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05:10 14 Oktober 2019
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    Intensivtherapie-Station in Charite Berlin (Archivbild)

    Gesundheit: „So stiehlt die Wirtschaft der Solidargemeinschaft das Geld“

    © AFP 2019 / dpa / Stephanie Pilick
    Gesellschaft
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    In seinem Buch „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“ warnt Bernd Hontschik vor einer Umwandlung des Gesundheitswesens in ein Wirtschaftssystem und der Korrumpierung einer guten Humanmedizin durch profitorientierte Bezahlsysteme. Im Sputnik-Interview erklärt der Chirurg seine Befürchtungen.

    Herr Hontschik, elektronische Gesundheitskarte, Praxisgebühr, Morbiditätsorientierter Strukturausgleich, Bonussystem bei Krankenkassen – für was für eine Tendenz im Gesundheitssystem stehen diese Stichwörter?

    Aus meiner Sicht stehen alle diese Stichwörter für eine große Tendenz, die seit einigen Jahren das Gesundheitswesen beherrscht: Die Öffnung des Gesundheitswesens für Investoren, für privates Kapital und für börsennotierte Konzerne, die Krankenhäuser kaufen und inzwischen auch schon die dazugehörigen Arztpraxen aufkaufen. Es ist etwas ganz Neues in das Gesundheitswesen eingezogen, was es vor 30, 40 Jahren noch nicht gab. Aus dem Gesundheitswesen wird eine Gesundheitswirtschaft. All die Sachen, die sie aufgezählt haben, sind letztlich kleine Scheibchen. Das Ganze passiert salamischeibchenweise und das, was sie gesagt haben, gehört alles dazu.

    Wie beurteilen Sie den Zustand des Gesundheitswesens aktuell?

    Ich bin ja nicht jemand, der sagt, vor 30 oder 40 Jahren war alles besser. Es ist etwas anders geworden. Zum Beispiel ist in Krankenhäusern die Parole eingezogen: Es müssen schwarze Zahlen geschrieben werden. So etwas gab es früher gar nicht. Ich finde das ist eine absurde Forderung. Eigentlich ist doch das Gesundheitswesen, also auch die Krankenhäuser, ein Bereich, in den eine so reiche Gesellschaft wie die unsere Geld für die Gesundheit ihrer Mitglieder reinsteckt. Jetzt ändert sich aber der Wind und Investoren ziehen Geld aus dem Gesundheitswesen raus. Die Rhön-Kliniken, Sama und alle diese Konzerne versprechen ihren Aktionären eine Rendite von zehn Prozent. Das gibt es in keinem anderen Bereich in dieser Gesellschaft und ich bezeichne das als gestohlenes Geld. Das ist der Solidargemeinschaft gestohlenes Geld. Das fehlt hinten und vorne.

    Ist das eine deutsche Eigenart oder Spezialität?

    Vielleicht fängt das Ganze damit an, dass dieses ausgezeichnete, solidarische Krankenversicherungssystem, das ja aus der Bismarck-Zeit stammt und alle Zerrnisse und Irrungen und Wirrungen der Geschichte bis heute überstanden hat, etwas speziell Deutsches ist. Das ist nachgemacht worden, wo immer es ging, und Deutschland ist für dieses solidarische Sozialsystem bewundert worden. Das jetzt der Wirtschaftsliberalismus mit Macht überall einzieht, auch da wo er nichts zu suchen hat, zum Beispiel im Sozialbereich, das sehe ich eigentlich überall, wohin ich schaue. Das ist nicht speziell deutsch. Ob es die Nahrungsmittelindustrie oder die Bekleidungsindustrie ist – überall muss man inzwischen der Spur des Geldes folgen, um zu verstehen, was geschieht. Auch im Gesundheitswesen.

    Die Pharmaunternehmen stellen die Medikamente her, die für die Heilung von Kranken verantwortlich sind. Völlig altruistisch? Oder welchen Anteil hat die Pharmaindustrie an dieser Situation?

    Die Pharmaindustrie ist schon immer ein profitorientierter Teil des Gesamtkapitals. Da hat sich nichts dran geändert. Wo immer sie Profit machen können, machen sie ihn. Das war auch schon vor dreißig, vierzig Jahren so. Damit kann man an sich leben, wenn man sie ein bisschen in Grenzen hält und sich nicht jeden Mondpreis von denen diktieren lässt. Es gibt aber die Möglichkeit, und die ist voll ausgearbeitet, geradezu perfekt, die Krankenkassenleistungen auf eine sogenannte Positivliste zu reduzieren. Das heißt, auf die Medikamente, die wirklich gebraucht werden, und nicht die zehn- oder vierzigtausend Medikamente, die wir hier haben. Das ist allerdings dann auch wieder auf Druck der Pharmaindustrie, die eine enorme Lobbykraft hat, vom Tisch gekommen – obwohl das schon zu Rot-Grünen Zeiten fix und fertig war. Der Pharmaindustrie kann man viel vorwerfen, das tue ich auch, aber das hat sich eigentlich nicht geändert. Die spielt dieselbe gute oder schlechte Rolle, die sie immer gespielt hat. 

