14:37 12 Dezember 2019
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    Pierre Brice in der Rolle des „Winnetou“ in einer der Karl-May-Verfilmungen

    „Rothaut“ Winnetou politisch nicht korrekt? – Trubel um Karl-May-Festspiele

    © AFP 2019 / DPA / HORST OSSINGER
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    Sommerzeit ist Karl-May-Festspiel-Zeit in Deutschland: Schauspieler malen sich rot an und mimen nordamerikanische Ureinwohner. „Wir müssen sie dringend verändern“, sagt Amerikanistik-Professorin Mita Banerjee. Ist die Darstellung von „Indianern“ in Deutschland zu klischeehaft und politisch nicht in Ordnung? Eine Diskussion darum ist nun entbrannt.

    Mita Banerjee, Professorin für Amerikanistik am Obama Institute for Transnational American Studies in Mainz, findet, dass die Karl-May-Spiele in Elspe so wie bisher nicht weitermachen können. Sie förderten ein klischeehaftes Bild von „den“ Indianern, die es so als Einheit gar nicht gegeben habe, kritisiert sie. Die Vielfalt indianischer Kulturen finde so keine Berücksichtigung.

    Klischeehaft wie Lederhosen, Dirndl und Sauerkraut

    Sie benutzt ein Gedankenexperiment, um ihr Anliegen zu verdeutlichen: „Stellen Sie sich vor, irgendwo in Afrika feiert ein Land ein Festival, bei dem eine erfundene Geschichte über einen Deutschen aufgeführt wird, und alle tragen ausschließlich Lederhosen und Dirndl und essen nichts als Sauerkraut. Immer. Was würden wir wohl dazu sagen? Wir würden sagen: Das ist ja ein absolutes Klischee.“

    Banerjee fordert zwar nicht ein Ende der Karl-May-Festspiele, „aber wir müssen sie dringend verändern“. So könnte sie sich vorstellen, dass indigene (indianische) Künstler aus den USA mit einem Film oder einem anderen Projekt in das Programm integriert würden, um am Bild zu arbeiten. Denn sonst bliebe es eine koloniale Geste.

    Das Wort „Indianer“ streichen

    Mit dieser Auffassung steht sie nicht allein da: Auch Anne Slenczka, Amerika-Referentin im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, fehlt bei Karl May die Stimme der „Native Americans“, wie die „Indianer“ in den USA und in Kanada genannt werden. Sie plädiert dafür, den Begriff „Indianer“ ebenso zu streichen wie das Wort „Rothaut“. Schließlich hätten die Ureinwohner Amerikas mitnichten eine rote Hautfarbe gehabt. Vielmehr hätten sie sich zu bestimmten Anlässen das Gesicht bemalt – manchmal eben in Rot. „Nicht nur bei den Native Americans, sondern weltweit spielt Gesichtsbemalung bei indigenen Ethnien in manchen Situationen eine große Rolle.“

    Es geht nicht um Realität

    Gar nicht nachvollziehen kann diese Diskussion Jean-Marc Birkholz, der Winnetou-Darsteller in Elspe: „Winnetou ist eine Märchenfigur“, so der 45 Jahre alte Schauspieler.

    Ute Thienel, Geschäftsführerin der Karl-May-Spiele Bad Segeberg, sieht es genauso: „Der Forderung von Professorin Banerjee liegt ein Missverständnis zugrunde“, findet Thienel. Denn die Karl-May-Spiele würden überhaupt nicht den Anspruch haben, die Realität im Nordamerika des 19. Jahrhunderts darzustellen. „Wir bringen die Traumwelt des Schriftstellers Karl May auf die Bühne.“ Zwar gebe es bei Karl May Anklänge an den echten Wilden Westen, aber alles sei stark romantisiert.

    „Karl May ist Fiktion“, betont auch Christian Wacker, Direktor des Karl-May-Museums in Radebeul bei Dresden. „Seine Bücher sind Fantasy-Geschichten.“ Der Schriftsteller aus dem Deutschen Kaiserreich schrieb seine Romane, ohne je in den USA gewesen zu sein – erst im fortgeschrittenen Alter schaffte er es erstmals dorthin. Und: „Indianische Kulturen studieren konnte er nicht – weil es diesen Forschungszweig noch gar nicht gab“, erläutert Wacker.

    Interesse an Ureinwohnern wecken

    Die Karl-May-Geschichten könnten Interesse an indigenen Kulturen wecken, nach dem Motto: Wie war Winnetou denn wirklich? Michael Petzel vom Karl-May-Archiv in Göttingen argumentiert noch weiter, dass ohne die Karl-May-Begeisterung wohl kaum Interesse an der Indianistik in Deutschland vorhanden wäre, ebensowenig wie an den meisten anderen indigenen Völkern. Die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg sind Übrigens seit langem mit dem Winnebago-Stamm in Nebraska befreundet.

    Weltweit Festivals mit deutschen Klischees gäbe es auch, meint Ute Thienel: „Im Themenpark Epcot in Walt Disney World in Florida wird genau das gemacht – mit Mitarbeitern in Dirndl und Krachleder, die vor Schwarzwald-Kulissen das deutsche Nationalgericht Bratwurst mit Kartoffelchips servieren. Wir finden, man sollte das mit Fassung tragen.“

    ba/dpa

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    Tags:
    Amerika, Künstler, Kultur, Kritik, Darstellung, USA, Klischees, Indianer, Ureinwohner, Schauspieler, Deutschland