18:29 07 Dezember 2019
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    Sowjetische Panzer auf der Leipziger Straße in Ost-Berlin am 17. Juni 1953

    17. Juni 1953: Warum Panzer rollten – Historiker zu Ursachen und Hintergründen

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (100)
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    Warum es zur Arbeiter-Rebellion in der DDR vor 66 Jahren kam und welche Faktoren dabei eine Rolle spielten, erklärt der Historiker Stefan Bollinger im Sputnik-Interview. Er spricht auch über die Rolle äußerer Kräfte: Wie Moskau die Ursachen für die Proteste mit schuf und wie im Westen versucht wurde, die Ereignisse zu nutzen.

    Für eher kritische Historiker handelte es sich bei den Ereignissen am 17. Juni 1953 in der DDR nicht um einen „Volksaufstand“, von dem Bundesregierung und der Mainstream immer noch spricht, sondern um eine Arbeiter-Rebellion gegen Normen. Hat damals die SED die eigene Klasse, die Arbeiterklasse, verraten?

    Die SED hatte schon aus damaliger Sicht ein viel zu großes Vertrauen in die Belastbarkeit der Klasse, deren Avantgarde sie sein wollte. Sie glaubte, mit hohen Forderungen an die Arbeiter ihren Kurs umsetzen zu können. Man muss dabei im Hinterkopf haben, dass die SED 1952/53 sich vor zwei Aufgaben gestellt sah: Zum einen hatte sie im Juli 1952 den „Aufbau der Grundlagen des  Sozialismus“ verkündet, also ein sehr hohes gesellschaftspolitisches Ziel. Das hat dann natürlich Erwartungen geweckt, was das für die Lage des einfachen Bürgers, des einfachen Arbeiters bedeuten könnte. Sie war zum anderen gleichzeitig damit konfrontiert, dass nach dem Scheitern der „Stalin-Noten“ vom März 1952, nach dem Scheitern des Versuchs, die Einbindung der westdeutschen Bundesrepublik in das westliche Bündnis zu verhindern, die Sowjetunion und ihre Verbündeten einen Kurs der massiven Aufrüstung und der Vorbereitung auf einen von ihnen befürchteten Krieg begannen. Dazu sollte die DDR einen wesentlichen Beitrag leisten. Beide Aufgaben gleichzeitig, insbesondere diese Rüstungsaufgabe, haben die DDR-Wirtschaft eindeutig überfordert. Das gehört zu den Hintergründen, um zu verstehen, warum die SED versucht hat, über Normenerhöhung und ähnliches zu entsprechenden wirtschaftlichen Ergebnissen zu kommen.

    Das musste natürlich die Arbeiterklasse belasten. Höhere Normen bedeuteten für die Arbeiter mehr Arbeit und in der Regel Lohneinbußen. Dazu gehörten aber auch Maßnahmen, die die Bauern, die Kleinunternehmer und Gewerbetreibenden ebenfalls sehr stark trafen und ihre sozialen Möglichkeiten eingeschränkt haben. Es war also kein Verrat an der Arbeiterklasse, aber eine Überforderung, und die Unfähigkeit der SED-Führung, die entsprechenden Signale, die es in der Gesellschaft und in der Partei selbst gegeben hat, zur Kenntnis zu nehmen und die Maßnahmen rechtzeitig zu korrigieren.
    Hinzu kam, dass die SED-Führung nach dem Tod Stalins Anfang März 1953 mit den Veränderungen in der Sowjetunion und in der KPdSU-Führung offenbar zu wenig damit anfangen konnte und die bisherige Politik zu wenig in Frage gestellt hat.

    Nun wurden ja die Forderungen der Arbeiter erfüllt, bereits vor den Ereignissen vom 17. Juni 1953. Dennoch gab es an diesem Tag vor 66 Jahren gewalttätige Demonstrationen, Gewalt und Tote, Mordversuche. Sowjetische Truppen wurden gegen Demonstrationen eingesetzt, Panzer sind gerollt. Warum geschah das?

    Auch hier muss man ein paar Tage zurückgehen: Am 2. Juni 1953 ist die Führung der SED nach Moskau einbestellt worden. Es zeigte sich, dass die sowjetische Führung genau über die krisenhafte Entwicklung in der DDR genau Bescheid wusste. Sie hat der SED-Führung unter Walter Ulbricht einen „Neuen Kurs“, wie es dann heißen sollte, wortwörtlich in die Feder diktiert. Sie hat gefordert, dass die SED-Führung diesen Kurs stante pede, also sofort umsetzen soll. Vorbehalte wie etwa von Ulbricht hinsichtlich notwendiger Vorbereitungs- und Überzeugungsarbeit wurden vom Tisch gewischt, dafür sei keine Zeit mehr. Dieser Zeitdruck und diese Hauruck-Aktionen waren nicht dazu angetan, überzeugend einen solchen Reform- oder Anpassungskurs durchzuführen. Die getroffenen Festlegungen, die in den nächsten Tagen von der SED-Führung und der DDR-Regierung auch umgesetzt wurden, haben natürlich wesentliche Unmutsbekundungen der DDR-Bürger und der Arbeiter aufgegriffen und versucht, die Probleme zu lösen.

