20:27 13 November 2019
SNA Radio
    Der Maler Werner Tuebke auf einem Archivbild vom 18. April 1973

    Von Petersburg bis Samarkand: Die Sowjetwelt von DDR-Maler Tübke - Neue Ausstellung - Interview

    © AP Photo /
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    4290
    Abonnieren

    Statt „real existierendem“ Sozialismus und Bildern vom „neuen Sowjet-Menschen“ schuf der Vater des Malstils „Leipziger Schule“ altmeisterlich anmutende wegweisende Werke. Inspiriert wurde Werner Tübke dazu bei einer „sein Gesamtwerk prägenden Reise“ in die UdSSR, so Kurator Gerd Lindner im Sputnik-Interview zur aktuellen Schau im Panorama-Museum.

    Die Darstellung seines Menschenbildes war figurativ und realistisch, aber seine Malerei entsprach so gar nicht dem Gusto der damaligen herrschenden Ordnung: Werner Tübke (1929-2004) war einer der wichtigsten Maler der DDR. Ein „Staatsmaler“ war er nicht, betont Panorama-Museumsdirektor Gerd Lindner.

    Kernstück des Museums in der thüringischen Stadt am Kyffhäuser ist das wohl bekannteste Tübke-Werk: Das im Jahr 1987 fertiggestellte monumentale Panorama-Gemälde zum Epochenumbruch zur Zeit der Bauernkriege im 16.Jahrhundert. Altmeisterlich wie märchenhaft sein Stil. Nun zeigt das Museum am Schlachtberg eine Sonderausstellung zu Tübkes lebenslanger Inspiration: Etwa 140 Werke sind in der „Von Petersburg bis Samarkand: Unter fremden Menschen“ betitelten Schau zu sehen.

    Prägende Reiseerlebnisse

    Werner Tübkes erste Auslandsreise führte den damals 30-jährigen Maler für ein Jahr in die UdSSR. Zu einem Zeitpunkt maßgeblicher künstlerischer Prägung. Er begegnete den Menschen offen und mit unverstelltem Blick und machte Erfahrungen, die ihn für den Rest seines Lebens beschäftigen und Widerhall in seinem Oeuvre finden sollten.

    „Der Kontakt mit russischen Menschen in Dörfern in Russland, im Kaukasus, in Zentralasien an der chinesischen Grenze hat mich entscheidend geprägt. Fernweh, Heimatlosigkeit, Gottsuche, Armut, schwarze Bösartigkeit, feste Familienbindungen durch Generationen, perfekte euroasiatische Hochbildung und selbstverständliche Sprachkundigkeit: Das ist schon etwas“, so der Maler seinerzeit.

    Obschon Tübkes Verhältnis zur Sowjetunion selbst keinesfalls unbeschwert gewesen sein dürfte – 1946 war er als 16-Jähriger von sowjetischen Militärorganen mehrere Monate in Haft genommen worden und musste in der Folge eine Erklärung unterschreiben, in der er sich zum Stillschweigen verpflichtete – stellte die Reise eine unvergleichliche Chance dar:

    Von März 1961 bis März 1962 durchquerte Werner Tübke zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Angelika die UdSSR. Vom europäischen Norden bis in die zentralasiatischen Republiken legten sie auf dem Landweg und in der Luft fast 14.000 Kilometer zurück.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Sibylle“ und die DDR: Modefotografie hinterm Eisernen Vorhang - INTERVIEW<<<

    Den Frühling 1961 erlebten sie in St. Petersburg, den Sommer im Kaukasus, der Herbst führte sie nach Suchumi am Schwarzen Meer und in die georgische Hauptstadt Tiflis. In Jerewan, der Hauptstadt von Armenien, verbachten sie den Rest des Jahres, bevor sie 1962 über Baku in Aserbaidschan nach Turkmenistan weiterreisten. Im usbekischen Samarkand hielten sie sich etwas mehr als einen Monat auf, um schließlich vor ihrer Rückreise im Tian Shan-Gebirge im östlichen Kirgisistan an der Grenze zu China zu wandern.

