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    Proteste für demokratische Reformen in Ost-Berlin am 4. November 1989

    „Nur noch bröckelnde Fassade“ – Friedrich Schorlemmer über die DDR 1989. Teil 1

    © AP Photo / Dieter Endlicher
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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (50)
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    In Predigten, Vorträgen und Texten hat der Theologe Friedrich Schorlemmer ausgesprochen, was viele in der DDR bedrückte und dachten. Neben Achtung und Anerkennung hat er dafür auch Misstrauen geerntet. Gegenüber Sputnik beschrieb er seine Sicht auf das untergegangene Land. In Teil 1 erinnert er sich vor allem an 1989.

    Friedrich Schorlemmer, Jahrgang 1944, ist Pfarrer und Theologe und war einer der Aktivisten der Bürgerbewegung in der DDR. Der Schriftsteller Walter Jens beschrieb ihn als „ein Mann zwischen den Fronten“: „Gestern als rebellischer Pfaffe, Anwalt der Wehrdienstverweigerer und entschiedener Gorbatschowist in die Büros der Staatssicherheit zitiert …, gestern als Christ des Dritten Wegs bespitzelt, geschurigelt, an den Pranger gestellt, wird Schorlemmer heute als Roter beargwöhnt.“ Das erlebe der bürgerbewegte Pfarrer, weil er die Idee eines libertären Sozialismus nicht aufgegeben habe. Was Jens im Vorwort des 1990 erschienen Buches „Träume und Alpträume“ mit Texten Schorlemmers von 1982 bis 1990 beschrieb, gilt bis heute.

    Schorlemmer befand das Land in seinen letzten Jahren als „marode“. Auf einer Veranstaltung während der Leipziger Buchmesse in Leipzig im Februar dieses Jahres sagte er, dass er froh sei, dass die DDR verschwunden ist. Dabei hatte er zu jenen im untergegangenen Land gehört, die sich 1989/90 gegen eine schnelle Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland (BRD) wandten.

    „Ich bin heute nicht klüger als damals“, sagte der bürgerbewegte Theologe dazu im Gespräch mit Sputnik im Mai in Wittenberg, seiner Heimatstadt. „Diesen kritischen Blick möchte ich mir auch bewahren“, fügte er hinzu. Schorlemmer bezeichnete sich als Sozialdemokrat „ganz und gar“ – „mit dem Blick für das Mögliche und der Perspektive dessen, was noch sein muss, dass etwas anders werden kann“.

    „Die DDR war am Schluss nur noch eine bröckelnde Fassade“, sagte er. „Die Fassaden logen nicht mal mehr über das, was dahinter war: ödes Grau und geistlose Parolen. Alles war schon kaputt, die Fassade und was dahinter war. Es ist die Wirklichkeitsallergie, wie es Günter Kunert sagte, gewesen, an der die DDR und ihr Gesellschaftssystem kaputt gegangen ist.“

    Utopieloses Land ohne Chance

    Das Land - gänzlich utopielos - habe keine Chance mehr gehabt, so der Theologe. Das habe auch an der sowjetischen Führung gelegen, die zu spät den realsozialistischen Staaten, also dem „Ostblock", eine eigene Entwicklung zugestanden habe. Das „Land war längst farblos!“, kommentierte Schorlemmer die Losung der SED in den letzten Jahren vom „Sozialismus in den Farben der DDR".

    Friedrich Schorlemmer im März 2019 bei einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Friedrich Schorlemmer im März 2019 bei einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse

    Michail Gorbatschow hätte nicht erst am 7. Oktober 1989 in die DDR reisen sollen, meinte Schorlemmer. Der einstige Hoffnungsträger aus der Sowjetunion hätte „alle die mobilisieren müssen, die auch für Perestroika, Glasnost und einen radikalen Umbau der SED eintreten wollten“. Er selbst habe alles gelesen, was er von Gorbatschow seit Februar 1985 bekommen konnte, gestand der Theologe ein. „Das war keine politische Lyrik, das war sozialistischer demokratischer Aufbruch.“ Darin habe er sich auch wiederfinden können. Das schloss radikale Systemkritik und eine "umwälzende Praxis" (Marx) ein.

