Widgets Magazine
08:02 13 November 2019
SNA Radio
    Flüchtling mit einem Kind an der serbisch-ungarischen Grenze (Archivbild)

    „Flüchtende suchen vor allem Schutz bei Nachbarn“ – Atlas zur Migration vorgestellt

    © Sputnik / Dmitrij Winogradow
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    8837
    Abonnieren

    Mit den Mythen über Zuwanderung und Fluchtbewegungen soll ein neues Material aufräumen. Ein von der linksparteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung vorgestellter Atlas bietet „Daten und Fakten über Menschen in Bewegung“. Damit soll auch die Debatte in der Bundesrepublik versachlicht werden, hoffen die Herausgeber.

    In den letzten Jahren ist die Zahl der Geflüchteten weltweit gestiegen – aber die meisten von ihnen bleiben im eigenen Land. „Rund 39 Millionen der 71,4 Millionen sind sogenannte Binnenvertriebene, Internally Displaced Persons genannt. Anders als die überhitzte Debatte in Europa und den USA nahelegt, gelangt nur ein Bruchteil der Fliehenden in den Globalen Norden. 85 Prozent der internationalen Flüchtlinge werden von Ländern des Südens aufgenommen.“ Darauf macht der am Dienstag in Berlin vorgestellte „Atlas der Migration“ aufmerksam.

    Die zum Teil immer noch aufgeregte und überhitzte Debatte hierzulande um Zuwanderung zu beruhigen und zu versachlichen – das ist einer der Ansprüche der im Atlas aufgeführten „Daten und Fakten über Menschen in Bewegung“. Herausgeber ist die linksparteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS). Mit Zahlen, Fakten und Grafiken wird in dem Material ein Überblick über die weltweite Migration sowie deren vielfältige Facetten und Aspekte gegeben. Anlass ist der Weltflüchtlingstag am Donnerstag, dem 20. Juni.

    Gegen Angstmache

    Was das konkret bedeutet, zeigt der Atlas mit einer Grafik: Danach stehen im Libanon einem geflüchteten Menschen sechs Bürger des Landes gegenüber. In Jordanien ist danach das Verhältnis 1 zu 13, in der Türkei 1 zu 21. Für die Bundesrepublik wird ein Verhältnis von einem geflüchteten Menschen gegenüber 58 Bundesbürgern angegeben. Das belegt zum einen, welches Land welche Lasten der Migration trägt. Zum anderen könnte bei diesem Verhältnis auch gefragt werden, wer auf beiden Seiten jeweils allein angesichts der Menge der Gegenüberstehenden tatsächlich Angst bekommen müsste.

    Gegen die Angstmache im Zusammenhang mit der Migration wendet sich der Atlas, wie Stiftungsgeschäftsführer Florian Weis auf der Pressekonferenz betonte. Es handele sich um eine weltweite Normalität, sagte er. Gleichzeitig wies er daraufhin, dass der Anteil internationaler Migranten im globalen Maßstab lediglich bei etwa drei Prozent liegt. Um die Debatte zu versachlichen, seien diese sowie weitere Zahlen und Fakten von Autoren und Experten innerhalb und außerhalb der Stiftung zusammengetragen worden.

    Mehr Vorteile

    Die Bundesrepublik sei nur eines von mehreren Zielländern von Migranten, wie auch die Europäische Union (EU) nur eine Zielregion sei, so der Stiftungsgeschäftsführer. Die meisten Wanderungsbewegungen würden sich außerhalb Deutschlands und Europas zeigen: „Nicht die USA oder Deutschland, sondern Türkei, Pakistan und Uganda sind die Länder mit den meisten aufgenommenen Geflüchteten.“

    In den Jahren 2015 und 2016 seien in der öffentlichen Debatte hierzulande „ungeheure Zahlen“ über das Ausmaß der Fluchtwelle genannt worden. „Am Ende war die offiziell für ein Jahr genannte Zahl die von 900.000 Menschen, die nach Deutschland gekommen sind. Eine große Zahl, aber auch nicht mehr als ein Prozentpunkt der Bevölkerung, die hier schon lebte.“

    Weis wie auch Johanna Bussemer vom Europareferat der RLS betonten, dass sie hoffen, dass der Atlas hilft, den Blick auf die Migration und ihre Akteure zu verändern. Sie wollen damit die Mythen, die es bei diesem Thema gibt, aufklären. Die Zuwanderung berge weder ein Bedrohungspotenzial für die Gesellschaften der Zielländer noch für jene der Herkunftsländer. Das würden die Karten und Grafiken zeigen, ebenso: „Vielmehr ergeben sich Chancen und Vorteile.“

    Erwarteter Nutzen

    „Deutschland braucht Einwanderung“, heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung zum Atlas. Für das Jahr 2030 gebe es einen prognostizierten Arbeitskräftemangel von 435.000 Beschäftigten. Das von Rechtspopulisten behauptete Argument, Zuwanderer würden Arbeitsplätze wegnehmen und Lohndumping vorantreiben, sei falsch, so die RLS-Vertreter. Ein solcher Zusammenhang sei statistisch nicht bewiesen.

