08:25 15 November 2019
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    An der Fassade eines Wohnhauses befestigte Klimaanlagen

    Wie Klimaanlagen zum Ende des Kapitalismus beitragen – neuer „Atlas der Globalisierung“

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    Gesellschaft
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    Warum sollen Zuchtlachse Veganer werden? Wird der globale Kapitalismus demnächst aus Peking gesteuert? Warum setzt Japan Roboter in der Altenpflege ein? Und was hat Rheinmetall eigentlich in Südafrika verloren? Antworten auf diese und andere Fragen gibt der neue „Atlas der Globalisierung“. Eine Autorin sieht den Kapitalismus am natürlichen Ende.

    Die aktuelle Hitzewelle in Mitteleuropa führt zu Rekordzahlen beim Verkauf von Klimaanlagen und Ventilatoren. Die künstlich erzeugte Kühle scheint ein probates Hilfsmittel bei den steigenden Temperaturen zu sein. Doch der ökologische Preis dafür ist hoch: „Die Treibhausgasemissionen, Kühlmittelzusätze und der Energieaufwand belasten die Umwelt.“ Darauf macht der am Dienstag veröffentlichte neue „Atlas der Globalisierung“ aufmerksam.

    „Kalte Luft“ ist der Beitrag von Benoit Bréville im Atlas überschrieben, in dem „Eine kurze Geschichte der Klimaanlage“ erzählt wird. Eine der Grafiken zeigt, dass sich der weltweite Energieverbrauch von Klimaanlagen im Zeitraum 1990 bis 2016 mehr als verdreifacht hat, ebenso die Zahl der installierten Anlagen. Die meisten davon, 374 Millionen, gibt es laut Atlas in den USA, gefolgt von China mit 369 Millionen.

    USA als Spitzenreiter

    Mit 1880 Kilowatt je Stunde ist der entsprechende Energieverbrauch pro Kopf in den USA uneinholbare Spitze. Das liegt Bréville zufolge auch daran, dass die Klimaanlagen in den USA oft älteren Modells sind und weniger neue gekauft werden: „Hier repariert man lieber sein altes Gerät. Dafür rückt nun die aufstrebende Mittelschicht in den Schwellenländern nach. In China wurden zwischen 2010 und 2016 mehr als 200 Millionen Klimaanlagen verkauft.“ Doch der Energieverbrauch für kühle Luft liegt den Angaben zufolge in China bei nur 326 Kilowattstunde pro Kopf, hinter dem Nahen Osten mit 558 kWh/Kopf sowie Japan mit 845 kWh/Kopf und Südkorea mit 814 kWh/Kopf.

    „In den USA fließen jährlich sechs Prozent des produzierten Stroms – vor allem aus Kohlekraftwerken – in den Betrieb von Klimaanlagen. 2015 war der Stromverbrauch für die Gebäudekühlung in den Vereinigten Staaten so hoch wie der Gesamtverbrauch des afrikanischen Kontinents. Hinzu kommt der Benzinverbrauch für die Klimaanlagen in Autos, der jährlich bei 26 bis 38 Milliarden Litern liegt.“

    Damit führt gerade in den letzten Jahren der Klimawandel dazu, dass die menschengemachten Faktoren zunehmen und ihn damit wieder verstärken. Diese und weitere interessante Fakten aus der Geschichte der Klimaanlagen sind aber nur eines der zahlreichen Themen des neuen „Atlas der Globalisierung“. Den hat Stefan Mahlke von der deutschen Redaktion der Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ (LMd) herausgegeben und am Dienstag vorgestellt. Es ist der erste eigenständige Atlas dieser Art, den die deutsche Redaktion herausbringt.

    Atlas als Welterklärer

    Die Reihe wurde 2003 von der französischen Stammredaktion der Zeitung begründet. Inzwischen sind mehrere Ausgaben erschienen, zum Teil zu speziellen Themen wie der Klimaentwicklung. Die deutschen Ausgaben haben laut LMd-Redakteurin eine Auflage von jeweils über 100.000 Exemplaren erreicht.

    Der aktuelle Atlas ist der „Welt in Bewegung“ gewidmet. Er gibt in sieben Kapiteln – „Klimakrise und Welternährung“, „Die demografische Herausforderung“, „Der real existierende Kapitalismus“, „Ungelöste Konflikte“, „Flucht und Migration“, „Die Zukunft der Zivilgesellschaft“, „Demokratie in Gefahr“ – mit informativen Texten sowie Karten und Grafiken von Adolf Buitenhuis auf 186 Seiten die globalen Zustände wieder. Sie machen komplexe Sachverhalte anschaulich, von bedrohter Artenvielfalt bis zum Kohlenstoffkreislauf, von Szenarien des Bevölkerungswachstums bis zum Streit um den Blauen Nil, von Rücküberweisungen asiatischer Emigranten bis zu globaler Ungleichheit.

