, dass es die westlichen Alliierten waren, die Deutschland teilten. Nach Kriegsende 1945 waren sie schnell wieder auf antisowjetischem und antikommunistischem Kurs. Und so sind Verursacher wie Nutznießer der von Rösel nachgezeichneten dramatischen Entwicklung im Westen zu finden.

    Seinen Erkenntnissen zufolge hatten Ende der 1940er Jahre sowohl Ost- wie auch Westdeutschland noch einen Bevölkerungszuwachs von etwa 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Jahr 1936 zu verzeichnen, auch dank der Vertriebenen. Mit der Gründung von BRD und DDR im Herbst 1949 seien Ost und West „massiv und nahezu ungebremst auseinander“ gedriftet.

    Massenflucht aus der DDR

    Den neugegründeten Staat in Ostdeutschland, den der Historiker Wilfried Loth in einem Buch als „Stalins ungeliebtes Kind“ bezeichnete, verließen vor allem gut qualifizierte Menschen. „Bis zum Jahr des Mauerbaus, 1961, hatte Ostdeutschland nahezu den kompletten Bevölkerungszuwachs der Jahre 1945 und 1946 von rund zwei Millionen Neubürgern wieder verloren“, so Rösel. In der Folge habe die Bevölkerungszahl der DDR bis 1989 nie die Marke von 17 Millionen Menschen überschritten.

    Die Bundesrepublik habe dagegen dank Massenflucht aus der DDR, dem Babyboom der 1960er Jahre und den Gastarbeitern vor allem aus Südeuropa ein enormes Bevölkerungsplus zu verzeichnen gehabt. „Westdeutschland war von rund 40 Millionen Einwohnern vor dem Krieg auf über 60 Millionen Einwohner und damit um fast 50 Prozent gewachsen“, so der Autor.

    Mit der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung ein knappes Jahr später habe die durch den Mauerbau unterbrochene Abwanderung aus dem Osten wiedereingesetzt. Erneut hätten Millionen Ostdeutsche ihre Heimat verlassen, „diesmal getrieben von Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit“.

    Deindustrialisierung mit Folgen

    Um welche Zahlen es sich handelt, ist unter anderem auf der Website des „Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer“, derzeit Christian Hirte (CDU), nachzulesen: „Rund vier Millionen Ostdeutsche (einschließlich Berlin) verließen ihre Heimat.“ Das war Stand 2012 und hörte damit nicht auf. Das sind doppelt so viele wie seit 1949 bis zum Mauerbau 1961. Das gehört zu den Folgen der Deindustrialisierung des einstigen DDR-Gebietes nach der Öffnung der Mauer und der Übernahme durch die westdeutschen Eliten.

    Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat bis 2016 den mit Abstand größten Schwund die thüringische Stadt Suhl zu verzeichnen, die seit 1990 rund 39 Prozent ihrer Einwohner verlor. „Aber auch vier weitere Kreise sind um über 30 Prozent geschrumpft: die Stadt Frankfurt (Oder) und der Landkreis Oberspreewald-Lausitz in Brandenburg sowie die Landkreise Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt und Görlitz in Sachsen.“ In Görlitz könnte am 16. Juni mit Sebastian Wippel der erste AfD-Oberbürgermeister in Deutschland gewählt werden.

    Nur weil rund drei Millionen Menschen von West nach Ost zogen, liegt der ostdeutsche Saldo nur bei einem Minus von rund 1,2 Millionen Menschen. Erst in diesem Jahr 2019 meldete das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erstmals mehr Umzüge von West nach Ost als umgekehrt – weil weniger Ostdeutsche wegzogen.

    Profiteure sitzen im Westen

    Das Ergebnis laut Ifo-Wissenschaftler Rösel: „Westdeutschland profitierte ein zweites Mal vom Zuzug junger und gut qualifizierter Menschen aus dem Osten – die nach 1949 gerissene ‚Teilungslücke‘ verdoppelte sich seit 1990 nochmals. Westdeutschland hat eine um 60 Prozent höhere Einwohnerzahl als vor dem Zweiten Weltkrieg, Ostdeutschland eine um 15 Prozent geringere Einwohnerzahl.“

    Interessant sind seine Schlussfolgerungen mit Blick auf die politische Landschaft Ostdeutschlands und die Förderpolitik gegenüber den ostdeutschen Bundesländern. Rösel sieht in der nach 1949 entstandenen „Teilungslücke“ eine „mögliche Wurzel“ der steigenden Unzufriedenheit der Ostdeutschen, die sich in Wahlergebnissen ausdrückt. Die moderne Infrastruktur, „Leuchtturm“-Unternehmen und die schönen Fassaden im Osten würden im Westen für Unverständnis gegenüber der ostdeutschen Stimmung sorgen.

    Zu dem Bevölkerungsschwund würden „neue Enttäuschungen“ hinzukommen, „dass die ersehnte Transformation zu Demokratie und Marktwirtschaft nach 1990 am Auseinanderdriften von Ost und West nichts änderte, ganz im Gegenteil“. Was der einst im Dezember 1989 in Dresden bejubelte Helmut Kohl versprach, die „blühenden Landschaften“, wurde nicht wahr gemacht. Zwar hat die Natur in Ostdeutschland neue Räume erobert – aber so haben viele Ostdeutsche Kohl einst nicht verstanden.

    Der Ifo-Wissenschaftler forderte „geeignete Antworten“ der Finanz- und Förderpolitik in Ostdeutschland. Die müsse sich besonders um den ländlichen Raum kümmern: „Keine noch so stark auf die größeren Städte ausgerichtete ‚Leuchtturmpolitik‘ wird die seit 1949 aufklappende ‚Teilungslücke‘ zwischen Ost und West auch nur ansatzweise wieder schließen können.“ Er warnt vor den Folgen, wenn sich nichts ändert: „Stattdessen drohen bei einer solchen Politik genau solche Regionen abgehängt und vergessen zu werden, die nach 1949 in einen nicht selbst verschuldeten Sog der Geschichte gerieten.“

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    Tags:
    blühende Landschaften, Helmut Kohl, Dresden, Demokratie, Marktwirtschaft, Stimmung, Unternehmen, Infrastruktur, Unzufriedenheit, Schlussfolgerungen, Zweiter Weltkrieg, Zuzug, Deutschland, Thüringen, Brandenburg, Sachsen, Arbeitslosigkeit, Alliierte, Entwicklung, BRD, BRD, DDR, DDR, DDR, Menschen, Perspektiven, Wirtschaft, Attraktivität, Städte, Sozialismus, Schwund, Korrekturen, Ureinwohner, Westen, Westen, Folgen, Politik, Ostdeutschland, Ostdeutschland, Einheit, Mauerfall, Ostdeutsche Bundesländer, Ostdeutsche