    Ihn habe geprägt, was er 1968 selbst in Prag erlebt habe, ebenso durch die Frühschriften von Marx. Er habe im April 1968 mit seiner Schwester und anderen Studierenden nachts in der Stadt Halle an der Saale, „die mit lauter Jas voll war, mit Fettstiften einfach unsere Neins an die Wände geschrieben“. Die Hallenser hätten dagegen zu Tausenden an den Straßen die im Oktober 1968 aus der ČSSR zurückkehrenden sowjetischen Truppen winkend begrüßt. „Sie haben glücklicherweise den Arm nicht ganz gereckt“, bemerkte Schorlemmer dazu. Er habe darüber mit Studenten der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) diskutiert, die ihn daraufhin „umringten und umschlossen“.

    „Ich bin im Widerstand gegen dieses System gewachsen“, stellte er für seinen eigenen Weg fest. „Es hat mich herausgefordert, den Widerstand so zu formulieren, dass erkennbar blieb, dass große Menschheitsziele zur Debatte stehen, auch mit Hilfe der kleinen DDR.“

    Der letzte DDR-Ministerpräsident der DDR Lothar de Maiziere hatte 2008 gegenüber der Zeitung „Der Tagesspiegel“ erklärt: „Es gab in der DDR vielleicht zwei Prozent Opfer und vielleicht drei Prozent Täter. Und 95 Prozent waren Volk. Die wollten auch gar nichts anderes sein, wollten für sich und ihre Familien das Beste aus ihrem Leben machen. Im Nachhinein aber wird die DDR-Bevölkerung vergröbernd eingeteilt in Täter und Opfer.“

    Feigheit geschürt und ausgenutzt

    Was die 17 Millionen DDR-Bürger wirklich dachten, müsse offen bleiben, meinte Schorlemmer dazu. „Schließlich gab es auch viele System-Treue!“ Er betonte: „Die DDR hat als System die dem Menschen innewohnende Feigheit geschürt. Das zeigte sich zum Beispiel dabei: Bei den Wahlen hinzugehen, einen auch noch durchsichtigen Zettel zu nehmen und ihn lächelnd einzuwerfen und nach Hause zu gehen und dann sein Schnitzel zu essen.“ Ihn habe bei den Wahlen in der DDR das Lächeln der Wählenden erschüttert: „Wenn sie wenigstens mit Trauermiene hingegangen wären, nein, sie machten da mit.“

    Er schätze die Nische nicht hoch wie es einst Günter Gaus tat, stellte der Theologe klar. Darüber sei er mit dem Politiker und Publizisten schon im Februar 1989, bei einem Treffen im Berliner Metropol-Hotel, in Streit geraten. „Ich wollte kein schwarzgemaltes, aber auch kein schöngemaltes Bild über die Wirklichkeit der DDR.“ Als Verbündete in diesem Anspruch habe er Schriftsteller wie Stefan Heym, Christa Wolf, Franz Fühmann, Volker Braun und andere gesehen. „Mit solchen Leuten wie Volker Braun wollte ich gern eine alternative Gesellschaft mitgestalten.“

    Nazismus nicht verniedlichen

    Er wolle das Leben in der DDR nicht im Nachhinein schönreden, betonte er mit Blick auf das de Maiziere-Zitat: „Sie haben ganz in der Lüge gelebt und nicht anerkannt, dass das alles eine Lüge war, an der sie teilhatten.“ So hätten Lüge und Angst immer mehr Macht über die Menschen bekommen.

    Doch gleichzeitig weigert sich der bürgerbewegte und sozialdemokratische Theologe, das untergegangene Land als „zweite deutsche Diktatur“ zu bezeichnen. So würden es „diese Aufarbeiter-Brigaden“ machen – „das sind einfach von der Struktur her umgedrehte Kommunisten.“

    Schorlemmer begründete seine Sicht so: „Wenn man das macht, verniedlicht man das Menschheitsverbrechen, das durch Deutsche angerichtet worden ist, auf allen Ebenen, auch durch die, die bei der Wehrmacht waren. In Babi Jar war nicht nur die SS beteiligt.“ Wer die DDR als „zweite deutsche Diktatur“ bezeichne, dämonisiere diese und die SED und verkleinere das Ausmaß des Verbrechens durch den Nazismus.