    Dummerweise oder aus welchen Gründen auch immer hat man eine Frage „übersehen“: Die Normen-Frage. Der Auslöser am 17. Juni 1953 war dieses Thema, das auch noch am Vortag der Massendemonstrationen in der zentralen DDR-Presse bekräftigt worden ist. Die Arbeiter nahmen also den erklärten „Neuen Kurs“ nicht richtig ernst. Als sie in der Zeitung auch noch lesen mussten, dass die Normen doch nicht zurückgenommen werden, hat es dann diesen Ausbruch von Rebellion im Land gegeben. In einer solchen Situation kann solche Unzufriedenheit auch ganz schnell eskalieren.

    Es gab gewalttätige Ausschreitungen. Es sind Polizei-Reviere angegriffen worden, in Berlin das Polizei-Präsidium. Am Potsdamer Platz wurde das Columbushaus mit seinen staatlichen Geschäften zerstört und geplündert. Zeitungskioske wurde angesteckt, Rundfunkwagen demoliert. Es gab Angriffe auf Einrichtungen von SED und des Staates. Es wurden Gefängnisse gestürmt und Gefangene befreit, nicht nur Kriminelle, auch politische Gefangene, auch solche aus Prozessen gegen Nazi-Kriegsverbrecher. Es war eine recht unangenehme Situation, die in einer solchen Massenhysterie auch zu Zusammenstößen führt. Heute sprechen seriöse Wissenschaftler von 55 Todesopfern in Folge der Ereignisse, davon ca. 34 in diesen Auseinandersetzungen auf Seiten der Demonstranten sowie einige auf Seiten der Regierungskräfte. Insgesamt ein vergleichsweise glimpflicher Verlauf, nicht zuletzt auch dank der sowjetischen Soldaten, die sich besonnen verhielten. Trotzdem natürlich eine fürchterliche Bilanz für eine verfehlte Politik und eine zunächst gescheiterten Kurskorrektur.

    Wie ist das zu vergleichen mit den Ereignissen im Oktober 1948 in der US-amerikanisch-britisch besetzten Bi-Zone, als US-Militär in Stuttgart gewaltsam gegen rebellierende Arbeiter vorging?

    Ich bin mit solchen Vergleichen immer etwas vorsichtig. Natürlich haben die Arbeiter in der damaligen westlichen Besatzungszone und später in der DDR in einer Situation, in der sie glaubten, an die Wand gedrängt worden zu sein, versucht, durch eine sehr starke Willensbekundung diejenigen, die sie regieren zu zwingen, auch ihre Interessen zu berücksichtigen. Sie wollten in beiden Fällen, dass ihre materielle Lage nicht verschlechtert wird. Insofern sind beide Ereignisse – in der westlichen Bi-Zone gab es später auch einen Generalstreik – ein durchaus erfolgreicher Versuch, die Regierenden daran zu erinnern, dass der einfache Arbeiter und der einfache Bürger nicht vergessen werden dürfen.

    Wie ist die Rolle von externen Kräften am 17. Juni 1953 einzuschätzen? Es gab die berühmten Sendungen des RIAS, der über die Demonstrationen informierte, die Treffpunkte und Forderungen kundgab. War das ein rein interner Aufstand oder haben da äußere Kräfte mitgewirkt?

