16:28 08 Dezember 2019
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    Wehrmacht-Truppen an der Ostfront, 1941

    Historiker Uhl: „Zum D-Day waren die Messen längst gesungen“

    © Foto : Public Domain / U.S. National Archives and Records Administration
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    Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau bezeichnet im Sputnik-Interview den Überfall von Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 als „großen strategischen Fehler, der zum Umschwung im Kriegsverlauf“ führte.

    „Die entscheidenden Kämpfe haben an der Ostfront stattgefunden (…), zum D-Day waren die Messen längst gesungen."

    Herr Uhl, am 22. Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion. Wie überraschend kam dieser Angriff für Stalin? 

    Das ist eine hochspannende Frage, die bis heute heiß diskutiert wird. Man kann schon davon ausgehen, dass Stalin im Prinzip davon wusste, dass Hitler die Sowjetunion schon aus ideologischen Gründen auf dem Schirm hatte. Allerdings war Stalin eher ein Machtpolitiker. So erschien es ihm wohl aus politisch-rationalen Gründen relativ unwahrscheinlich, dass Hitler ausgerechnet im Sommer 1941 die Sowjetunion angreift. Er hatte eine ganze Reihe von sehr zuverlässigen Geheimdienstinformationen, hat aber trotzdem eher seinem politischen Gespür vertraut und die eindeutigen Warnungen in den Wind geschlagen.

    Was hatte sich verändert seit dem geheimen Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin 1939 und dem tatsächlichen Überfall 1941? Oder war der Nichtangriffspakt von vorn herein eine Finte Hitlers? 

    Da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Stalin musste versuchen, die Sowjetunion aus dem sich abzeichnenden Weltkrieg herauszuhalten, und Hitler brauchte freie Hand gegen Polen. Das war der Hintergrund des Ribbentrop-Molotow-Paktes. Stalin vertraute auch später darauf, dass die Deutschen sozusagen „vertragstreu“ sind, während Hitler spätestens im Sommer 1940 klar war, dass dies nur noch ein Spiel auf Zeit ist. Durch den Krieg im Westen hatte sich die strategische Lage verändert. Der Erbfeind Frankreich war niedergerungen, aber der Kriegsgegner England war noch im Spiel. Also dachte Stalin, dass Hitler auf keinen Fall den Fehler des Ersten Weltkrieges, eines Zweifrontenkrieges wiederholen würde. Stalin ging davon aus, dass Hitler, so lange er mit Großbritannien beschäftigt ist, die Sowjetunion nicht angreifen wird.

    Hitler hatte damals die wahrscheinlich beste Armee der Welt. Entsprechend schnell kamen sie auch voran bis nach Leningrad im Norden und Stalingrad im Süden. Nach wenigen Wochen glaubte Hitler bereits, den Krieg gewonnen zu haben. Was hat dann die Wende bewirkt? 

    Die Wende hat bewirkt, dass Hitler sich relativ blauäugig in das Abenteuer eines Krieges mit der Sowjetunion gestürzt hat. Man ist bei der militärischen Planung davon ausgegangen, dass das Blitzkrieg-Konzept erneut funktionieren wird. Man hat aber weder die geografischen noch die infrastrukturellen Besonderheiten der Sowjetunion berücksichtigt. Auf der einen Seite hat man sich „zu Tode gesiegt“ und auf der anderen Seite ist man am erbitterten Widerstand der Roten Armee gescheitert. Die Kämpfe in diesem Krieg wurden mit einer unwahrscheinlichen Härte geführt – das findet sich in zahlreichen Berichten von Augenzeugen wieder. Um es mal drastisch auszudrücken: Die Rotarmisten wurden in ihren Schützenlöchern erschlagen, weil sie sich nicht ergeben wollten. Diese intensiven Kämpfe laugten die Wehrmacht aus. Sie war zwar breitenmäßig gut aufgestellt, aber man war nicht auf einen längeren Kampf mit der Sowjetunion vorbereitet. Da ging der Wehrmacht vor Moskau der Atem aus. Entsprechend hart hat sie dann auch die sowjetische Gegenoffensive im Winter 1941/42 getroffen. 

    Das Klima spielte sicher auch eine Rolle?

    Wenn man schon Krieg mit Russland anfängt, dann sollte man wissen, dass es dort im Winter relativ kalt wird. Als es Herbst wurde und die Sowjetunion noch immer nicht besiegt war, stand man im Prinzip vor der Wahl, entweder Munition oder Wintersachen an die Front zu liefern. Da hat man sich erst einmal für Verpflegung und Munition entschieden. Und dann kam eins zum anderen.

    Im Westen wird neuerdings der D-Day, die Landung der Alliierten in der Normandie, als die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg dargestellt. Wie sehen Sie das? 

    Die entscheidende Wende des Krieges kam im Prinzip schon mit der Entscheidung des Angriffs auf die Sowjetunion. Das war der große strategische Fehler, der zum Umschwung im Kriegsverlauf führte. Das erste Warnsignal war die Schlacht um Moskau, wo die Wehrmacht ihre erste spürbare Niederlage erlitt. Das nächste Fanal ist dann in Stalingrad. Danach sollte eigentlich jedem Militär klar gewesen sein, dass dieser Krieg von den Deutschen nicht mehr zu gewinnen war.

