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    Abtransport des Leichnahms von Ex-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Uwe Barschel, 11. Oktober 1987

    Barschel, Palme und Nato-Geheimoperationen: „Im Spinnennetz der Geheimdienste“

    © AP Photo / PASCAL VOLERY
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    Der Mord am früheren Ministerpräsidenten Schwedens, Olof Palme. Das mysteriöse Ableben von Uwe Barschel (CDU), ex-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Ereignisse, die bis heute nachwirken. Ein neues Buch nennt beteiligte Geheimdienste. „Wir konnten mit dem neuen Chef-Ermittler im Fall Palme sprechen“, so Autor Patrik Baab gegenüber Sputnik.

    Seit Jahren recherchiert der Kieler Journalist und Buchautor Patrik Baab gemeinsam mit dem US-Politologen Robert E. Harkavy – einem Experten für internationalen Waffenhandel – zum politischen Mord am früheren schwedischen Regierungschef Olof Palme sowie zum mysteriösen Ableben des ex-Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, Uwe Barschel (CDU). Daraus ist das Buch „Im Spinnennetz der Geheimdienste“ entstanden, das nun in neuer erweiterter Ausgabe im Westend-Verlag erhältlich ist. Neben Palme steht der aufstrebende Politiker Barschel im Buch im Mittelpunkt. Er wurde 1987 tot in einem Genfer Hotel in der Badewanne aufgefunden. Auch der Tod von ex-CIA-Chef William Colby 1996 – nach offizieller Lesart ein Unfall – wird im Buch thematisiert.

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    „Recherchieren ist permanente Revision“, erklärte Buchautor Baab im Sputnik-Interview. „Man hat kein festes Ergebnis, sondern man muss das, was man zu wissen glaubt, immer wieder aufs Neue auf den Prüfstand stellen. Das haben Robert Harkavy und ich in den vergangenen zwei Jahren auch getan. Wir haben die Fakten überprüft, haben weiter Informanten angesprochen und wir haben weiter an Dokumenten gearbeitet.“ Das Ergebnis sei nun im neuen Buch nachzulesen. Der deutsche Journalist und Politologe lernte bei Lehraufträgen an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel den US-amerikanischen Politik-Professor kennen.

    Mord an Olof Palme und Nato-Geheimarmee

    Für ihr neues Buch erhielt die beiden Autoren die Möglichkeit, ein langes und ausführliches Gespräch mit dem neuen Chef-Ermittler der schwedischen Behörden im Fall Olof Palme zu führen. Palme regierte von 1982 bis 1986 als Ministerpräsident sein Land Schweden. Er wurde am 28. Februar 1986 auf offener Straße in Stockholm ermordet. Erschossen durch einen angeblichen Einzeltäter.

    „Der schwedische Generalstaatsanwalt Krister Petersson ist seit 2017 Chef-Ermittler in Schweden und hat uns in seinem Büro in Stockholm empfangen“, sagte Baab. „Er hinterlässt bei uns den Eindruck, dass er ernsthaft am Fall Palme aufs Neue arbeitet und sich nicht von scheinbaren Ermittlungsergebnissen blenden lässt.“ Der neue Ermittler im Mordfall Palme zeigte sich ihm zufolge „insbesondere an unseren Rechercheergebnissen interessiert. An unserer Spur, die den Palme-Mord in Verbindung bringt mit dem internationalen Waffenhandel, mit der Nato-Geheimarmee ‚Stay Behind‘ sowie mit dem (früheren, Anm. d. Red.) Regime in Südafrika und der CIA. Darüber haben wir diskutiert. Wir haben außerdem lange überlegt, ob an der Einzeltätertheorie, welche die schwedische Polizei vor vielen Jahren bevorzugt hat, etwas dran sein kann. Und hier sagt Krister Petersson ganz klar: ‚Nein. ‘. Damals seien Zeugen durch die Polizei bestochen und manipuliert worden. Wir glauben, dass deswegen die Theorie vom Einzeltäter in sich zusammenbricht.“

    War mutmaßlicher Palme-Mörder gar nicht am Tatort?

    Der neue Chef-Ermittler in Schweden gehe davon aus, dass noch immer Tathintergründe im Dunkeln liegen, die es zu beleuchten gelte. Laut ihm habe sich der mutmaßliche Palme-Mörder zur Tatzeit „gar nicht am Tatort“ befunden. „Das deckt sich mit unseren Ergebnissen“, so Buchautor Baab.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Daniele Ganser EXKLUSIV: Die illegalen Kriege von USA und Nato<<<

    Petterson habe bereits seine Ermittler nach Südafrika geschickt. Dort seien Dokumente aufgetaucht, die den südafrikanischen Militärgeheimdienst schwer belasten. Es gebe Hinweise, aus denen der Verdacht erwächst, dass Südafrika mit der Nato-Geheimarmee „Stay Behind“ zusammengearbeitet habe.

    Palme-Mord: Eine verdeckte Operation Südafrikas?

