17:37 14 Dezember 2019
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    Skulptur des Widerständlers Graf von Stauffenberg von  Frank Mehnert (Viktor Frank) in dem militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden

    Stauffenberg-Attentat auf Hitler – Militär-Historiker über „die vergessenen Retter“

    © AP Photo / Jens Meyer
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    Graf von Stauffenberg wollte am 20. Juli 1944 durch ein Hitler-Attentat den desolaten Kriegsverlauf ändern. „Neben Stauffenberg dürfen wir die ‚kleinen‘ Widerstandskämpfer nie vergessen“, mahnt Historiker Wolfram Wette im Sputnik-Interview. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden zeigt eine Sonderausstellung zum Attentat.

    Vor genau 75 Jahren sollte es passieren. Mit dem Plan, Adolf Hitler zu töten, flog am frühen Morgen des 20. Juli 1944 der Wehrmachts-Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg zusammen mit einem Getreuen zum Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ bei Rastenburg in Ostpreußen. Stauffenberg trug chemische Zeitzünder und Sprengstoff versteckt in einer Aktentasche bei sich. Die Tasche stellte er im Besprechungsraum Hitlers in der Lagerbaracke ab. Die getarnte Sprengstoff-Konstruktion sollte später explodieren und so den NS-Diktator in den Tod reißen. Doch durch vielerlei Versäumnisse an jenem Tag scheiterte das Attentat. Vier Menschen wurden durch die Detonation getötet, Hitler selbst jedoch erlitt dabei nur leichte Verletzungen. Noch am Abend des gleichen Tages wurden Stauffenberg und seine Mithelfer verhaftet. Später erfolgte deren Erschießung nach einem Urteil durch ein Standgericht.

    Historiker Wette zum Widerstand in NS-Zeit

    „Die Hauptaussage zur heutigen historischen Bedeutung des Stauffenberg-Attentats ist“, erklärte der renommierte Militär-Historiker Wolfram Wette im Sputnik-Interview, „dass es zwar die große Zahl der Mitläufer und der Mittäter des Nationalsozialismus gegeben hat. Aber gleichzeitig gab es auch eine – wenn auch winzige – Zahl von Menschen im Widerstand. Die kamen aus der Kommunistischen Partei, aus der Sozialdemokratischen Partei, zum Teil aus den Kirchen. Dazurechnen müssen wir auch die Menschen des kleinen Widerstandes. Die Deserteure, die sogenannten Wehrkraftzersetzer, die wenigen Kriegsdienstverweigerer – und den Offiziers-Widerstand.“

    Der Offiziers-Widerstand mit dessen bekanntem Vertreter Graf von Stauffenberg nehme bis heute eine Sonderrolle in der Erinnerung ein. Dies habe historische Gründe. „Da der Offiziers-Widerstand sich direkt auf eine Ablösung der Staatsspitze konzentriert hat, hat er in der Erinnerung immer im Vordergrund gestanden. Aber wir müssen uns längst auch den anderen Gruppen – die ich eben erwähnt habe – widmen und sie ins Zentrum unserer Erinnerung stellen. Denn auch gegenwärtig und zukünftig kann nicht jeder den Stauffenberg spielen, weil nicht jeder in dieser Position ist oder sein kann.“

    Bedeutung Stauffenbergs in der Bundeswehr

    Wette analysierte, wie Stauffenberg in der Wahrnehmung der Bundeswehr über die Jahrzehnte vom „vermeintlichen Eidbrecher“ zu „einem ehrenwerten Vorbild im Widerstand“ wurde. „Stauffenberg ist nach und nach zu einem großen Heros des Widerstandes aufgepeppt wurden.“ Diese „Überhöhung seiner Person“ sei auch durch Film-Produktionen befördert worden. Damit bezog sich der Militär-Geschichtsexperte auf Hollywood-Filme wie „Operation Walküre“ mit Darsteller Tom Cruise, der 2008 in die Kinos kam.

    „Wir leben jetzt, so glaube ich, in der Phase, in der Stauffenberg sozusagen historisch nüchterner betrachtet wird. Dafür ist das Buch von Thomas Karlauf typisch, das jetzt landauf und landab besprochen und diskutiert wird.“ Im März 2019 erschien dessen Buch „Stauffenberg: Porträt eines Attentäters“ im Blessing-Verlag. In dem Buch verdeutliche Autor Karlauf, „dass die Motivlage bei Stauffenberg doch sehr stark von seiner militärischen Sicht der Dinge geprägt war“. Stauffenberg habe 1943 gesehen, dass der Kriegsverlauf das Dritte Reich in den Abgrund stürzen könnte. Der „Dilettant Hitler“, so die Lesart Stauffenbergs, fahre die gesamte Wehrmacht und das Reich an die Wand. Dies sei damals die Besorgnis des Widerständlers gewesen. Daher entschloss er sich im vorletzten Kriegsjahr, das Attentat auf Hitler zu planen und durchzuführen.

    „Kleine“ Widerständler: „Feldwebel Schmid darf nie vergessen werden“

    „Der erste ‚Retter in Uniform‘, der in Deutschland bekannt wurde, war der aus Wien stammende Feldwebel Anton Schmid“, schrieb Historiker Wette 2013 in einem Gastbeitrag für die Zeitung „Die Welt“ unter dem Titel „Der andere Widerstand“. Darin erinnerte er an die eher unbekannten Widerstands-Kämpfer und menschlichen Helfer in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der NS-Herrschaft. Diese Aussagen konkretisierte der Militär-Historiker im Gespräch.

