Widgets Magazine
14:09 13 November 2019
SNA Radio
    Die Truppen der Woronescher Front greifen unter dem Deckmantel von Panzern an. Schlacht um Kursk,  Juli 1943

    Prochorowka – Sieg oder Niederlage? Russlands Top-Experte lehrt „Welt“-Redakteur Professionalismus

    © Sputnik /
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    6728021
    Abonnieren

    Es ist laut dem prominenten Militärhistoriker Waleri Samulin extrem problematisch, wenn ein Deutscher entscheidet, welche Denkmäler Russland abreißen sollte und welche nicht. Der neueste „Welt“-Artikel über die Schlacht bei Prochorowka hat in Russland für viel Aufsehen gesorgt. Im Sputnik-Gespräch erklärt Samulin, wo dessen Autor falsch liegt.

    Nicht einmal den Namen des Dorfes, wo im Juli 1943 eine der dramatischsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges stattfand, konnte der leitende „Welt“-Redakteur für Geschichte, Sven Felix Kellerhoff, richtig schreiben. Im Artikel unter dem Titel „Der ‘Sieg’ der Roten Armee, der in Wirklichkeit eine Niederlage war“ erwähnt er im Lead ein gewisses „Prochokowka“ statt des Dorfes Prochorowka bei der Stadt Belgorod. Bei Prochorowka soll es laut Kellerhoff überhaupt keine gewaltige Panzerschlacht gegeben haben, die dramatischen sowjetischen Verluste sollen durch einen „Kamikaze-Angriff“ erfolgt sein und die deutschen ziemlich übertroffen haben.

    Die vom deutschen Historiker Karl-Heinz Frieser und seinem britischen Kollegen Ben Wheatly vorgelegten angeblich neuen Luftaufnahmen für den Kampf am 12. Juli sollen sein Urteil beweisen. Der Schluss seiner Entmystifizierungskampagne: Bei Prochorowka habe es gar keinen sowjetischen Sieg gegeben. Das Denkmal südwestlich von Prochorowka soll „abgerissen werden“. Dabei lässt Kellerhoff völlig weg, dass selbst der zitierte Wheatly im verlinkten Artikel seine „aufrichtige Bewunderung für die sowjetischen Panzerbesatzungen und das Opfer der Roten Armee“ ausdrückt.

    „Mein erster Eindruck als Mensch und nicht als Forscher war: Es ist falsch, wenn ein Ausländer oder gar ein Deutscher diktiert, welche Denkmäler wir aufstellen und welche wir abreißen sollen, besonders wenn er sich nicht mit der Problematik auskennt“, kommentiert der wohl bekannteste russische Forscher der Schlacht bei Prochorowka, Dr. Waleri Samulin, gegenüber Sputnik.

    der an gefallene sowjetische Soldaten erinnernde Glockenturm bei Prochorowka
    © Sputnik / Jurij Kawer
    der an gefallene sowjetische Soldaten erinnernde Glockenturm bei Prochorowka

    Seit 30 Jahren beschäftigt sich der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter bei der Universität Kursk gerade mit diesem Thema, seine Werke sind in mehrere Sprachen übersetzt worden. „Das Denkmal steht in erster Linie im Gedenken an die gefallenen Soldaten da, die ihr Leben für den Sieg opferten.“ Laut Samulin reduziert Kellerhoff weiter bewusst oder unbewusst die gesamte siebentägige Schlacht auf einen Tag, den 12. Juli, was historisch falsch sei. Jedoch kann Samulin trotz der verfälschten Darstellung von Fakten den Kern des von Kellerhoff angesprochenen Problems aufdecken:

    „Die sowjetische ideologische Maschine hatte wirklich einen Mythos kreiert, laut dem es am 12. Juli eine gewaltige Panzerschlacht gegeben hat, mit etwa 1200 Panzern von den beiden Seiten, und die sowjetischen Menschen den Feind geschlagen hatten.“

    Die russische Seite sei selbst schuld daran, dass dieser Mythos weiter zur verfälschten Deutung der Geschichte beitrage, so Samulin weiter. Aber: dieser sei von Samulins Kollegen längst bloßgestellt worden. „Hätte sich Kellerhoff mit dem Thema gewissenhaft auseinandersetzen wollen, hätte er dies auch berücksichtigt“, so der Historiker.