    „Diesen Dokumenten zufolge galt Olof Palme dem Apartheid-Regime in Südafrika als Staatsfeind.“ Der Apartheitsstaat habe damals festgehalten, „dass der Militärgeheimdienst eine verdeckte Operation gegen Palme einleiten solle. Hintergrund ist, dass Schweden der Hauptfinanzier des African National Congress – ANC – um Nelson Mandela gewesen ist. Das Apartheid-Regime sah Olof Palme deswegen als eine Gefahr an. In diesen Dokumenten steht auch drin, dass diese Operation aus Brüssel gesteuert und überwacht werde. Das kann zum einen bedeuten, dass die südafrikanische Botschaft in Belgien irgendetwas damit zu tun hatte.“

    Dies könne aber auch laut dem Journalisten folgendes bedeuten: „Dass die Nato-Geheimdienste, die ebenfalls in Brüssel ihren Sitz haben, eingebunden waren in dieser Operation. Dies deckt sich mit Dokumenten, die uns vorliegen und die uns zugespielt worden sind vom ‚Secret Operation Planning Staff‘ und ‚Allied Clandestine Committee‘ der Nato-Geheimdienste. Dies sind die beiden Leitungsbehörden der Nato-Geheimarmee ‚Stay Behind‘. Hier lesen wir aus den Dokumenten – wenn sie echt sind – dass eine Operation gegen Olof Palme höchste Dringlichkeit hatte. Man kann nun davon ausgehen, dass die Nato-Geheimdienste diese Operation gelenkt und koordiniert haben, während man im Sinne eines geheimdienstlichen Sub-Unternehmertums den Südafrikanern die eigentliche Operation überließ.“

    Barschel: Ein inoffizieller CIA-Mitarbeiter?

    Das Autorenduo beleuchtet in der neuen Buchausgabe weiterhin den Fall Uwe Barschel. Auch hier gebe es noch viele ungelöste Fragen. „Uwe Barschel, Olof Palme und William Colby hatten etwas gemeinsam“, sagte Autor Baab bereits im Oktober 2017 nach einer Pressekonferenz in Berlin zur Premiere der ersten Buchfassung gegenüber Sputnik. „Sie waren eingebunden in den internationalen Waffenhandel im Rahmen der Iran-Contra-Affäre und hatten je auf unterschiedliche Weise zu tun mit der CIA und der Nato-Geheimarmee ‚Stay Behind‘.“

    „Man muss dazu wissen“, so der norddeutsche Autor und Journalist im aktuellen Interview, „dass sich Uwe Barschel nicht nur in die sogenannte ‚Kieler Affäre‘ verstrickt hatte, in dem er gegen den damaligen Oppositionskandidaten Björn Engholm mit schmutzigen Wahlkampf-Tricks vorgegangen ist. Es gibt auch viele Hinweise darauf, dass sich Barschel in der Welt der Embargo- und Waffen-Händler bewegt hat. Weiter wissen wir, dass Uwe Barschel vom US-Geheimdienst CIA geführt worden ist. Das wissen wir von der CIA selbst.“ Außerdem sei bekannt, dass Barschel als Notar tätig war.

    Barschel: Warum verschwand er in San Francisco?

    Im Oktober 1985 war Barschel als damaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zur Parlamentarischen Versammlung der Nato-Staaten in San Francisco eingeladen. „Wir wissen von Augenzeugen, dass Barschel unmittelbar nach der Ankunft in San Francisco verschwand und erst am Tag des Abfluges, eine Woche später, wieder auftauchte. Dies hatte auch zu einer Anfrage im Bundestag geführt, in der es darum ging, dass die damalige SPD-Opposition herausfinden wollte, wer denn die Reisekosten für Barschel bezahlt habe, wenn er schon nicht bei der Tagung anwesend gewesen sei.“

    Baabs und Harkavys Vermutung im neuen Buch: Damals hatte Barschel in Kalifornien Kontakt mit Unternehmen und Personen, die im Geheimdienst-Milieu eingebettet waren und globale und teils illegale Waffendeals zu verantworten hatten. „Wenn Uwe Barschel in den internationalen Waffenhandel der Iran-Contra-Affäre eingebunden war und sich gleichzeitig die Kommunikations-Zentrale dieser Waffenschieber in Süd-Kalifornien befand, dann erwächst daraus der Verdacht, dass Barschel damals zu einem Briefing (einem Treffen, Anm. d. Red.) abgeholt wurde. Hier mag sich eine Erklärung auftun für sein Verschwinden.“

    Was William Colby, der frühere Chef des US-Geheimdienstes CIA, angeht: Ein Blick in dessen Memoiren zeigt einen Zusammenhang deutlich. Denn Colby verbrachte laut eigener Aussage innerhalb der CIA zwölf Jahre damit, Aufbauarbeit für das Nato-„Stay-Behind“-Netzwerk zu leisten. Also genau jenes Netzwerk, in dem sich dann später die europäischen Politiker Barschel und Palme und Colby selbst tödlich verstricken sollten.

    Patrik Baab und Robert E. Harkavy: „Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?“, Westend Verlag, Frankfurt/M., 414 Seiten, 20 Euro, überarbeitete und erweiterte Auflage 2019

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    Das Radio-Interview mit Patrik Baab zum Nachhören:

    „Im Spinnennetz der Geheimdienste“, Patrik Baab, Robert E. Harkavy
    © Foto : Westend Verlag, 2019
    „Im Spinnennetz der Geheimdienste“, Patrik Baab, Robert E. Harkavy
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    Südafrika, Operation, Verdacht, Hinweise, Geheimdienst, Manipulationen, Bestechung, USA, CIA, Täter, Zeugen, Kiel, Journalist, Dokumente, Informanten, Fakten, Ergebnisse, Revision, Buch, Schleswig-Holstein, geheim, NATO, Aufklärung, Recherche, Geheimdienste, Mord, Schweden, Deutschland