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14:45 21 Oktober 2019
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    Zwei Protester werfen Steine auf sowjetische Panzer in Berlin am 17. Juni 1953

    17. Juni 1953: Statt „Volksaufstand“ Arbeiter-Rebellion gegen Normen – Historiker

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (73)
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    Wollte die DDR-Bevölkerung bereits 1953, vier Jahre nach der Gründung der Republik, die deutsche Einheit? Wagte sie deshalb am 17. Juni 1953 einen „Volksaufstand“ gegen die SED, wie es die Bundesregierung bis heute behauptet? Antworten darauf, was an dem Tag geschah, gibt der Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler im Interview.

    Professor Roesler, Sie haben sich als Historiker mit dem 17. Juni 1953 beschäftigt. Was war an dem Tag geschehen?

    An diesem Tag haben sich vor allem die Arbeiter als Hauptbetroffene gewehrt gegen das, was damals Sparpolitik genannt wurde und heute Austeritätspolitik heißt – also ein ganz normaler Fall in der Geschichte, in dem Fall die DDR betreffend. Im Vergleich: Die Bundesrepublik bzw. die westliche Bizone von USA und Großbritannien hat dasselbe erlebt, bis hin zum Eingreifen des Militärs.

    Das war im Herbst 1948, als durch die Währungsreform und die Abschaffung der Festpreise die Preise zum Beispiel für Konsumgüter mit einem Mal in die Höhe schossen und die Löhne ungefähr gleich blieben. Es gab einen Protest-Streik in der US-amerikanisch-britischen Bizone im November 1948. Und es gab die sogenannten Stuttgarter Vorfälle im Oktober 1948, wo die Arbeiter mit Gewalt vorgingen und die US-Truppen eingreifen mussten.

    Die Bundesregierung redet von „Volksaufstand“, in der DDR wurden die Ereignisse als „faschistischer Putsch“ bezeichnet. Andere Historiker sagen, es war ein Arbeiter-Aufstand. Wer war da auf der Straße? Was halten Sie von all den Kategorien, die da benutzt werden?

    Ich würde es mit dem DDR-Kenner Dietrich Staritz „Arbeiter-Rebellion“ nennen, denn sie kämpften gegen die Verschlechterung ihrer Lage. Die war eingetreten durch die Verringerung des Lohnes in Folge von Normerhöhungen. Die Normen waren nicht so hart wie im Kapitalismus, sondern ein bisschen weicher. Die SED-Führung entschloss sich dazu in einer schwierigen Situation in Folge der Aufrüstung, zu der die DDR verdammt wurde, nachdem Stalin den Plan aufgegeben hatte, ein gesamtes, neutrales Deutschland zu erreichen, siehe die sogenannte Stalin-Note von 1952. Das war also der Ausgangspunkt: Mit einem Mal sollten die Arbeiter für dasselbe Geld mehr arbeiten. Doch die Arbeiter haben gesagt: „Wir denken nicht daran!“ Sie waren gegen die Normen, weil sie direkt in ihren Lebensstandard eingriffen. Daraufhin wurde verordnet, die Normen sind um soundsoviel Prozent zu erhöhen. Dann kriegen sie weniger Geld. Da sind die Arbeiter dann auf die Straße gegangen.

    Die verordnete generelle Normenerhöhung kam im Mai 1953, von März bis Mai gab es diesbezügliche Appelle an die Arbeiter. Die Arbeiter merkten, dass sie viel weniger verdienen als vorher und Beschränkungen im Konsum erlebten, weil wegen der Rüstung weniger Lebensmittel produziert und importiert wurden. Das alles führte zur Verschlechterung der Lebenslage. Als die Regierung nicht auf die ersten Proteste reagierte, ohne Verständnis für die Lage der Arbeiter, erst da springt das um. Da wurde dann gesagt: Wenn diese Leute sowas machen, dann müssen sie weg! „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“ war einer der Losungen dann. Das hieß: Wir brauchen eine neue, eine andere Regierung. Die Wiederherstellung des Privateigentums und des Kapitalismus ist nicht gefordert worden.

    Eine  Nebengeschichte ist, dass die SED auch gegen die Privateigentümer vorging, die es in der DDR damals mehr gab als in anderen Ländern Osteuropas in dieser Zeit. Das geschah im Rahmen des 1952 verkündeten Aufbaus des Sozialismus. Das geschah nun ausgerechnet auch noch im Konsumgüterbereich, im Dienstleistungsbereich und im Handwerk. Das traf dann also doppelt. Die Veränderung der Eigentumsverhältnisse ging in die gleiche Richtung wie die Verschlechterung der Lage durch Rüstungsanstrengungen.