    So gesehen hat jeder seinen Beitrag zum Sieg über das nationalsozialistische Deutschland geleistet. Man sollte das nicht gegeneinander aufrechnen. Fest steht, dass die Sowjetunion die Hauptlast des Krieges getragen hat, was allein schon an der unwahrscheinlichen Zahl der Menschenopfer auf sowjetischer Seite deutlich wird. Aber die Hilfsleistungen der Alliierten haben sicher auch ihren Beitrag zum Sieg geleistet.

    Vom D-Day reden alle, von der Operation Bagration, die ebenfalls an einem 22. Juni, allerdings 1944, also vor 75 Jahren, begann, kaum jemand. Was war daran so kriegsentscheidend? 

    Der D-Day hat sich halt in der westlichen Erinnerungskultur festgesetzt. Dabei waren zum D-Day die Messen längst gesungen. Die Operation Bagration war dann von den Verlusten her für die Wehrmacht zehnmal größer. Im Prinzip wurde damit die gesamte Heeresgruppe Mitte vernichtet. Das zeigt auch, dass die entscheidenden Kämpfe an der Ostfront stattgefunden haben.

    Selten wird betont, dass Hitlers Angriff auf die Sowjetunion nicht nur ein Überfall war, sondern ein Vernichtungskrieg. Was hieß das in diesem Falle?

    Es war ein ideologisch geführter Rassenkrieg. Menschen werden aufgrund ihrer Zugehörigkeit gequält und erschossen. Das wurde ja schon mit dem Kommissarbefehl deutlich, in dem es hieß, dass politische Kommissare nicht gefangen zu nehmen, sondern gleich zu erschießen seien. Das zweite große Verbrechen war die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Schon in den ersten Monaten waren dies über drei Millionen, von denen bis zum Winter 1941 eine Million tot waren. Das ist ein ungeheures Verbrechen, das so gut wie keine Beachtung findet, weil sich dies noch auf dem Territorium der Sowjetunion abspielte und für den Normalbeobachter in Deutschland gar nicht greifbar war und damit nicht präsent ist in der deutschen Erinnerung. Da gibt es noch viel aufzuarbeiten.

    Mindestens 27 Millionen Sowjetmenschen starben, um Europa vom Hitlerfaschismus zu befreien. Wie sehen Sie aus der Ferne betrachtet – Sie sind in Moskau tätig – den Umgang Deutschlands mit den Verbrechen, die Hitlerdeutschland an der Sowjetunion begangen hat?  

    Da gibt es immer noch viel zu tun. Es gibt gute wissenschaftliche Studien beispielsweise zur deutschen Besatzungspolitik in Russland, im Baltikum oder in der Ukraine. Die beschränken sich aber meist auf historische Fachkreise. Da fehlt die Ausstrahlung auf eine breitere Öffentlichkeit, weil so ein Thema nun mal nicht immer en vogue ist. Man richtet sich lieber in der Nische ein, dass wir alle irgendwie ein bisschen im Widerstand waren und Hitler alle verfolgt hat. Auf gut deutsch gesagt: Unsere Großväter waren ja alle nur einfache Soldaten. So ist es natürlich nicht. Es gab ja Aktionen, in Weißrussland beispielsweise, wo im Prinzip jeden Tag ganze Dörfer auslöscht wurden. Daran muss ja von deutscher Seite jemand beteiligt gewesen sein.

    Und wie wird das Thema „Kriegsgefangene“ aufgearbeitet?

    Wir hier in unserem Institut haben beispielsweise ein Programm, bei dem wir gezielt nach den Namen sowjetischer Kriegsgefangener suchen, um sie dieser namenlosen Masse zu entreißen und ihnen ihr Schicksal und den Verwandten die Erinnerung zurückzugeben. Es ist wichtig, diese Verbrechen zu personalisieren, um wieder einen Bezug herstellen zu können.

    Kommendes Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Zum D-Day-Jubiläum wurde der russische Präsident nicht eingeladen. Meinen Sie, wenigstens zu diesem Jubiläum im nächsten Jahr wird man sich in Berlin und Brüssel daran erinnern, dass es ohne die Sowjetunion Europa jetzt wahrscheinlich nicht gäbe?

    Das bleibt zu hoffen, hängt aber immer von der politischen Gesamtlage ab. Ich hoffe, dass man dafür das politische Tagesgeschäft zurückstellt und sich den historischen Fakten widmet.

    Matthias Uhl forscht seit 2005 am Deutschen Historischen Institut in Moskau (DHI). Seine Schwerpunkte sind die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik sowie die Geschichte des Kalten Krieges.

    Das vollständige Interview mit Matthias Uhl zum Nachhören:

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    Tags:
    Überfall, UdSSR, Adolf Hitler, Josef Stalin, Zweiter Weltkrieg