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13:49 18 Juli 2019
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    Ein Bettler vor dem Eingang in das Gebäude der New Yorker Börse auf Wall Street (Archivbild)

    Soziale Ängste sichern Macht – Psychologe über Angst und Herrschaft heute. Teil 2

    © AFP 2019 / Getty Images / Spencer Platt
    Gesellschaft
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    Tilo Gräser
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    Herrschende erzeugen gezielt Angst, um ihre Macht auszuüben und zu sichern. Das betrifft inzwischen alle Lebensbereiche, hat der Psychologe Rainer Mausfeld im Sputnik-Gespräch erklärt. Im Teil 2 geht es darum, wie Menschen durch Prekarisierung gezielt in Lethargie gehalten werden. Mausfeld sieht solidarisches Handeln als Alternative.

    Angst und Macht sind sehr alte und sehr wirksame Techniken, um eine Gesellschaft zu beherrschen. Darauf hat der Psychologe Rainer Mausfeld im Gespräch mit Sputnik aufmerksam gemacht. Wie diese Mittel heute eingesetzt werden, beschreibt er in seinem neuen Buch „Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“.

    Darin macht er darauf aufmerksam, dass Angst auch mit Hilfe der Prekarisierung, also des Abbaus sozialer Sicherheit und des Aufbaus eines Niedriglohnsektors, gezielt erzeugt wird. Das hat vor Jahren einer bestätigt, der es wissen muss: Der ehemalige britische Notenbanker Sir Alan Budd.

    Er gestand 2003 ein, dass der neoliberale Monetarismus „sehr hilfreich dabei sein kann, die Arbeitslosigkeit zu erhöhen. Und die Erhöhung der Arbeitslosigkeit war mehr als wünschenswert, um die Arbeiterklasse insgesamt zu schwächen. … Hier wurde – in marxistischer Terminologie ausgedrückt – eine Krise des Kapitalismus herbeigeführt, die die industrielle Reservearmee wiederherstellte, und die es den Kapitalisten fortan erlaubte, hohe Profite zu realisieren.“

    Gezielte Umverteilung

    Diese Prekarisierung ist für den Autor kein „bedauerlicher Nebeneffekt“ ökonomischer Prozesse, sondern „der materielle Boden für eine Umverteilung von unten nach oben“. Gleichzeitig sei sie „ein höchstwirksamer Mechanismus, um Angst und politische Apathie, Gleichgültigkeit zu erzeugen“. Er führe zum sozialen Ausschluss und verhindere gesellschaftliche Teilhabe. „Das heißt, gerade die Gruppen, die ein größtes Interesse an gesellschaftlichen Veränderungen haben sollten, werden dadurch gewissermaßen neutralisiert.“

    Die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg und der Armut spielt auch eine Rolle im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Das sieht Mausfeld mit Blick auf den damit verbundenen Aufstieg rechter und rechtsextremer Kräfte ebenso: Die weiterhin in der Bevölkerung vorhandene Veränderungsenergie würde von den Herrschenden auf Ersatzziele umgelenkt.

    „Das Hauptinteresse der Zentren der Macht ist, die Empörungsenergie in der Bevölkerung darf sich nie auf die Zentren der Macht richten. Am besten soll die Bevölkerung nicht einmal mehr wissen, dass es Zentren der Macht gibt. Dafür eignen sich immer, in einer historischen Kontinuität, die sozial Schwachen oder andere Gruppen ohne Interessensvertretung, ohne Lobby. Man versucht, die Veränderungsenergie zu kanalisieren, indem man psychologisch geeignete Blitzableiter, Ersatzziele sucht.“

    Jene, die sich über gesellschaftliche Prozesse und Zustände empören, würden keine Adressaten in der Politik für den Wunsch nach Veränderung finden. „Die Macht ist mittlerweile so abstrakt geworden, dass sie nicht mehr wissen, wo die möglichen Ansprechpartner sind. Das heißt, die Veränderungsenergie geht kaum noch nach oben. Sie muss aber irgendwohin gehen, damit wir uns selbst stabilisieren können. Dann liegt es natürlich nahe, sich irgendwelche Ersatzziele zu suchen.“