    So reichhaltig war das Erlebte, „dass das Russische als Grundsujet sich durch das gesamte künstlerische Schaffen von Werner Tübke von 1961 bis zu seinem Tod 2004 zieht“, so Kurator Lindner.

    Kein DDR-Staatsmaler – „Auf Linie gebracht“

    Doch eigentlich sollte er mit der Reise gewissermaßen „auf Linie“ gebracht werden.  Zwar stimmt der Maler offiziell mit den Themen und Zielen des Staates überein, doch künstlerisch wollte er seinen eigenen Weg gehen. Das war nicht unproblematisch, wurde doch insbesondere in den 1950er Jahren eine andere Kunstvorstellung propagiert, als die seine. Tübke sollte mithilfe dieser Reise überhaupt von einem „bürgerlichen“ Maler zu einem „sozialistisch-realistisch“ schaffendem Künstler werden.

    In den Jahren 1959 bis 1964 gab es den sog. Bitterfelder Weg: Im Vorhaben, eine eigene sozialistische Nationalkultur zu entwickeln, sollten Künstler den Kontakt mit Arbeitern und Bauern suchen, die wiederum Einfluss nehmen sollten auf die künstlerische Entwicklung. Tübke jedoch wurde nicht in einen landwirtschaftlichen Produktions- oder Industriebetrieb geschickt, sondern er ging auf diese 12-monatige Reise gen Osten.

    Talent und die künstlerische Potenz erkannt, sollte nun auf „intelligente Weise“ eine innere Nähe zu den Ideen des Sozialismus geschaffen werden. Gleichzeitig sollte die sowjetische Kunst der späten 1950er und frühen 1960er Jahre bei ihm Raum gewinnen. Das gelang allerdings nicht, so Museumsdirektor Lindner. Zwar schätzte er einige sowjetische Maler, doch einen Einfluss hatte die sowjetische Kunst auf seiner Malerei nicht.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Berlins eigene „Freiheitsstatue“ – Gegen Ausverkauf von Geschichte und Stadt<<<

    „Leipziger Schule“

    Tübke zeigte sich vielmehr von der slawischen Gastfreundschaft beeindruckt, nahm die Begegnung mit der überwältigenden Natur und die mit den Menschen als die zentralen Erfahrungen von seiner Sowjetunionreise wieder mit in die DDR. Und: in seine Kunst.

    Während dieser Reise sind Zeichnungen und Aquarelle entstanden, aber keine Gemälde. Diese habe  er erst im Nachgang im Atelier in Leipzig angefertigt, erzählt Kurator Lindner. Tübkes altmeisterlicher Stil  und seine späteren Gemälde entführten in märchenhafte Welten.

    Es waren Bilder mit „zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Kunst in der DDR überhaupt“, so der Bad Frankenhausener Museums-Direktor Lindner. Denn Werner Tübke gilt als einer der Väter der Malrichtung der sogenannten „Leipziger Schule“. Und die Bilder, die der Maler inspiriert von seiner Sowjetunion-Reise geschaffen hat, beeinflussten die Ausprägung dieser künstlerischen Schule maßgeblich.

    Der Titel „Unter fremden Menschen“ ist übrigens einem Werk des Schriftstellers Maxim Gorki entlehnt. Im russischen Original mit „V Ljudjach“, also „Unter Leuten“, betitelt, erzählt ebenso von einer Reise in die „große weite russische Welt“ -  Erfahrungen und Erlebnisse, Menschen und Bildung zu finden.

    Die Ausstellung „Werner Tübke. Von Petersburg bis Samarkand. Unter fremden Menschen“ läuft noch bis zum 3.November 2019 im Panorama-Museum Bad Frankenhausen.

    Hier das Interview mit Gerd Lindner zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Ausstellung, Werner Tübke, Maler, UdSSR, DDR