    Wie kam es dazu, dass die SED es geschafft hat, mit ihrer Politik genau die Klasse, die Arbeiter, auf die sie sich berief und für die sie regieren wollte, gegen sich aufzubringen?

    Durch die Umstände: Sie konnte nicht zu Stalin sagen, dass die DDR die Rüstung nicht mitmachen kann. Sie war das letzte Land, das sich in Osteuropa noch nicht daran beteiligte. Dafür mussten Mittel her und dafür mussten bestimmte Konsumgüter-Produktionen und -Importe gekürzt werden. Der Fehler war, dass parallel ihre Kampagne gegen die Privaten lief, weil die vermeintlich den Sozialismus aufhielten. Das sorgte ebenfalls dafür, dass sich die Konsumgüterversorgung verschlechterte. Das kann man nun ihnen allein anrechnen, da gab es keinen sowjetischen Druck.

    Aber es ist ja erstaunlich: 1952 wird der Aufbau des Sozialismus verkündet und ein Jahr später rebellieren die Arbeiter, weil die Art und Weise des Aufbaus gegen ihre Interessen lief.

    Ja. Man kann jetzt vom „Was wäre, wenn …“ ausgehen: Wenn die sogenannte Stalin-Note von 1952, in der ein einheitliches Deutschland beschrieben wurde, erfolgreich gewesen wäre, dann hätte die DDR sich nicht an der Aufrüstung beteiligt. Dann hätte die SED nur gewissen Problemen gegenübergestanden, die durch die Benachteiligung der Privateigentümer an Produktionsmitteln aufgekommen wären. Dann hätte sie das wieder einstellen können.

    Aber gegen diese Rüstungsforderungen konnte sie erst einmal nichts machen. Sie war nicht mehr Herr der Lage. Die DDR musste die Nationale Volksarmee (NVA) und die bewaffnete Grenzpolizei aufbauen. Es ist wie heute in der internationalen Spar-Politik, von der Länder getroffen werden: Was soll die Regierung machen?

    Sie haben in Ihren Aufsätzen zum Thema auf die weltpolitischen Rahmenbedingungen der Ereignisse hingewiesen. Welche waren das konkret?

    Die Sowjetunion sah sich nach der Aufgabe von Stalins Vorstellungen von einer deutschen Einheit gezwungen, den Kalten Krieg mitzumachen, also der Rüstung stärkeres Gewicht zu geben. Sie sah sich unter den gegebenen Umständen veranlasst, dazu alle osteuropäischen Länder einzubeziehen und das nicht mehr alleine zu machen. Die wirtschaftliche Reaktion der  Regierungen der Länder war natürlich die Sparpolitik, ein ganz harter Kurs, um diese Mittel aufzubringen, ganz unabhängig von den speziellen deutschen Fragen.

    Die haben zu den gleichen Mitteln gegriffen: Weniger Angebot an Konsumgütern. Das war irgendwie der Versuch, wenn sie merkten, dass die Leute jetzt nicht genug kaufen können für ihr Geld, ihnen das Geld zu kürzen. Die Normgeschichte hieß ja nur: Wir wollen wieder ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Wenn sich das Angebot verringert, aber die Löhne bleiben, dann kann man nicht mehr genug kaufen.

    Hätte es Alternativen gegeben?

    Für die DDR: Nein! Die hat es nicht gegeben. Die einzige Alternative wäre gewesen, man hätte versucht, Bestandteil Westdeutschlands schnell zu werden. Aber hier waren die sowjetischen Truppen. Also ich sehe keine Alternative dazu. Es war auch ein bisschen unglücklich für die DDR, dass Nikita Chruschtschow erst gewissermaßen in diesem Moment, nach Stalins Tod Anfang März 1953, in Moskau an die Macht kam, und noch keineswegs als der Herrscher, der er später war. Chruschtschow hatte ein anderes Konzept für die DDR. Das hat sich dann auch im „Neuen Kurs“ ausgezahlt. Das Konzept war: Nachdem ja die Sowjetunion die Wasserstoff-Bombe hatte, 1952, geht es nicht mehr ums Wettrüsten, weil das alle beide total kaputt gemacht hätte. Jetzt ging es darum, wer wirtschaftlich überlebt.