    Ängstliche Eliten

    Die Frage, warum das trotz der geschichtlichen Erfahrungen immer noch funktioniert, beantwortete Mausfeld so: Allein das Wissen darum reiche nicht aus, um das Handeln zu ändern, „weil wir im Banne dieser psychologischen Prozesse sind“. Über diese werde in der Regel nicht aufgeklärt, so der Autor.

    Mausfeld beschrieb in seinem vorherigen Buch unter anderem die „Angst der Machteliten vor dem Volk“. Die Eliten würden selbst Angst als Machtinstrument gegen das Volks einsetzen, weil sie in der Minderheit seien.

    „Die eigentliche physische Macht liegt eigentlich immer bei der Mehrheit der Bevölkerung. Deshalb müssen die Herrschenden immer raffiniertere Techniken entwickeln, um ihre Machtausübung zu verschleiern, durch Ideologie und Unterhaltung. Sie müssen das Volk solange mit Nichtigkeiten überfluten, bis es sich überhaupt keine Meinung mehr bilden will. Gleichzeitig müssen sie die Techniken immer mehr verfeinern, mit denen sie Angst erzeugen können.“

    Mausfeld wies in dem Zusammenhang auf die Asymmetrie, das ungleiche Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten hin: „Die Mächtigen verfügen über die entsprechenden Finanzmittel, über mehr als 8.000 Thinktanks, wo sie den Geist und die Intelligenz kaufen können, um diese Dinge zu machen. Sie verfügen über die Medien.“ Diese „gigantische Asymmetrie der Kampfmittel“ gebe den Herrschenden heute eine gewisse Sicherheit vor Umwälzungen oder gar Revolutionen.

    Homogene Elite

    Aus seiner Sicht ist die politische und ökonomische Elite inzwischen auch so homogen, so vereinheitlicht, dass die früheren inneren Konflikte in dieser sozialen Gruppe „ziemlich reduziert“ seien. „Die Machteliten fühlen sich eigentlich relativ sicher: Das Angstniveau in der Bevölkerung ist gestiegen, aber das Angstniveau in den Zentren der Macht ist relativ gering.“ Allerdings deute manches gegenwärtig daraufhin, dass sich das verändere, meinte der Psychologe.

    „Angst ist der Treibstoff des Militärisch-Industriellen Komplexes“, stellte er mit Blick auf die Rüstungspolitik fest. Diese wird gegenwärtig in der Bundesrepublik wie in der Europäischen Union (EU) und in der Nato wieder mit einer angeblichen russischen Gefahr begründet. Der Kapitalismus sei aufgrund seiner Eigenlogik und seiner Krisenhaftigkeit darauf angewiesen, sich permanent auszudehnen.

    Mausfeld stimmte dem Münchner Philosophen Elmar Treptow zu, der in einem Buch 2012 schrieb, Kapitalismus bedeute permanente Friedlosigkeit. „Der Krieg gehört wesensmäßig zum Kapitalismus“, so der Psychologie. Deshalb habe sich die Kriegs- und Sicherheitsindustrie als größter und einflussreichster Bereich in der kapitalistischen Gesellschaft herausgebildet.

    Angst als Treibstoff der Rüstungsindustrie

    Rüstungsindustrie und -politik würden stets dazu führen, dass Gelder von der öffentlichen in die private Hand umverteilt werden – „und zwar in einem gigantischen Ausmaß“. „Krieg ist vor allem ein großes Geschäft, das größte Geschäft der Zivilisationsgeschichte.“

    Es stehe aber die Frage: „Warum sollte in einer Demokratie die Mehrheit der Bevölkerung einer solchen Umverteilung zustimmen?“ Das sei ohne Angst nicht zu erreichen, hob Mausfeld hervor. Der Militärisch-Industrielle Komplex müsse fortwährend Angst produzieren, „um sich selbst am Leben zu erhalten“.