    „Grandioser demokratischer Aufbruch“

    Als die inneren Mauern der DDR zu zerbröseln begannen, habe es einen „grandiosen demokratischen Aufbruch“ gegeben, blickte der Wittenberger Theologe und Pfarrer auf die Endzeit des Landes zurück. Er selber hatte im August 1989 die Gruppe „Demokratischer Aufbruch“ (DA) mitgegründet, bevor er im Januar 1990 zur SPD wechselte. Der DA begab sich damals auf die Seite der von der West-CDU angeführten „Allianz für Deutschland“.

    Dieser gesellschaftliche Aufbruch in der DDR gegen die Vormundschaftlichkeit habe etwas Revolutionäres gehabt, „verbunden mit einer Selbstauseinandersetzung über das, was DDR war“. Das sei von Angesicht zu Angesicht mit den damaligen Machthabern geschehen. Selbst jemandem wie SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, den Schorlemmer äußerst kritisch sieht, oder Ex-MfS-Chefspion Markus Wolf rechne er hoch an, dass diese sich beispielsweise am 4. November 1989 den Demonstranten auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz stellten. Und: „Sie konnten runtersteigen und es tat ihnen niemand etwas und die Sicherheitsorgane sahen zu.“

    Der Umbruch im Herbst 1989 habe alle Bereiche des Landes erfasst, auch die Medien: „Die konnten endlich das machen, was sie konnten. Das war für mich ein großes Wunder, dass die Journalisten plötzlich aufgeweckt und aufgewacht waren. Die haben sich freigeschrieben, all das, was sie vorher in sich unterdrückt hatten.“

    Nach den Theateraufführungen überall im Lande habe es Diskussionen zwischen Schauspielern und Publikum gegeben, begeisterte sich Schorlemmer 30 Jahre später. Die Schauspieler hätten verkündet: „Wir treten aus unseren Rollen heraus!“ Es sei ein Erlebnis gewesen, zu sehen, dass Menschen offen redeten – „und das, was sie da offen sagten, war es auch wert, gesagt und aufgehoben und weitergeführt zu werden“.

    Dagegen empfinde er das heutige Auftreten von Gruppen in Ostdeutschland wie „Pegida“ und anderen „Wutbürgern“ als „ödes Gebrülle – geistig, menschlich und auch ästhetisch“. „Im Volk steckt eben Beides“, so der Theologe dazu. Die Rechtslastigkeit mache ihm inzwischen auch Angst um den Bestand der Demokratie.

    Wichtige Rolle der Literatur

    Er betonte, wie wichtig für ihn die Literatur aus der DDR war: Ohne diese sei er nicht denkbar. Er halte dem Land vor allem das zugute, was ihre Literatur hervorbrachte und viel zur Selbstbefreiung der Menschen beitrug. Es sei auch über das zu reden, was gedruckt wurde, und nicht nur das, was nicht gedruckt worden sei, forderte Schorlemmer. Er erinnerte daran, dass auch die für ihn selbst wichtigen Texte von Heinrich Böll in der DDR veröffentlicht wurden.

    Der Wittenberger Theologe verwies auf aus seiner Sicht positive Grundideen, die die DDR bestimmt hätten: So sei Kultur für alle möglich geworden, indem der Preis für eine Eintrittskarte in die Staatsoper Unter den Linden erschwinglich gewesen sei. „Man muss auch ernsthaft zugestehen: Sie wollten, dass Arbeiterkinder gebildet werden. Sie machten sich bloß nicht klar, dass das in der nächsten Generation nicht mehr stimmt, denn wenn Arbeiterkinder studieren können, sind sie nicht mehr Arbeiter.“

    Im zweiten Teil, der am Samstag folgt, geht es vor allem um die Opposition in der DDR und die Rolle der Kirchen.

    Literaturtipp:
    Friedrich Schorlemmer: „Klar sehen und doch hoffen – Mein politisches Leben“
    Aufbau Taschenbuch Verlag. 523 Seiten. ISBN 978-3-7466-3024-3. 12,99 Euro

    Gregor Gysi, Friedrich Schorlemmer: „Was bleiben wird – Ein Gespräch über Herkunft und Zukunft“
    Aufbau Taschenbuch Verlag. 294 Seiten. ISBN 978-3-7466-3209-4. 9,99 Euro

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    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, Deutschland, BRD, SED, Geschichte, Jahrestag, Mauerfall, Sozialismus, Wende, Theologie, Ostdeutschland, DDR