03:27 15 November 2019
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    Ukrainer beim Zug nach Warschau, nachdem visafreie Einreise nach EU eingeführt wurde (Archiv)

    Tausende Ukrainer auf dem Sprung nach Deutschland? – seltsame Spekulationen aus der Schweiz

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    Die „Neue Zürcher Zeitung“ spekuliert in schreiender Überschrift über eine angeblich bevorstehende Quasi-Invasion ukrainischer Staatsbürger in Deutschland. Doch in praktisch jedem Satz des Artikels wird die eigene Schlagzeile dann ad absurdum geführt. Eine neue Form von westlichem Qualitätsjournalismus?

    „Wird Deutschland bald von Ukrainern überrannt?“, schreit es den Lesern entgegen. Doch die Schlagzeile stammt nicht etwa von Revolverblättern wie „Deutsche Stimme“ oder „Bild“, sondern von der angeblich seriösen „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ). Die Verwunderung endet nicht, denn ein kurzer Blick in den Artikel offenbart, dass auch der Text eines NZZ-Kiew-Korrespondenten mehr an „Bild“ als ein vermeintliches Qualitätsmedium erinnert, weil praktisch der gesamte Artikel die sensationsgeile Schlagzeile als sensationsgeile Schlagzeile entlarvt. Allerdings wirft der Artikel – ungewollt – wieder einmal ein Licht auf schmerzfrei zelebrierte Doppelstandards.

    Aufhänger der gruseligen Geschichte ist das deutsche so genannte „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“, das erst vor wenigen Tagen die letzte parlamentarische Hürde genommen hat. Mit seiner Hilfe will die Bundesrepublik ihren angeblich oder tatsächlich drängenden Fachkräftemangel beheben. Kritiker sprechen allerdings von einem weiteren, in Gesetzesform gegossenen Beweis für deutschen Nützlichkeitsrassismus. Gewerkschaften beklagen, dass erneut Fachkräfte aus anderen Ländern abgeworben werden sollen, die dort teuer ausgebildet wurden und dort selbst dringend benötigt werden. Während die deutsche Wirtschaft das Fehlen von Fachpersonal beklage, aber eigentlich nur zu geizig sei, entweder Fachpersonal angemessen zu bezahlen oder aber im eigenen Land auszubilden.

    Bislang nur Indizien, die für den Plan vieler Ukrainer sprechen könnten, nach Deutschland zu wollen

    Daran wird auch das Gesetz mit seinem typisch deutschen Monsternamen aus zusammengesetzten Substantiven nichts ändern. Obwohl der NZZ-Artikel Indizien auflistet, die durchaus darauf hindeuten könnten, dass nicht wenige Ukrainerinnen und Ukrainer auf dem Sprung nach Deutschland sein könnten. Deutsche Sprachkurse sind ein Renner in der Ukraine. Beratungsagenturen berichten von großem Interesse an einem Arbeitsplatz in Deutschland. Beispielsweise soll der Suchmaschinenriese Google ermittelt haben, dass die Häufigkeit von Suchanfragen nach Jobs in Deutschland in den zurückliegenden Monaten überragend hoch gewesen sei.

    Und die Tatsache, dass die in Ungarn registrierte Billigfluglinie „Wizzair“, die bedeutendste Osteuropas, ihre Flüge aus der Westukraine nach Berlin und Dortmund ab dem Herbst 2019 verdoppeln will, deutet die NZZ als ein Signal, dass diesmal nicht die Russen, sondern die Ukrainer kommen. Zumal neuerdings kein Visum nötig ist, um als Staatsbürger der Republik Ukraine nach Deutschland zu gelangen.

    Nicht-Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen in Deutschland bleibt höchste Hürde

    Der NZZ-Artikel legt allerdings umgehend den Finger in die Wunde, denn entgegen den Beteuerungen von Politik und Wirtschaft erkennen deutsche Behörden nach wie vor die meisten ausländischen Berufs- und Studienabschlüsse einfach nicht an und fordern teure und zeitraubende Nachqualifizierungen. Den Grund für diese Praxis sehen die Gewerkschaften in der simplen Tatsache, dass ein ausländischer Arbeitnehmer, der nicht als Hochschulabsolvent, sondern beispielsweise „nur“ als Fachhochschulabsolvent eingestellt wird, auch erheblich weniger kostet.

