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14:14 12 November 2019
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    Junge Menschen entspannen am Spreeufer in Berlin (Archiv)

    „Generation Rücksichtslos“? – Neue Studie zu Großstadtkindern mit alarmierenden Ergebnissen

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    Gesellschaft
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    Kein Randgruppenphänomen, sondern ein potenzieller Flächenbrand, so das Fazit einer neuen Studie. Danach tickt ein Fünftel der Kinder und ein Drittel der Jugendlichen in deutschen Großstädten nur wenig sozial. Die Abwertung Anderer ist weit verbreitet, auch dort, wo zunächst unvermutet.

    Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben für die aktuelle Studie von Dezember 2018 bis Februar 2019 in Berlin, Köln und Leipzig rund 1000 Großstadtkids und ihre Eltern befragt. Für große Städte in Deutschland halten die Forscher ihre Ergebnisse für repräsentativ.

    „Die gezeigte Entsolidarisierung führt im Ergebnis zu einer gesellschaftlichen Degenerationsspirale“, so Studienautor Holger Ziegler. „Das Prinzip der Solidargemeinschaft als Grundlage für eine gelingende Gesellschaft läuft Gefahr zu kippen.“

    Aus Antworten von 6- bis 16-Jährigen für die Bereiche Empathie, Solidarität, Gleichgültigkeit und Ablehnung errechneten die mit der Studie befaßten Wissenschaftler eine Quote für Gemeinschaftssinn. Jungen schnitten dabei deutlich schlechter ab als Mädchen.

    Mädchen werden als „Retter des Gemeinwohls“ betitelt, denn Mädchen seien offenbar deutlich gemeinschaftsorientierter: mitfühlender, hilfsbereiter, weniger gleichgültig und weniger abwertend. Doch seien sie eher unzufrieden mit sich und ihrem Leben.

    In den persönlichen Interviews für die Studie sollten junge Leute in zwei Altersgruppen zum Beispiel Aussagen wie „Es macht mich traurig, wenn es anderen Kindern schlecht geht“ oder „Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager“ auf einer Skala zustimmen oder ablehnen. In der Untersuchung waren jedem vierten Jungen zum Beispiel die Probleme anderer egal. Bei den Mädchen waren es 14 bis 16 Prozent.

    Autor Ziegler sieht Gemeinschaftssinn als moralischen Kitt für eine Gesellschaft. Sorgen machen ihm vor allem Tendenzen, andere Gruppen und Schwächere abzuwerten. Das machen laut Studie 36 Prozent der Jungen und 22 Prozent der Mädchen. „Ob diese Abwertung zunimmt oder abnimmt können wir nicht sagen, weil es zu wenig Vergleichsdaten gibt“, sagt er.

    „Die Abwertung von Ausländern, Arbeitslosen, Schwulen, Behinderten oder Obdachlosen ist aber auch dort verbreitet, wo wir sie nicht unbedingt vermuten: bei einem guten Fünftel der liberal-urbanen Mittelschicht.“

    Hier ein Auszug aus dem Fragenkatalog an die Kinder und Jugendlichen zum Thema „Abwertung“: 

    Fragen zu Abwertung (Mobbing) an Kinder:

    • Wenn andere Kinder was machen, kann ich fast immer dabei sein.
    • Andere Kinder lassen mich immer gern mitspielen.
    • Kommst du gut mit deinen Mitschülerinnen und Mitschülern aus?
    • Es kommt oft vor, dass ich andere Kinder nur zum Spaß ärgere, obwohl sie mir nichts getan haben.
    • Es kommt oft vor, dass andere Kinder mich nur zum Spaß ärgern, obwohl ich nichts gemacht habe.
    • Ich bin oft für mich allein.
    • Andere Kinder behaupten oft, dass ich lüge oder mogle.

    Fragen zu Abwertung an Jugendliche:

    • Man kann Deutschen eher vertrauen als Ausländern.
    • Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager.
    • Es ist ekelhaft, wenn Schwule sich in der Öffentlichkeit küssen.
    • Die meisten Obdachlosen sind arbeitsscheu.
    • Es gibt Gruppen in der Bevölkerung, die weniger wert sind als andere.
    • Die meisten Arbeitslosen wollen einfach nicht arbeiten.
    • Hartz-IV-Empfänger sind deshalb arm, weil sie nicht arbeiten wollen.
    • Schülerinnen und Schüler, die von anderen gehänselt werden, sind meistens selber schuld.
    • Auf Ausländer wird insgesamt zu viel Rücksicht genommen.
    • Schülerinnen und Schüler, die schlecht in der Schule sind, strengen sich meistens zu wenig an.
    • Schülerinnen und Schüler, die schlecht in der Schule sind, sind einfach zu dumm.

    ba / dpa

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    Tags:
    Großstädte, Städte, Eltern, Deutsche, Ablehnung, Solidarität, Gesellschaft, Abwertung, Sozialverhalten, Soziales, Jugendliche, Kinder, Stadt, Studie