    Die dafür eingesetzten Mittel seien vielfältig, von angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen bis zur angeblichen neuen russischen Gefahr aktuell. Der permanente „Krieg gegen den Terror“ der USA mache die gigantische Umverteilung von unten nach oben beispielhaft deutlich. Das sei nur möglich, indem permanent Angst erzeugt werde.

    Tiefe Spuren

    Der Psychologe und Autor zeigte sich bei der Frage nach Alternativen und Gegenstrategien eher skeptisch: „Das ist ganz schwierig durch die Raffinesse der neoliberalen Ideologie des unternehmerischen Selbst, durch die Prekarisierung. Das hat tiefe Spuren in der Psyche hinterlassen.“ Wenn ein beachtlicher Teil der Gesellschaft keine politische Stimme und keine Möglichkeit habe, sich zu organisieren und nicht mehr medial vertreten werde, entleere das den politischen Raum auf fatale Weise.

    Das führe psychisch bei einem großen Teil der Bevölkerung zu einem Selbstwertverlust und Scham, stellte der Psychologe fest. „Das ist etwas ganz Schlimmes. Selbstwertverlust und Scham verringern auch die Teilhabe an der Gesellschaft.“ Es handele sich um eine Schleife, in welche die Betroffenen geraten und aus der sie kaum herausfinden. Das wiederum führe zu Isolation und Vereinzelung, „so dass Erwachsene selbst mit denen, die in der gleichen Situation sind, nicht mehr sprechen können – was eigentlich solidarisch wäre, wenn sie das täten“.

    Diese Spirale spalte die Gesellschaft, isoliere die Einzelnen immer mehr und sei nur „ganz, ganz schwer zu durchbrechen“. Das könne nicht mehr auf der individuellen Ebene erreicht werden, so Mausfeld, der hinzufügte: „Wir dürfen jetzt nicht das machen, was die neoliberale Ideologie fordert: Du musst Dich selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen!“ Das sei aber selbst in emanzipatorischen Bewegungen zu finden, die den Menschen erklären, sie müssten sich erst einmal selbst erkennen und verändern.

    Solidarität als Alternative

    „Es darf keine Privatisierung auch noch der Utopie geben“, forderte der Autor im Gespräch. Gegen die bewusst erzeugte Angst könne nur solidarisch gekämpft werden, nicht individuell. Mausfeld forderte dazu auf, „in Gemeinschaft über die Ursachen und die Mechanismen“ klarzuwerden, wie die Angst entsteht und erzeugt wird. „Wir müssen darüber sprechen, weil auch das schon wieder eine Möglichkeit ist, da rauszukommen.“

    Aus der Binnenangst müsse wieder eine reale Angst werden, so dass die Energien für die Angstbewältigung und die Veränderung sich wieder auf ein reales Objekt richten können. „Die Befreiung von der politisch gewollten, lähmenden und Lethargie erzeugenden Binnenangst kann uns nur gelingen, wenn wir wieder, solidarisch handelnd, eine Idee einer Gemeinschaft zurückgewinnen.“

    Rainer Mausfeld ist Professor an der Universität Kiel und hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmung- und Kognitionsforschung inne. In seinen gesellschaftspolitischen Beiträgen beschäftigt er sich mit der neoliberalen Ideologie, der Umwandlung der Demokratie in einen autoritären Sicherheitsstaat und psychologischen Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements. Mit seinen Vorträgen (u.a. "Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?" und "Die Angst der Machteliten vor dem Volk") erreicht er Hunderttausende von Zuhörern.

    Literaturtipp:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
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    Tags:
    Kapitalismus, Rainer Mausfeld