    Was in der Schlacht bei Prochorowka wirklich geschah

    Die Schlacht am Kursker Bogen fing am 5. Juli 1943 an. Am 9. Juli hätten deutsche Panzertruppen der Vierten Panzerarmee unter Generaloberst Hermann Hoth zwei Verteidigungslinien der Roten Armee durchbrochen und sich der dritten hinteren Verteidigungslinie angenähert, sagt Samulin weiter. Bei Prochorowka habe Hoth am Abend befohlen, das Dorf und das angrenzende Gebiet durch drei Panzerdivisionen zu erobern und Kursk als Ziel zu nehmen. Am nächsten Tag, den 10. Juli, habe die Schlacht bei Prochorowka angefangen, betont der Historiker. Die Hauptaufgabe der sowjetischen Truppen der Woronescher Front, die sich auf einem Abschnitt der hinteren Verteidigungslinie von 40 Kilometern befunden hätten, sei die Verteidigung gewesen. Die Verteidigung habe bis zum 16. Juli gedauert. In der Nacht zum 17. Juli habe die sowjetische Luftaufklärung festgestellt, dass die Deutschen begonnen hätten, Panzertruppen in Richtung Belgorod, d.h. in ihre Ausgangspositionen, zurückzuziehen.

    „Das bedeutete, dass die Deutschen ihr Ziel nicht erreicht haben: Sie sollten sich nach sieben Tagen Schlacht zurückziehen. Hätten sie gesiegt, hätten sie Kursk erreicht. Sie waren aber im Herbst schon am Dnepr.“

    Was aber ist genau am 12. Juli passiert? „Das sowjetische Kommando beschloss, die Form der Verteidigungsoperation zu ändern“, erklärt der Experte weiter.

    „Es wollte bei Prochorowka eine mächtige Panzerfaust von 670 Einheiten zusammenstellen und den Angriff des SS-Körpers zurückschlagen. Bisher befand sich die Infanterie in den Schützengräben, wurde von Artillerie unterstützt, die Panzer unternahmen kurze Gegenangriffe und Flugzeuge bombardierten den Feind. Die Verluste waren am 12. Juli gewaltig, aber auch die deutsche Seite hatte ihr Ziel nicht erreicht. Und trotzdem war es noch nicht das Ende der Schlacht.“

    Da die Gegenangriffe der Roten Armee - und zwar nicht nur bei Prochorowka, sondern auch bei Belgorod und Brjansk - sich nicht bewährt hätten, hätte das sowjetische Kommando auf die alte Verteidigungsform zurückgegriffen. Der Historiker verweist dabei darauf, dass es keinen Befehl gegeben habe, die Deutschen zu „zerdrücken“, denn die Panzer seien zum Manövrieren da. Samulins Kernargument bleibt aber: Es sei falsch, eine der größten Schlachten am Kursker Bogen, an der innerhalb von sieben Tagen über 200.000 Menschen und 1000 Panzereinheiten teilgenommen hätten, alleine auf den 12. Juli zu reduzieren.

    Der wissenschaftliche Leiter der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft, Michail Mjagkow, erklärte seinerseits im Sputnik-Gespräch auch die angeblich sehr niedrigen Verluste der deutschen Truppen. „Die Berechnung der Verluste ist bei den Deutschen schon sehr eigenartig. Die Panzer, die im Kampf vorübergehend deaktiviert waren, hielt die sowjetische Seite für geschlagen. In Deutschland wurden solche Maschinen, die keine langfristigen Reparaturen erforderten, nicht berücksichtigt“, so Mjagkow. Laut den russischen Quellen haben die Deutschen in den Kämpfen bei Prochorowka über 300 und die Rote Armee über 500 Panzer verloren.

    „Wie kann sich der Autor auf einige Fotos beziehen, wenn er über die Verluste spricht, wenn es echte Dokumente gibt? Lassen Sie den Autor unsere Archive kennenlernen und erst dann Schlüsse ziehen“, sagt er abschließend.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Historiker, Welt, Zweiter Weltkrieg, Kursk