    Da fiel natürlich einem Sowjetmenschen – ich war lange genug da, um das zu wissen – die „tollen Deutschen“ ein. Und sie hatten immerhin die Ostdeutschen. Da haben die gesagt: Die müssen wir unterstützen. In der wirtschaftlichen und technologischen Auseinandersetzung kommt bei denen, wenn wir da jetzt Geld reinstecken und ihnen ihre Zwänge wegnehmen, am meisten raus. Chruschtschow hat also sehr großzügig die DDR gefördert. Ohne die großzügige Hilfe aus der Sowjetunion war in der DDR nur wenig möglich. Sie spielte auch später eine große Rolle, auch negativ.

    In der Bundesrepublik wurden die Ereignisse vom 17. Juni 1953 schnell als Bewegung für die deutsche Einheit bezeichnet. Welche Rolle spielte das? Welchen Einfluss hatte der Westen auf das, was da geschehen ist, über die Sendungen des RIAS hinaus?

    Der Einfluss des Westens war insofern sehr groß, dass der RIAS ab März 1953 Sendungen zur Normenfrage gebracht hat. Er hatte damit eine Hintergrundfunktion. Er hat das ja nicht erfunden. Er wäre mit der Normenfrage als Thema völlig daneben gelandet, wenn es das Problem im Osten nicht gegeben hätte. Der Sender hat das Problem aufgegriffen und für alle verständlich dargestellt und hat natürlich damit mobilisiert. Es gab ja keine zentrale Organisation der Streikenden. Das hat der RIAS ersetzt, mit Ansagen der Orte der Demonstrationen, Uhrzeiten. Das ging bis ins Einzelne.

    Welche politischen Meinungen die Arbeiter gehabt haben, das wissen wir natürlich nicht. Die hat ja keiner befragen können. Aber es ist dann 1956 von Infratest eine Befragung von Arbeitern aus der DDR gemacht worden. Da wurden die Einstellungen von Arbeitern aus DDR-Großbetrieben, die in den Westen gegangen waren, zum Eigentum befragt: Acht Prozent der Befragten sprachen sich für eine liberale Eigentumsordnung aus, das heißt für die Totalprivatisierung. Die insgesamt größte Gruppe mit 29 Prozent, also fast ein Drittel, bevorzugte eine sogenannte dualistische Wirtschaftsordnung: Grundstoffindustrien sozialisiert und ansonsten privater Sektor. Für Volkseigentum plädierte immerhin noch jeder Sechste der Befragten.

    Also man kann nicht annehmen, dass die alle den Sozialismus abschaffen wollten, im Gegenteil. Selbst Willy Brandt betonte 1955 in seiner Schrift „Arbeiter und Nation“, es habe am 17. Juni 1953 nirgends eine restaurative Tendenz unter den Arbeitern gegeben, dafür durchaus unzweideutige Vorbehalte gegenüber der westdeutschen Politik. Den Demonstranten sei es keinesfalls um eine einfache Angliederung der DDR an die Bundesrepublik gegangen, meinte Brandt. Das stammt immerhin von einem westdeutschen Politiker, der dicht dran war. Deshalb komme ich zu dem Schluss: Es war eine Arbeiter-Rebellion, aber keine Revolution oder „Aufstand gegen das Regime“.

    … aber auch kein „konterrevolutionärer Putsch“, von dem dann die SED sprach.

    Nein, das war es absolut nicht. Das war ihr Bild. Die Arbeiter mussten verführt sein. Aber das war es gar nicht. Dieses Bild vom „konterrevolutionären Putsch“ hat später jede vernünftige Aufarbeitung in der DDR verhindert, das muss man dazu auch sagen. Der Westen hatte seine falsche Aufarbeitung und der Osten hatte seine auch.

    War das ein Ereignis, das sich nicht auf die Stalin-Allee in Ost-Berlin bezog oder gab es in der DDR mehrere dieser Aktionen?

    Es gab ja dieselben Probleme. In allen Orten wurde gestreikt, die Großbetriebe hatten und wo die Normenfrage eine Rolle spielte, besonders in Sachsen-Anhalt und Sachsen, selbst in den Werften. Dank der Anleitung des RIAS, dass alle Bescheid wussten, hat es die Streiks und Aufmärsche überall gegeben. Irgendwann fielen nur noch die Betriebe auf, in denen nicht gestreikt wurde.

    Was waren die Reaktionen und was waren die Folgen, über die Panzer hinaus, deren Fotos rund um das Datum wieder überall gezeigt werden?

