00:17 14 November 2019
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    Deutsche und russische Militärs bei der Eröffnung eines Friedhofs der gefallenen Wehrmacht-Soldaten im Gebiet Smolensk (Archivbild)

    Ex-Bundeswehr-Soldaten kümmern sich um Kriegsgräber in Russland

    © Sputnik / Walerij Melnikow
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    Eine Truppe von Bundeswehr-Reservisten aus dem Emsland kümmert sich seit über zwanzig Jahren um deutsche Kriegsgräber im Gebiet Kaliningrad in Russland. Sie wollen damit auch ein Zeichen der Versöhnung setzen und werden vor Ort wie Freunde unterstützt. Inzwischen ist sogar die Russische Botschaft auf sie aufmerksam geworden.

    Am 16. Dezember 1992 wurde das Kriegsgräberabkommen zwischen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet. Das Abkommen regelt die Erhaltung und Pflege der Kriegsgräber in beiden Ländern. Es gab dann auch sehr bald erste Gruppen von Bundeswehr-Reservisten aus Bochum und Hannover, die sich auf den Weg machten ins ehemalige Ostpreußen, um etwas zur Versöhnung beizutragen.

    Durchgehalten hat jedoch nur die Truppe um Stabsbootsmann a.D. Horst Richardt aus dem Emsland. Seit 1995 pflegen die Kameraden deutsche Kriegsgräber aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg im Gebiet Kaliningrad, das zu Russland gehört.

    „Praktisch dem Urwald entrissen“

    Ursprünglich sollte es bei diesem einmaligen Einsatz 1995 bleiben, wie der 74-jährige Richardt im Sputnik-Interview erzählt. Dann hatte er jedoch Blut geleckt, und seitdem „an allen 23 durchgeführten Kriegsgräberpflegeeinsätzen fast immer als Kommandoführer teilgenommen, diese organisiert und vorbereitet“, erzählt der Veteran.

    • Reservisten der Kreisgruppe Emsland/Grafschaft Bentheim beim Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
      Reservisten der Kreisgruppe Emsland/Grafschaft Bentheim beim Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
      © Foto : Horst Richardt
    • © Foto : Horst Richardt
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    © Foto : Horst Richardt
    Reservisten der Kreisgruppe Emsland/Grafschaft Bentheim beim Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge

    In den ersten Jahren war die Arbeit immens. Man begann praktisch bei null. „Insgesamt 21 Soldatenfriedhöfe haben wir praktisch dem Urwald entrissen“, berichtet Richardt. So reiste man auch bis 2004 mit 25 Mann in den Osten. Teilnehmer zu finden, war kein Problem, erzählt Einsatzleiter Richardt, da ein Besuch in ehemaligem Feindesland für die Reservisten nach dem Ende des Kalten Krieges ein Abenteuer darstellte. Inzwischen fährt Richardt nur noch mit acht Leuten in den Einsatz.

    „Sie dachten, man will ihnen die Häuser wegnehmen“

    Die Anfänge der Arbeit in Russland in den 1990er Jahren waren noch improvisiert. So hatte die deutsche Reservistentruppe bis 2002 privat in Gastfamilien vor Ort im Gebiet Kaliningrad übernachtet. Richardt erzählt:

    „Zuerst waren die Leute uns gegenüber reserviert, weil sie befürchteten, wir wollen sie ausspionieren. Sie dachten, dass man ihnen die Häuser, die ja zum Teil früher mal von Deutschen bewohnt waren, wegnehmen will. Als sie aber sahen, was unser Einsatzbereich ist, erwuchs aus diesen Einsätzen schnell eine Freundschaft mit der Bevölkerung, die bis heute besteht. Wir hatten in der Beziehung auch nie negative Erlebnisse dort.“

    Im Gebiet Kaliningrad sind auf den meisten eher kleinen Soldatenfriedhöfen des Ersten und Zweiten Weltkrieges russische und deutsche Soldaten gemeinsam Seite an Seite beigesetzt. Deshalb wird die Arbeit der Deutschen auch begrüßt und geschätzt, erzählt Richardt. Es gibt auch genug Freiwillige vor Ort, die unentgeltlich mitarbeiten. In den ersten Jahren wurden die Aktivisten auch immer von fünf-sechs russischen Wehrpflichtigen unterstützt, die der Kommandeur des örtlichen Grenzschutzausbildungsbataillons täglich bereitstellte. Die Verständigung klappte dabei problemlos – mal mit Dolmetscher, mal ohne. Inzwischen arbeiten die deutschen Reservisten auch mit einem örtlichen Kosakenverband zusammen.

    Militärische Planung auch im Ehrenamt

    Ihr Vorgehen bei der ehrenamtlichen Reservistentätigkeit planen die Kameraden noch immer militärisch. Die konkreten Aufträge erhält die Emsländer Truppe vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dann reisen sie zur Vorerkundung in das Gebiet, fahren die Friedhöfe ab und schauen, welche Instandsetzungsarbeiten nötig sind. Ein Maßnahmenkatalog wird dann dem Volksbund vorgelegt, der den Auftrag umsetzt. Vor allem die Hochkreuze werden erneuert. Dies sind einmal christlich-lateinische Kreuze für die deutschen Soldaten und orthodoxe Kreuze mit einem zusätzlichen Querbalken für die russischen Gefallenen. Auch Grenzzäune und Inschriften werden ersetzt. Insgesamt gibt es 95 solcher deutsch-russischer Soldatenfriedhöfe im ehemaligen nördlichen Ostpreußen.

    Die Truppe von Herrn Richardt war gerade erst wieder im Gebiet Kaliningrad zur Vorerkundung. Die eigentliche Einsatzreise steht jetzt im Juli an.

    Die Russische Botschaft wird auf die Emsländer aufmerksam

    Vor acht Jahren wurde die Russische Botschaft in Berlin auf die Arbeit der Emsländer aufmerksam und stellt den Reservisten seitdem kostenlose Visa für ihre Einsätze aus. Auch sämtliche Arbeitsgeräte und Ersatzteile dürfen sie zollfrei einführen. Seit vergangenem Jahr lädt der Botschafter die Kameraden auch zur alljährlichen Kranzniederlegung im Treptower Park und zum Empfang in die Russische Botschaft zum Tag des Sieges am 9. Mai ein. Sputnik wurde bei der Kranzniederlegung auf die Bundeswehr-Reservisten aufmerksam, da sie die einzigen Militärangehörigen einer nicht postsowjetischen Nation waren, die den gefallenen Sowjetsoldaten ihre Ehre erwiesen.

    „Wir können damit umgehen. Wir haben ja alle gedient“

    Auf die Frage, ob ihn der Fakt beunruhigt, dass jetzt im Rahmen der Nato-Osterweiterung wieder deutsche Soldaten an der russischen Grenze stehen, antwortet Richardt militärisch-pragmatisch: „Wir können damit umgehen. Wir haben ja alle gedient.“

    Allerdings höre er von der Bevölkerung im Gebiet Kaliningrad schon „besorgte Töne“. Dies hält ihn und seine Kameraden allerdings nicht davon ab, weiter nach Russland zu reisen, um ihre Arbeit zu machen.

    Richardt ist Träger des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland am Bande. Abschließend sagt er: „Wir machen so lange weiter, bis auch der letzte russische und deutsche Soldat ein würdiges Grab bekommen hat.“

    Das vollständige Interview mit Horst Richardt zum Nachhören:

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    Tags:
    Wehrmacht, Bundeswehr, Zweiter Weltkrieg, Russland, Deutschland