    „Vielmehr trägt Migration in die Sozialsysteme zu deren Erhalt bei: Nicht nur für gesetzliche Krankenkassen ist die Zuwanderung entlastend und stabilisierend. Es kommen vor allem junge Menschen, die tendenziell geringere Gesundheitsausgaben verursachen. Im Regelfall gilt: Ankommende werden zu Beitragszahlern.“

    Im Gespräch mit Sputnik widersprach RLS-Geschäftsführer Weis dem Argument, der „Brain drain“-Effekt der Migration schade den Herkunftsländern. Für diese könne das Fehlen gut ausgebildeter Fachkräfte ein Problem sein. „Aber das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man sie nicht nach Deutschland lässt“, so Weis. „Umgekehrt positiver Effekt ist, dass ein Geldtransfer in die Herkunftsländer stattfindet.“

    Fehlende Alternativen

    Im Atlas heißt es dazu: „Der Nutzen der dauerhaften oder zeitlich begrenzten Auswanderung für die afrikanischen Länder überwiegt die negativen Auswirkungen.“ 2017 hätten afrikanische Migranten auf offiziellem Weg etwa 69,5 Milliarden US-Dollar in ihre Herkunftsländer überwiesen, „sieben Mal so viel wie im Jahr 2000“.

    So mache der Anteil der überwiesenen Beträge der Ausgewanderten im Fall Ägypten allein mehr als zehn Prozent des Gesamteinkommens des Landes aus, hob Geschäftsführer Weis gegenüber Sputnik hervor. „Je höher der Anteil der Rücküberweisungen an der Wirtschaftsleistung eines Landes, umso mehr helfen sie bei der Bekämpfung der Armut“, ist dazu im Atlas zu lesen.

    Allerdings können diese Argumente, die aus Sicht der RLS-Vertreter auch in der links-internen Debatte um Migration nützlich seien, als zu ökonomisch  kritisiert werden. Das erklärte eine Pädagogin aus dem Bereich der Integrationsarbeit im Gespräch mit Sputnik. Damit werde außer Acht gelassen, was es für die oftmals jungen Betroffenen bedeutet, wenn sie von ihren Familien in die Arbeitsmigration geschickt werden, um die Familien mitzuversorgen, da in der Heimat Perspektiven für Beschäftigung und Einkommen fehlen. Wie Letzteres erreicht werden könnte und welche Alternativen möglich wären, ist nicht Thema im Atlas.

    Fundierte Quellen

    Die Spannbreite der Themen im „Atlas der Migration“ reicht von deren Geschichte über Fluchtursachen und die Motive der Migranten bis hin zu den toten Geflüchteten im Mittelmeer sowie zur Selbstorganisation der Migranten und den Solidaritätsbewegungen weltweit. Es gehe nicht nur um Deutschland, sondern die weltweite Situation beim Thema Zuwanderung, so die RLS-Vertreter.

    Zu den Autoren gehören ausgewiesene Fachleute wie der Migrationsforscher Jochen Oltmer. Die Grafiken und Karten basieren auf zahlreichen Untersuchungen und Analysen unterschiedlicher internationaler und nationaler Gremien. Alle Daten und Fakten seien mehrfach geprüft worden, betonten die Stiftungsvertreter. Den Atlas gibt es auch online. In der Online-Fassung können die verwendeten Quellen eingesehen und nachgelesen werden.

    RLS-Geschäftsführer Weis hofft auf großes Interesse an dem Atlas. Die Stiftung könne sich mit ihrer Aufgabe der politischen Bildung allerdings nicht selbst mit dem Material an die Schulen und andere Bildungseinrichtungen wenden, hieß es. Aber die Lehrer könnten es anfordern und für die eigene Arbeit einsetzen, erklärten Weis und Bussemer.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Migranten, Studie, Forschung, Deutschland, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Migrationskrise, Migration, Flüchtlingskrise, Flüchtlinge, Flüchtling