    Das ist ein bisschen schwierig, denn die SED-Führung hatte schon vorher gemerkt, dass das so nicht geht. Der Beschluss zum „Neuen Kurs“ ist vom 9. Juni, aber der ist nicht mehr durchgekommen. Die SED nimmt also die Normen zurück, immer unterstützt von der Sowjetunion. Sie kann jetzt sagen: Jetzt führen wir unseren „Neuen Kurs“ aber ein. Sie macht das und trifft genau das, was die Arbeiter wollen, nämlich ein Ende der Sparpolitik und der Normenpolitik, die ihnen ihren Lohn und damit die Möglichkeit, zu konsumieren, verringerte. Sie kann sich das leisten, weil die Sowjetunion das jetzt mitfinanziert. Dazu gehört, dass die Einnahmen der ab 1954 aufgelösten SAG-Betriebe, in sowjetischem Besitz, voll an die DDR gehen. Es sind auch die Besatzungskosten verringert worden.

    Die SED hat nicht nur die Einsicht, für die sie von März bis Juni brauchte und zu der sie auch ohne diese Demonstrationen kam. Die haben das natürlich beschleunigt für diejenigen in der SED-Führung, die das vielleicht nicht wollten. Aber sie konnte es sich dann auch leisten, einsichtig zu sein dank der Hilfe der Sowjetunion, die sie aber erst in diese Situation 1952 gebracht hat. Die SED ist also nicht allein für die aufgehäuften Probleme verantwortlich, aber auch nicht allein für den Abbau.

    Wie lässt sich der 17. Juni 1953 in die Geschichte insbesondere der DDR einordnen?

    Es war ihre erste schwere innere Krise, nicht nur aus inneren Ursachen, die sie löst. Die nächste Krise, die 1961 ihren Höhepunkt erreichte, war darauf zurückzuführen, dass es  offensichtlich wurde, dass die Aufholziele des 1959 in Kraft getretenen Siebenjahrplanes (1959-1965) auf keinen Fall erreicht werden konnten, nämlich die Bundesrepublik einholen zu wollen. Da sind die inneren Fehler viel größer als am 17. Juni 1953. Dem folgte die Krise 1969/70, wo der Teil der SED-Führung unter Erich Honecker Ulbrichts Sparpolitik, der damit den wissenschaftlich-technischen Fortschritt bezahlte, beendete.

    Die nächste Krise wird ganz deutlich 1981 mit den Folgen des Erdölpreis-Schocks und der Tatsache, dass die DDR auch mit einer klugen Politik nicht in der Lage ist, die zu beseitigen. Die letzte Krise ist die Lähmungs-Krise ab Mitte der 1980er Jahre, nachdem es wegen der internationalen Preisentwicklung nicht gelungen ist, aus der Verschuldung rauszukommen, was dann wieder zur Verschlechterung der Lebenslage führte.

    Prof. Dr. Jörg Roesler
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Dr. Jörg Roesler

    Prof. Dr. sc. oec. Jörg Roesler (Jahrgang 1940) war von 1974 bis 1991 Bereichs- bzw. Abteilungsleiter am Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er hatte 1992 eine Gastprofessur an der McGill-University in Montreal, 1994/95 in Toronto, Kanada. Bis 1995 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Zeithistorische Studien, Potsdam, danach arbeitslos, ab 1999 selbständig. Er hielt Vorlesungen im Fach Volkswirtschaft an der Universität der Künste, Berlin-Charlottenburg. 2006 hatte er eine Gastprofessur an der Portland State University/USA (Sommersemester). Roesler ist Mitglied der Leibniz-Sozietät.

    Literaturtipps zum Thema:

    • Jörg Roesler: „Wie kam es zum 17. Juni? Vortragsreihe (III) – Aufstand gegen die Norm?“
      Hefte zur DDR-Geschichte (Heft 82), Stiftung Helle Panke. 3 Euro. Hier online bestellbar
    • Jörg Roesler: „Der 17. Juni 1953“
      Verlag 8. Mai, 2013. 38 Seiten. ISBN 978-3-931745-12-7. 3 Euro. Hier online bestellbar
    • Jörg Roesler: „Geschichte der DDR“
      Verlag PapyRossa, 2018. 130 Seiten. ISBN 978-3-89438-499-9. 9,90 Euro. Hier online bestellbar
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (73)
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    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, UdSSR, Nikita Chruschtschow, Alternative, Rüstung, Josef Stalin, Faschismus, Putsch, Großbritannien, USA, Geschichte, Proteste, Aufstand, SED, DDR