    Man muss dabei über drei Dinge reden: Erstens darüber, dass der 17. Juni 1953 ein Teil der Entstalinisierungs-Krisen war, die Osteuropa von 1953 bis 1956/57 erfasst hatten. Dazu gehört, dass es bereits Anfang Juni 1953 in der ČSSR zu erheblichen Unruhen gekommen war, die auch wieder mit Gewalt und sozialen Zugeständnissen beruhigt werden mussten. Das Zweite, worüber geredet werden muss, ist, dass alles das, was sich in diesen Jahren im Ostblock vollzog, im Wesentlichen von Moskau aus beeinflusst, verstärkt oder gebremst worden ist. Ich hatte ja schon auf die Art und Weise hingewiesen, wie über einen berechtigten „Neuen Kurs“ in der DDR diskutiert wurde bzw. dieser diktiert wurde. Das wurde später auch in Ungarn und der ČSR diktiert. Das hatte die positive Seite, dass versucht wurde, aus einer verfahrenen Situation, die in Moskau selbst verursacht wurde, vernünftige Auswege zu finden. Aber die Art und Weise, wie das den eigenen Verbündeten, den eigenen Genossen übergeholfen wurde, hat dazu beigetragen, dass diese Lage wie in der DDR aus dem Ruder gelaufen ist. Dazu gehört, dass die Auseinandersetzungen in der DDR auch etwas mit Machtkämpfen in Moskau nach Stalins Tod zu tun hatten. Es gab ja danach die Bereitschaft von NKWD-Chef Lawrentij Berija als potenziellem Stalin-Nachfolger, eventuell die DDR für eine deutsche Einheit und bessere Beziehungen zum Westen zu opfern. Berija wurde dann zehn Tage nach den Berliner Ereignissen von Nikita Chruschtschow und dessen Genossen verhaftet und später vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.

    Der Historiker Dr. Stefan Bollinger
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Historiker Dr. Stefan Bollinger

    Der dritte Aspekt ist: Es findet damals eine System-Auseinandersetzung, ein teilweise auch heiß ausgetragener Kalter Krieg statt. In Berlin wie in Deutschland standen, jenseits der Protestierenden, auf beiden Seiten, in der DDR wie der BRD, andere politische Zielsetzungen auf der Tagesordnung und die Siegermächte spielten voll mit, auch mit „ihren“ Deutschen. Natürlich erfolgte die unmittelbare organisatorische Steuerung der Demonstranten am 17. Juni 1953 nicht durch den RIAS und US-Geheimdienste. Aber wie in vielen ähnlichen Auseinandersetzungen waren die Westmedien und insbesondere der RIAS entscheidende Verstärker der Proteste – und ob gewollt oder nicht auch der Organisator für bestimmte Aktivitäten. Dabei wird berechtigt von US-amerikanischer Seite und ehemaligen RIAS-Mitarbeitern heute dazu erklärt, dass sie damals begriffen hatten, dass die ganze Sache nicht aus dem Ruder laufen sollte. Aber faktisch hat das natürlich so gewirkt. Angesichts der langfristigen Propagandakriegs gegen die Kommunisten im Osten sind solche Bekundungen auch für die damaligen West-Akteure eigentlich nur Augenwischerei.

    Warum wird bis heute an der Legende vom „Volksaufstand“ am 17. Juni 1953 festgehalten, von dem die Bundesregierung auch wieder in diesem Jahr spricht?

    Der Wunsch, diese Auseinandersetzungen am 17. Juni als den ersten großen Angriff der DDR-Bürger, der Ostdeutschen auf das SED-Regime besonders herauszustellen, hat etwas mit der Vorstellung zu tun, diesen DDR-Sozialismus, so gut oder so schlecht er war, generell zu verdammen und ihn auch aus der Erinnerung beseitigen zu wollen. Dazu wird mit allen Mitteln versucht, diese Krise, die manche Historiker wegen ihrer positiven Lösung als den „heimlichen Gründungstag der DDR“ sehen, als Bruch in dieser Entwicklung herauszustellen. Ich hatte darauf hingewiesen, dass Wissenschaftler heute von etwa 55 Todesopfern sprechen. Über lange Jahre hinweg wurde von Hunderten Toten gesprochen und versucht, das immer schlimmer darzustellen als es schon schlimm genug gewesen ist. Das ist ein Teil der System-Auseinandersetzung, der Block-Konfrontation zwischen BRD und DDR bis 1989, die erstaunlicherweise auch heute fortgesetzt wird. Es geht darum, mit aller Macht die Tatsache zu diskreditieren, dass es da einen anderen, sozialistischen Staat auf deutschem Boden, zumindest den Versuch dazu, mit dem Versuch einer Politik für die Menschen, gegeben hat. Dafür wurde aber von seitens der SED-Führung genug Munition geliefert. Zur historischen Wahrheit gehört aber auch ihre Fähigkeit, auch die der sowjetischen Verbündeten, eine solche Krise für doch weitere knapp 35 Jahre positiv zu lösen und Lehren aus den Ereignissen von 1953 zu ziehen.

    Stefan Bollinger, Jahrgang 1954, hat Philosophie, Politikwissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Er war Hochschuldozent und seit 1990 in der Erwachsenenbildung tätig, ebenso als Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet zur Geschichte der DDR und der BRD, zur osteuropäischen Geschichte und zu den Zusammenhängen von Ideologie- und Politikgeschichte. Bollinger hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zu historischen Themen veröffentlicht.

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