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05:15 23 September 2019
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    Russland (Symbolbild)

    Mit Fahrrad, Motorrad und Rollstuhl: Wie Deutsche durch Russland reisen

    © Sputnik / Denis Abramow
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    Früher hat man populäre Touristenziele in Russland an einer Hand abzählen können: Moskau, Sankt Petersburg, Baikalsee. Heute sieht die Situation komplett anders aus. Immer öfter machen Deutsche Urlaub in Russland und wählen dabei auch oft ungewöhnliche Routen.

    Alexander Austenfeld ist Filmmacher und arbeitet als Outdoor Guide. Melanie Stegemann ist eine bekannte Düsseldorfer Künstlerin und Motorradfahrerin. Christian Tiffert war Marineoffizier, seit einem Unfall ist er querschnittsgelähmt. Was alle diese Leute eint ist ihre Liebe zu Russland und zu Reisen. Mit dem Fahrrad, Motorrad und Rollstuhl sind sie zehntausende Kilometer durch das Land gefahren, um sagen zu können: Eine Reise nach Russland ist etwas ganz Besonderes.

    Mit dem Fahrrad von Berlin nach Sankt Petersburg

    Alexander Austenfeld arbeitet seit mehreren Jahren als Outdoor Guide und fährt deutsche Gruppen zum Baikalsee. Eines seiner Hobbys ist das Radfahren. Vor einiger Zeit unternahm er eine große Reise durch Osteuropa. Von Berlin nach Sankt Petersburg mit dem Fahrrad zu fahren klang für die meisten seiner Bekannten geradezu unmöglich und vor dem Hintergrund eines nach wie vor existenten Misstrauens gegenüber dem Osten als schlichtweg gefährlich. Jedoch kann Alexander nach seiner Rückkehr Russland als Reiseziel nur empfehlen.

    „Seit meiner Kindheit war eine gewisse Faszination für Osteuropa bei mir vorhanden, obwohl diese Region eher mit Ängsten behaftet ist. Ich war schon mal zu einem Sprachkurs in Sankt Petersburg. Die Stadt und besonders die Weißen Nächte gefielen mir sehr, deshalb war für mich klar, wo die Reise hingeht. Pskow war auch eine Stadt, die ich immer schon mal kennenlernen wollte, denn sie gehört mit zu den Wiegen der Rus und hat dementsprechend für Russland eine enorm wichtige Bedeutung. Die Leute waren ja auch ein Grund für meine Reise. Ich wollte erleben, wie sie sind und leben.

    Meine tollsten Erlebnisse in Russland waren die Kleinigkeiten, die mich glücklich machten. Das spektakulärste Ereignis war mit der Reparatur meines chronisch kaputten Reifens verbunden. Ich stand bei Regen mit mal wieder plattem Reifen in einem Dorf auf der Strecke zwischen Pskow und Luga. Das Problem war ein Loch im Mantel. Vor dem Dorfladen standen Männer. Einer sagte, er habe noch einen Mantel zuhause. Sein Mantel war aber zu klein und so schlug er vor, dass ich bei ihm übernachte, und wir das Problem am nächsten Tag angehen. So wurde es dann auch gemacht. Es kamen noch zwei weitere Männer zur Hilfe und ein Mantel wurde gefunden, der allerdings noch größere Löcher als meiner hatte. Aber sie kamen auf eine haarsträubende Idee: Und zwar beide Mäntel übereinander zu ziehen. Ich hielt das für unmöglich, aber mit gröbster Gewalt taten sie es.

    Ich würde sicher Russland als Reiseziel weiterempfehlen. Es hat viel zu bieten – sowohl kulturell als auch was die Natur angeht. Es ist nicht das klassische Reiseland, aber gerade dies macht den Charme aus.“

    14.000 Kilometer mit dem Motorrad auf den Spuren des Großvaters

    Die Düsseldorfer Künstlerin und Motorradfahrerin Melanie Stegemann nannte ihre Reise nach Russland  „Ride of Understanding“. 13.975 Kilometer legte sie mit und auf ihrem Bike durch das Land zurück und begab sich dabei auch auf die Spuren ihres Großvaters, der dort in Gefangenschaft war.