    Diese Erfahrung mussten ukrainische Arbeitnehmer bereits in Polen machen, wo sie, obwohl bestens ausgebildet und qualifiziert, dennoch meistens in Restaurants, auf dem Feld oder ganz allgemein im Dienstleistungsgewerbe arbeiten müssen. Rund zwei Millionen Ukrainer und Weißrussen sollen inzwischen in Polen im Niedriglohnbereich arbeiten, dabei aber immer noch deutlich mehr verdienen als in vergleichbaren Jobs ihrer Heimatländer. Polen hatte diesen immensen Arbeitskräftebedarf, weil in annähernd gleichem Umfang polnische Bürger Richtung Westen, vornehmlich nach Großbritannien und Belgien, gewandert sind, um dort zu arbeiten.

    Ausgerechnet Polen will „Einwanderung“ von ukrainischen Gastarbeitern

    Weshalb in Polen der Ruf laut wird, die osteuropäischen Gastarbeiter dauerhaft in Polen anzusiedeln. Man reibt sich die Augen, denn dieser Ruf stammt ausgerechnet von der in Warschau regierenden PiS-Partei, die ansonsten mit allen Mitteln gegen eine Zuwanderung nach Polen argumentiert und polemisiert. Als Deutschland sich anschickte, sein Gesetz mit dem schwer auszusprechenden Namen zu beschließen, waren es vor allem polnische Politiker, Unternehmer und Medien, die davor warnten, dass dieses deutsche Gesetz wie ein Magnet wirken und die ukrainischen Gastarbeiter aus Polen nach Deutschland locken könnte.

    Das gesteigerte Interesse Polens am Verbleib ukrainischer Gastarbeiter erklärt sich vielleicht etwas besser, wenn man beispielsweise weiß, dass nach Schätzungen der Regierung in Warschau beinahe 90 Prozent aller Fahrer des alternativen Taxi-Dienstes „Uber“ die ukrainische Staatsbürgerschaft besitzen. Auf Baustellen, in der Gastronomie oder in den Pflegebereichen der Krankenhäuser Polens sieht es ähnlich aus.

    Dass Polen bei Ukrainern so beliebt ist und Polen bei dieser Gruppe Einwanderer die sonst üblichen Beißreflexe nicht kennt, liegt wohl nicht nur an der deutlich besseren Bezahlung, sondern vor allem daran, dass für einen durchschnittlichen Ukrainer Polnisch deutlich leichter zu lernen ist als Deutsch, dass sich beide Völker mental viel näherstehen und dass sie auch der hohe Verbreitungsgrad der christlichen Religion in beiden Staaten verbindet. Nicht zuletzt ist es für Ukrainer deutlich attraktiver, aus Polen zu den Familien in der Ukraine zu pendeln. Weshalb interessant ist, zu beobachten, dass auch Polen wie Deutschland wegen EU-Recht nur maximal sechsmonatige visafreie Aufenthaltserlaubnisse für die Arbeitsaufnahme bewilligt, was natürlich nicht verhindert, dass ukrainische Gastarbeiter dennoch mitunter seit Jahren in Polen an ein und demselben Ort arbeiten.

    Aus ukrainischen Bürgern werden flugs polnische

    Die NZZ erwähnt in ihrem Artikel deshalb, dass Deutschland wegen dieser Grundbedingungen wohl doch keinen Ansturm von ukrainischen Gastarbeitern zu befürchten habe und die Zahl der in der Bundesrepublik gemeldeten rund 140.000 ukrainischen Staatsbürger wohl nicht signifikant ansteigen wird. Doch eine Anmerkung der Schweizer Tageszeitung ist besonders interessant. Demnach vergibt die polnische Regierung die so genannte Karta Polaka. Das ist eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung für Menschen mit polnischen Wurzeln. Die Regierung in Kiew hat bereits mehrfach ihr Missfallen geäußert, nicht nur in Richtung Polen, sondern auch an die Adresse der ungarischen Regierung, dass beide Staaten de facto ihre Hoheit auch auf ukrainische Staatsbürger ausweiten, indem sie ihnen offizielle Identitätsdokumente aushändigen.

    Wir erinnern uns. Als der russische Staatspräsident jüngst erklärte, dass die Regierung in Moskau darüber nachdenke, Ukrainern den Zugang zur russischen Staatsbürgerschaft zu erleichtern, brach der übliche Sturm der Entrüstung und virtueller Schnellkurse in Völkerrecht aus. Wenn polnische Behörden sozusagen ihre Hand auf ausländische Staatsbürger ausstrecken, ist das, wie wir wieder lernen, etwas komplett Anderes. Insofern war die Lektüre dieses NZZ-Artikel mal wieder ziemlich lehrreich.

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    Tags:
    Gastarbeiter, Migranten, Arbeit, Ukraine, Polen, Deutschland