    „Für mich ist der aus Wien stammende Feldwebel Anton Schmid, der in Vilnius, Litauen, über 300 Juden vor der Vernichtung gerettet hat und dafür mit seinem Leben bezahlt hat, ein Leuchtturm. Ein Leuchtturm aus der Reihe der kleinen Leute in Uniform, die ihren Widerstand in anderer Weise geleistet hatten.“ Diese hatten laut dem Geschichts-Experten „nur dort Handlungsmöglichkeiten“, wo sie standen und sich im NS-Apparat befanden. Diese Handlungsspielräume mussten sie clever nutzen.

    Seinen Handlungsspielraum hatte der vom Dienstgrad her „kleine Feldwebel Anton Schmid in einer exzellenten, allerdings auch in einer hochgefährlichen Weise genutzt. Dadurch hat er vielen Menschen das Leben gerettet. Dafür ist er in (der Holocaust-Gedenkstätte, Anm. d. Red.) Yad Vashem in Jerusalem auch als ‚Gerechter unter den Völkern‘ ausgezeichnet worden. Ich denke, er ist das Vorbild für viele andere. Ich hätte mir gewünscht, dass man an einem 20. Juli ganz groß an Anton Schmid erinnert.“ Stauffenberg sei ohnehin in den letzten Jahrzehnten „ausreichend gewürdigt“ worden.

    Militär-Museum in Dresden mit Sonderausstellung

    Seit dem 4. Juli zeigt das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden die Sonderausstellung mit dem Titel „Der Führer Adolf Hitler ist tot: Attentat und Staatsstreichversuch am 20. Juli 1944“. Den Kern der Ausstellung bilden dabei über 20 Plakate, über 50 Exponate und Ausstellungsstücke sowie ein umfassender Katalog mit Experten-Stimmen. Dazu zeigt das Museum in Dresden bis Jahresende diverse Begleitveranstaltungen zum Thema Stauffenberg-Attentat. 

    In der Ausstellung würden die Besucher „in einer raumgreifenden Fotocollage zunächst in das Jahr 1944 zurückversetzt“, heißt es im aktuellen Pressematerial des Militär-Museums in Dresden, das die dortige Pressestelle für Sputnik zur Verfügung stellte. Die Besucher „gewinnen so einen Eindruck von der militärischen, gesellschaftlichen und politischen Lage des Deutschen Reiches im vorletzten Kriegsjahr. Bisher nicht öffentlich gezeigte Exponate ermöglichen einen unmittelbaren Zugang in die Gedankenwelt der Verschwörer. Das herausragende Ausstellungsstück ist ein Filmrequisit: die für ‚Operation Walküre‘ vom Filmstudio Babelsberg angefertigte Kulisse des Besprechungsraumes der Lagerbaracke.“

    Das gescheiterte Hitler-Attentat „sollte die Initialzündung für einen Staatsstreich (Deckname ‚Walküre‘) bilden, mit dem eine Gruppe oppositioneller Militärs und Zivilisten das NS-Unrechtsregime zu beseitigen trachtete“, so der Pressetext. „Doch Hitler überlebte und holte zum Gegenschlag aus. Der Umsturz scheiterte. Stauffenberg und vier seiner Mitverschörer wurden noch in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli erschossen. Viele weitere Hinrichtungen folgten. (…) Bis heute nehmen Stauffenberg und das misslungene Attentat auf Hitler einen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur ein.“

    Der Eintritt zur Stauffenberg-Sonderausstellung und zu allen Begleitveranstaltungen im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden ist kostenlos.

    Vom Rettungswiderstand

    „Widerstand ist ein unheimlich facettenreiches Gebiet, das die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin sehr schön darstellt“, lobte Historiker Wette abschließend im Interview eine weitere wichtige bundesdeutsche Gedenkinstitution. „Dort sind auch die kleinen Leute in Uniform nach und nach aufgenommen wurde. Auch die Rote Kapelle spielt eine wichtige Rolle dort.“

    Ebenso gewinne das Forschungsgebiet Rettungswiderstand in der europaweiten historischen Forschung immer größere Bedeutung, betonte er. „Rettungswiderstand bedeutet, die zu kennzeichnen, die Menschen unterstützt, solidarisch geholfen oder sogar gerettet haben. Die in diesem Sinne praktischen Widerstand zur Rettung anderer, meist Juden, geleistet haben. Der Begriff Rettungswiderstand geht höchstwahrscheinlich auf Arno Lustiger zurück. Dem leider verstorbenen jüdischen Historiker aus Frankfurt, der mit unserer Forschungsgruppe zusammengearbeitet hatte.“

    Wolfram Wette (Jahrgang 1940) ist ein renommierter Historiker und Friedensforscher mit Bundeswehr-Hintergrund. Der studierte Historiker, Philosoph und Politologe arbeitete viele Jahre am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Freiburg. Er ist unter anderem Mitbegründer des „Arbeitskreises Historische Friedensforschung“ und Mitglied im Förderkreis des „Darmstädter Signals“. Die Universität der russischen Stadt Lipezk hat ihm eine Ehrenprofessur verliehen. 2015 erhielt er den „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“.

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Wolfram Wette zum Nachhören:

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    Tags:
    Ausstellung, Versuch, Attentat, Adolf Hitler, Deutschland