    „Die Entscheidung nach Russland zu fahren geschah doch spontan. Dies hat aber einen Hintergrund: Mein Großvater mütterlicherseits war nach dem Krieg in Russischer Gefangenschaft. Schon immer erzählte er aus dieser Zeit. In der Schule hatte er eine Russin zur besten Freundin und ging bei deren Familie ein und aus. Ende 2016 hatte ich die Möglichkeit mit zwei Fotografen aus Pskow, der Neusser Partnerstadt, in Neuss auszustellen. Sie luden mich nach Pskow ein, und ich reiste für zwei Wochen in diese besondere Stadt am Rande von Europa. Ich habe mich sofort in die Menschen und die Kultur verliebt, aber die zwei Wochen waren zu wenig. Ich war neugierig auf mehr. Also griff ich ganz pragmatisch zur Karte, ließ mir von meinem heute 92-jährigen Großvater zeigen, wo genau er in Gefangenschaft war, verband diese Punkte mit Einladungen, die ich kreuz und quer hatte und Orte die mich reizten – fertig war die Reiseroute. Gestartet war ich in Düsseldorf, dann Kaliningrad, Pskow, Sankt Petersburg, Kasan, Wolgograd, Dombai im Kaukasus, Kiew, Odessa und über Berlin zurück in die Heimat.

    Vor einer Sprachbarriere muss man überhaupt keine Angst haben. Die Russen waren mir gegenüber sehr offen und neugierig und machten immer eine Kommunikation (manchmal auch mit Google Translate) möglich.

    Die tollsten Erlebnisse neben der atemberaubend schönen, ursprünglichen und wilden Natur Russlands waren an die Begegnung mit Menschen geknüpft. In Pskow hörte ich zum ersten Mal den Begriff  ‚Brudervolk‘, denn so wurde mir dort die Verbindung unserer Länder beschrieben. Die bedingungslose Hilfsbereitschaft der Russen beeindruckte mir sehr. Diese Art durchzog auch jede meiner Begegnung auf der Reise zu den Orten meines Großvaters. Die Museumsmitarbeiter, Historiker, Biker, Polizisten – alle zeigten riesiges Engagement. Tolle Gespräche, Abendessen, Frühstücke, Stadtrundfahrten, Ausflüge in die Berge – diese Leute setzten meiner Erfahrung von Gastfreundschaft nochmal die Krone auf. Das berührte mich tief und ich hoffe, eines Tages das Erlebte zurückzugeben.“

    Mit dem Rollstuhl durch Russland

    Seit einem Unfall ist Marineoffizier Christian Tiffert querschnittsgelähmt. Dies hielt ihn nicht davon ab, von Moskau aus 8000 Kilometer zurückzulegen. Er fuhr entlang der Wolga, durch die Steppe von Kalmückien, weiter über den Kaukasus bis ans Schwarze Meer und zurück – alles in seinem kinngesteuerten Rollstuhl. Die Reise wurde zum Grundstein für sein Projekt „Find Your Road“.

    „Nach der Schule ging ich zur Marine und diente als Marineoffizier. Vor sechs Jahren hatte ich einen Unfall, in dessen Folge ich von den Schultern abwärts gelähmt bin. Aber ich wollte nicht aufgeben und suchte mir ständig neue Herausforderungen. Die Idee zur Reise nach Russland hatte ich nach dem Besuch eines guten Freundes. Er arbeitete damals an der deutschen Botschaft in Moskau und erzählte mir von seinen Erlebnissen. Damit war die Idee geboren.

    Als ich meiner Familie und den ersten Freunden davon erzählte, erklärten sie mich kurzerhand für verrückt. Interessanterweise kamen alle diese Hinweise von Menschen, die noch niemals in Russland waren. In einem Reisebüro fragte sogar die Mitarbeiterin meinen Assistenten: „Was will DER (ich) denn in Russland, soll er doch nach Mallorca fahren, da hat er es wenigstens warm.“ Aber ich beharrte fest auf meinem Willen. Wir planten die Route, wobei ich meinen Geburtstag (also nach meinem Unfall) in Sotschi, dem Ort der Winter-Paralympics, feierte.  

    Am meisten beeindruckte mich an den Menschen in Russland ihre Offenheit und Gastfreundschaft. Selbst in Wolgograd, wo man doch eigentlich vermuten könnte, dass man uns aufgrund unserer Herkunft zumindest skeptisch gegenübersteht, waren alle sehr freundlich und hilfsbereit. Wo immer wir waren, wurden wir herzlich aufgenommen und unterstützt.

    Es gab sehr viele schöne Erlebnisse und Momente in Russland. Eines der spannendsten war sicherlich die Fahrt mit einer Seilbahn in Sotschi – ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk.

    Es lohnt sich bestimmt, nach Russland zu fahren, und auch außerhalb von Moskau und Sankt Petersburg! Nur die Bereitschaft, sich auf ein Abenteuer einzulassen, darf nicht fehlen.“

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    Tags:
    Reise, Touristen, Russland