    Protektionismus als Schutz

    Darunter befinden sich vier Beiträge von Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin der Tageszeitung „Taz“. Sie schreibt im Atlas unter anderem über die Geschichte von Freihandel und Protektionismus seit dem 19. Jahrhundert. „Damit will ich klarmachen, dass es höchst ungerecht ist, wie wir heute mit den Entwicklungsländern umgehen“, so Herrmann. So werde afrikanischen Ländern zum Beispiel in den Verträgen mit der Europäischen Union (EU) von dieser der Freihandel aufgezwungen. Ihnen werde wiederholt der Schutz ihrer Wirtschaft durch Zollschranken vorgeworfen: „Auch die Industrieländer sind nur reich geworden durch den Protektionismus, indem sie sich abgeschottet haben.“

    Ein weiterer Beitrag der renommierten Wirtschaftsjournalistin beschäftigt sich mit der Entwicklung Chinas. Diese sei nicht ungewöhnlich: „China war bis in das 18. Jahrhundert eigentlich die führende Weltnation.“ Herrmann beschreibt ebenso die ökonomischen Gründe für die „Belt-and-Road“-Initiative (die „Neue Seidenstraße“), die China mit Zentralasien, Europa, Südostasien und Afrika verbinden soll: „Da die Containertechnologie aber ausgereizt ist, soll jetzt die Strecke optimiert werden, um die Transportgeschwindigkeit zu erhöhen. Die Neue Seidenstraße sieht unter anderem vor, dass es von Piräus eine Bahnverbindung bis nach Budapest geben soll – was den weiten Seeweg über Gibraltar und den Ärmelkanal nach Hamburg sparen würde.“

    Fortschritt als Konfliktursache

    Im Atlas gibt es ebenso Beiträge, die sich mit der globalen Bevölkerungsentwicklung beschäftigen. Sie stammen unter anderem von Reiner Klingholz, dem Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Aus seiner Sicht sind Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätze die entscheidenden Faktoren für die Bevölkerungsentwicklung, die Demografie.

    Das weltweite Bevölkerungswachstum habe sich in den letzten Jahren verlangsamt, so Klingholz am Dienstag bei der Atlas-Vorstellung. Die Kinderzahl je Frau habe sich global im Durchschnitt auf 2,4 halbiert: „Über 80 Länder der Welt haben nicht mehr bestandssichernde Kinderzahlen, also wie in Deutschland weniger als 2,1 Kinder pro Frau.“ Über die Hälfte der Menschheit lebe in Ländern mit Kinderzahlen unter dieser Grenze.

    Doch das Bevölkerungswachstum halte auf dem erreichten Niveau an, betonte Klingholz. Doch gerade die armen Länder wie Niger seien damit überfordert. Sie würden vor allem den heranwachsenden Generationen nur wenige Perspektive bieten können aufgrund fehlender Arbeitsplätze. Der Institutsleiter warnte vor den daraus entstehenden Konflikten.

    Themen als Mosaiksteine

    An dem Beispiel zeigt sich auch, wie die einzelnen Themen des Atlas miteinander verknüpft sind. Gerade die von „Taz“-Redakteurin Herrmann erwähnten Freihandelsabkommen der EU mit afrikanischen Staaten überschwemmen diese mit europäischen Produkten und behindern so deren eigene wirtschaftliche Entwicklung. In der Folge gehen die jungen Menschen auf die Suche nach Arbeit, die sie zuhause nicht finden, in andere Länder. Eines der mehrseitigen Kapitel des neuen „Atlas der Globalisierung“ ist der weltweiten Migration gewidmet.

    Die neue Ausgabe zeigt zum einen Momentaufnahmen der globalen Situation, so Herausgeber Mahlke. Gleichzeitig macht sie Entwicklungen und Trends deutlich, auch im Vergleich mit vorherigen Atlanten aus der Reihe. Diese seien aber nicht so aufgebaut, dass sie die Ergebnisse seit 2003 direkt miteinander vergleichbar machen, hieß es am Dienstag.

    China als verhinderte Supermacht

    Chinas Entwicklung und deren Auswirkungen sind ein Thema, das in allen Atlanten zu finden ist, stellte Mahlke fest. Es sei inzwischen fast eine eigene Ausgabe wert. Mitautorin Herrmann merkte dazu an, dass die Entwicklung Chinas nicht darüber hinwegtäuschen dürfe. Die Mehrheit seiner Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen sei immer noch relativ arm und profitiere kaum vom wachsenden Wohlstand. Die Journalistin zweifelte daran, ob China wirklich Supermacht wird und die USA noch einholen kann.

    Herrmann begründete das mit den bereits erreichten Wachstumsgrenzen, auf die auch Demograf Klingholz hinwies. China hätte zwar das Potenzial, um aufzuholen, aber es habe zu spät damit angefangen – „und jetzt sind die Ressourcen weg“. „Wir erleben wirklich die Endphase des Kapitalismus als System, das auf Wachstum beruht“, sagte die Journalistin. „Man kann in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen. Danach wird sich das alles völlig neu sortieren.“

    Das Ende des Kapitalismus sei aber nicht das Ende der Menschheit, wie viele glauben, fügte sie hinzu. „Auf jeden Fall werden wir in ein neues System eintreten, wobei aber derzeit nicht erkennbar ist, wie das funktionieren wird.“ Vielleicht hat dieses dann etwas mit dem globalen Altruismus zu tun, den Klingholz angesichts der weltweiten Probleme als notwendig ansieht.

    Welche Rolle dann die Klimaanlagen spielen, die heute kurzfristig für Kühlung sorgen, aber langfristig zur weiteren Erwärmung von Erde und Atmosphäre beitragen, wird sich zeigen.

    „Atlas der Globalisierung – Welt in Bewegung“
    Le Monde diplomatique deutsch, 2019. Herausgegeben von Stefan Mahlke.
    Inklusive eBook (PDF/ePUB), über 300 Karten und Grafiken, 192 Seiten. Preis: 18 Euro. Online bestellbar

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    Tags:
    Zukunft, Energie, Deutschland, Japan, Europa, China, USA, Umwelt, Ende, Klimaanlagen, Kapitalismus, Globalisierung