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06:21 19 Juli 2019
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    Sowjetische Ärzte und Verteter des Roten Kreuzes mit Kindern in dem befreiten KZ Auschwitz (Archivbild)

    Kinder im KZ: Was wir gesehen haben, bleibt mit uns fürs ganze Leben

    © Sputnik / B. Fischmann
    Gesellschaft
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    Sascha Konkina
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    Unter den Häftlingen der Konzentrationslager befanden sich viele Jugendliche und Kinder. Im nationalsozialistischen Vernichtungsprozess sind sie fast chancenlos gewesen: Das Schicksal eines Kindes, das nach Auschwitz oder Buchenwald kam, stand in den Sternen geschrieben.

    Dank glücklicher Umstände und da es Menschen gab, die diesen Kinder halfen, konnten einige überleben. Im Gespräch mit Sputnik reden sie über das erlittene Grauen, über ihre traumatischen Erlebnisse, damit die Nachwelt das nicht vergisst.

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    „Plötzlich fielen die Faschisten in unser Dorf ein. Die Alten, die wegen ihrer Schwäche auf dem Herd saßen, hatten nicht einmal Zeit, das Haus zu verlassen. Die Faschisten setzten sofort alles in Brand, das Dorf ging in Flammen auf. Wir alle wurden sofort direkt zum Bahnhof geführt und in einen Zug verfrachtet. Und so kamen wir nach Deutschland“, erzählte Sinaida Laschuk.

    In den Konzentrations- und Arbeitslagern kamen Millionen sowjetische Bürger ums Leben, darunter Hunderttausende Kinder. Nur ein Kind von 10 Kindern durfte die Befreiung miterleben.

    Die gestohlene Kindheit im KZ – Kann die Zeit diese Wunden heilen?

    Kleine Jungen hinter dem Stacheldraht von Auschwitz mit Nummern auf ihren Armen, die verhungerten Kinder von Buchenwald, Kinder, an denen der KZ-Arzt Mengele seine „Experimente“ vornahm – diese Bilder säen bis heute Angst.

    „Wir fuhren einige Tage, es gab kein Essen und Wasser. Wir waren verhungert, verdurstet, mehr tot als lebendig. Endlich kamen wir in einer Stadt an und ein Junge fragte den Wachmann, wie die Stadt heißt. ‚Auschwitz‘, antwortete er“, rief Jewgeni Kowaljow fürchterliche Erinnerungen ins Gedächtnis.  „Jeden Monat wurden wir selektiert, und die schwachen Kinder wurden mit Methoden von KZ-Arzt Josef Mengele vernichtet. Meine Nummer 149568 ist auf meinem Arm für das ganze Leben geblieben.“

    „Zuerst kamen wir nach Schneidemühl, wo wir nach Nationalitäten zugeteilt wurden. Als Russen gerieten wir in das Lager Berlin-Schöneweide. Die Bedingungen waren schrecklich, wir bekamen 50 Gram Brot pro Tag. Hunger, Hunger, Hunger. Einmal sprach ein Soldat meine Mutter an. ‚Komm!‘, sagte er. Mein erster Gedanke war: Das ist das Ende. Aber er führte sie zu einem Faß mit Tomaten und sagte einfach ‚Kinder‘“, erinnerte sich Irina Bogdanowa. In ihrer Heimatstadt Puschkin bei Leningrad konnten nur 250 Einwohner die Befreiung im Jahr 1944 feiern. Am Anfang des Krieges wohnten dort mehr als 56.000.

    „Unsere Lagerkommandantin war sehr hart und streng: Für jedes Ungehorsamsein schickte sie die Menschen ins Kriegsgefangenenlager; von dort kehrte niemand zurück. Aber als ihr Mann an der Ostfront gefallen war, hörte sie auf, so grausam zu sein. Sie erlaubte meiner Mutter sogar, nicht zur Arbeit zu fahren, sondern ihr Haus zu putzen. Einmal hat Mama mich mitgenommen. Da sah ich zum ersten Mal eine Holzpuppe, die man an den Händchen ziehen konnte; wir hatten aber keine Spielzeuge. Es war eine Riesenfreude“, erzählte Lidija Krjukowa. Diese Holzpuppen kauft Lidija nun jedes Mal, wenn Sie nach Deutschland kommt, um den einzigen hellen Flecken dieser schrecklichen Kriegszeit aufleben zu lassen.

    „Einmal wurde ich im Lager sehr krank. So krank, dass ich kaum noch atmen konnte, und ich halbtot dalag. Und dann kam eine Deutsche, eine Wächterin. Mutter war schon dazu bereit, dass sie das Kind mitnehmen würde und dass meine Mama mich nie wiedersehen würde. Wer sie ist oder wie sie heißt, weiß ich nicht. Doch sie hatte Mitleid mit mir und brachte am nächsten Tag Arznei mit. Wenn man über diese schrecklichen Momente, über diese Tragödie sinniert, dann erinnert man sich gleichzeitig auch an die Freundlichkeit dieser Menschen“, wischte sich Sinaida Laschuk Tränen aus den Augen. „Das, was wir mit Kinderaugen gesehen haben, ist schlimmer als bei Erwachsenen – denn es bleibt mit uns fürs ganze Leben.“

    In den KZs durften Kinder keine Kinder sein. Die Situation in Bezug auf die Kinder und Jugendliche war ebenso schlimm und oft schrecklicher oder tödlicher als bei den Erwachsenen. Kinder, die im KZ geboren wurden, bekamen überhaupt keine Lebenschance – die Memoiren Überlebender erwähnen, wie dort mit Babys verfahren wurde, und das war so, dass selbst die emotional „abgehärtetsten“ Gefangenen überfordert waren. Die Überlebenden unter jenen Kinder treten heute als wichtige Zeugen dieser schrecklichen Zeit auf. Einer Zeit, die für die meisten vorbei ist, für sie aber nie vergeht, denn die Zeit kann offenbar nicht alle Wunden heilen.

    Tags:
    Kinder, Interview, Häftling, Geschichte, Gedenken, Holocaust, Verbrechen, Massenmord, Juden, Adolf Hitler, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), NSDAP, Drittes Reich, Konzentrationslager, KZ