    Aber ich fand ja schon das Kapitel in ihrem Buch bezeichnend, in dem beschrieben wird, wie gerade der Finanzdienstleister Goldman Sachs die Pharmaindustrie beraten hat. 

    Aber dieses Kapitel, wenn Sie es genauer überlegen, ist eigentlich weniger ein Kapitel, was die Pharmaindustrie ‚brandmarkt‘, sondern das ist ein Kapitel, in dem man ganz klar sieht, was passiert, wenn der Profit zum obersten Ziel der Handlungen im Gesundheitswesen wird. Diese Beraterfirma Goldman Sachs ist ja die, die einer Pharmafirma rät ein Medikament nicht mehr herzustellen, weil es so gut wirkt. Die Kranken werden gesund und sie können dann nicht mehr so viele Medikamente verkaufen. Eine absurde Verkehrung des Auftrags von Ärzten, Schwestern und Pflegern und des Gesundheitswesens in das Gegenteil des Profits willen. Das rät Goldman Sachs, ob die Pharmaindustrie das jetzt macht oder nicht, ist wieder eine andere Sache. Das ist ein Zeichen dafür, dass, wenn der Profit einzieht in das Gesundheitswesen, dann ist es um die Fürsorge und um die Medizin getan. Dann geht die verloren.

    Eigentlich könnte man ja meinen, dass die Politik im Sinne der Bürger handelt, nachdem was wir hier besprochen haben, scheint das ja nicht so ganz der Fall zu sein?

    Es ist schwer zu sagen, was die subjektive Motivation von Politikern ist, das Gesundheitswesen für den privaten Profitbereich frei zu geben. Wenn sie mit Menschen diskutieren, die dieses Konzept vertreten, dann sagen die:

    ‚Die Privaten und der Markt können das besser. Kommunale Krankenhäuser schneiden im Vergleich zu privaten Krankenhäusern ökonomisch immer schlechter ab. Die öffentliche Hand kann das nicht, die haben nicht die richtigen Manager, die haben nicht den richtigen Zug und sobald der Profit winkt, läuft alles viel besser. Der Markt wird das regeln‘.

    Wenn man sich dann genauer damit beschäftigt, ist das haarsträubend und hanebüchen. Ich möchte jetzt nicht jedem Politiker, der das vertritt, die individuell gute Motivation absprechen. Sicher sind auch Politiker korrumpiert und von Lobbyisten gekauft oder unter Druck gesetzt, das müsste man aber im Einzelfall anschauen. Ich sage: Die Gesundheitspolitik in unserem Land ist nicht zu Gunsten der Bürger. Es gibt genug Leute, die mir massiv widersprechen werden, aber ich meine ich kann das ganz gut begründen. In den über 40 Jahren, die ich als Arzt arbeite, oder gearbeitet habe, kann ich schon sagen: Hier ist viel verloren gegangen. Es muss umgesteuert werden, sonst wird alles verloren gehen. Dann werden wir ein Gesundheitswesen bekommen, wie in den USA. Die Reichen haben alles, die Armen haben nichts.“  

    Wenn Sie sagen, es muss umgesteuert werden. Was müsste also besser gemacht werden?

    Man müsste unbedingt das solidarische Gesundheitssystem vor jedem Zugriff von Investoren abschotten. Ich würde als erstes die private Krankenversicherung abschaffen. Da verabschieden sich zehn Prozent der Bestverdienenden in unserem Land aus der Solidargemeinschaft und zahlen eben nicht in die gesetzliche Krankenversicherung ein. Ich würde dafür sorgen, dass Schwestern und Pfleger anständig bezahlt werden. Davon kann keine Rede sein. Wenn man hört, was die verdienen, können einem die Tränen kommen. Vor allen Dingen, dass sie auch die nötige Wertschätzung endlich entgegen gebracht bekommen, für ihre wirklich hervorragende Arbeit. Es muss aufhören, dass börsennotierte Konzerne ihren Profit, zehn Prozent zum Beispiel, aus dem Gesundheitswesen rausziehen, raussaugen und an ihre Aktionäre auszahlen. Das ist Diebstahl, ich kann es nur immer wieder sagen.  

    Der Chirurg Bernd Hontschik ist Autor des Bestsellers „Körper, Seele, Mensch“ und schreibt unter Anderem Kolumnen in der Frankfurter Rundschau. Sein aktuelles Buch „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“ ist am 02. Juli im Westend Verlag erscheinen.

    Das komplette Interview mit Dr. med. Bernd Hontschik zum Nachhören:

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    Tags:
    Deutschland, Gesundheitswesen