10:02 12 Dezember 2019
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    Geschwister Khatschaturjan im Gericht (Archivbild)

    Brutaler Vatermord oder Notwehr? Drei-Schwestern-Fall sorgt in ganz Russland für Kontroverse

    © Sputnik / Ewgenija Nowoschenina
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    Drei Schwestern haben vor gut einem Jahr am Rande Moskaus ihren Vater getötet und müssen nun vor Gericht. Vorgeworfen wird ihnen ein Mord mit Verschwörung, 20 Jahre Haft könnten kommen.

    Genau dies wollen ihre Unterstützerinnen verhindern, denn die Mädchen sollen sich nur geschützt haben. Der Fall bringt seit Monaten die Menschen in Russland auf die Straßen und ins Netz.

    Es war am 27 Juli 2018, als die Schwestern Chatschaturjan sich zum Mord an ihrem Vater entschieden haben. Maria, Angelina und Kristina, damals nur 17, 18 und 19 Jahre alt. Angegriffen sollen sie ihn haben, als der Vater im Sessel schlief: 36 Messerstiche in die Brust, Anrufe bei Rettungsdienst und Polizei, Schuldbekenntnis. Brutal erstochen, alles als Verschwörung geplant, beharrt die Anklage. Die Verteidigung spricht ihrerseits von einer Verzweiflungstat, von Notwehr, die Mädchen hätten keinen anderen Ausweg gehabt. 

    Tausende Menschen, vor allem jüngere Feministinnen, gehen seit Monaten in mehreren Städten aus Solidarität auf die Straße, fordern Freisprechung und besseren Schutz vor der häuslichen Gewalt. Denn: der Vater soll die Mädchen jahrelang eingesperrt, geschlagen, psychologisch und sexuell missbraucht haben. „Ich hatte Angst. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu unterwerfen“, sagt Angelina, die zum Messer gegriffen hatte, bei einer Vernehmung. Ansonsten hätte der 57-Jährige sie und ihre Schwestern umgebracht, ist sie sich sicher. 

    Die Kritiker, die der Notwehr-Version widersprechen, verweisen ihrerseits auf die Widersprüche, die nicht in ihre Vorstellung von einer Notwehr passen, wie etwa: Warum haben die Mädchen, wenn es eine Notwehr war, den Mann im Schlaf angegriffen? Warum haben sie den Fall  nicht bei der Polizei gemeldet, bevor sie sich zum Anschlag entschieden? Warum hat die Jüngste, Maria, sich und den Schwestern nach dem Mord mit dem Messer in die Arme geschnitten, so als ob dies der Vater getan hätte? Den Inszenierungsversuch haben sie zugegeben. 

    Mord vs. Notwehr

    Eine umfassende sexuell-psychiatrische Untersuchung des Ermordeten bestätigte wirklich, dass der 57-Jährige eine gemischte Persönlichkeitsstörung hatte und daher die Töchter wirklich psychologisch zu dominieren suchte und imstande war, ihnen Demütigungen und körperliche Gewalt anzutun. Jedoch litt er an keiner chronischen psychischen Störung, so das Gutachten. Eine weitere Untersuchung der Mädchen zeigte: Der Mord soll sich nicht im Affektzustand ereignet haben. Experten zufolge war Angelina jedoch am stärksten emotional belastet; ihren Zustand bezeichnen die Experten als „beschränkte Zurechnungsfähigkeit“.

    Darüber hinaus verweisen die Gutachter auf eine gewisse Desorganisation von Handlungen während des Mordes sowie auf eine bestimmte Vergesslichkeit, was bedeuten soll, dass es keine Vorabvereinbarung gegeben haben soll. Die Anwälte glauben, dass es die Umstände des Falls ermöglichen, die Anklage auf eine Überschreitung der Notwehr einzuschränken. Zugleich gehen die Anwälte davon aus, dass das Notwehrrecht nicht unbedingt beim Angriff des Gegners ausgeübt werden muss, solange die ständige Lebensgefahr besteht.

    Wo war die Polizei?

    Die Mutter der Schwestern, Aurelia, lebte zum Zeitpunkt der Tat längst nicht mehr mit ihrem Ehemann zusammen. Nach Angaben ihrer Bekannten war sie von zu Hause weggelaufen, weil er ständig gewalttätig gewesen sein soll. Eine Untersuchung der älteren Tochter Kristina zeigte, dass sie wegen ständiger Vergewaltigung schwere psychologische sowie sexologische Störungen hatte. Laut einem der Anwälte, Alexej Parschin, könnte eine längere traumatische Situation wegen des Lebens mit einem tyrannischen Vater erklären, warum sie nicht nach Hilfe gerufen haben und dem Vater nicht entfliehen konnten. Ein schwerer physischer und psychischer Gesundheitsschaden wird von den Anwälten in den Vordergrund gestellt. 

    Die Nachbarn der Mädchen teilten ihrerseits im Fernsehen mit, mehrmals bei der Polizei angerufen zu haben. Das Büro für Information und Öffentlichkeitsarbeit des Innenministeriums Russlands in Moskau dementiert dies und behauptet, dass sich keiner von den Nachbarn in den anderthalb Jahren bis zur Tat bei der Polizei gemeldet habe. Die Anwältin und Ko-Autorin des Föderationsgesetzes „Über die Prävention von häuslicher Gewalt“, Mari Dawtjan, beharrt zugleich gegenüber den Medien darauf, dass die Mutter der Töchter sich jedoch mehrmals bei der Polizei gemeldet haben soll. Dass die Ermittler den Fall aufgrund all der Gutachten trotzdem immer noch nicht umdeuten wollen, verbindet Dawtjan mit den „internen Anweisungen“. Die Ermittler würden ja einen immer maximal anklagen, es sei der Richter, der die Tat am Ende umqualifizieren solle.   

    Ein Problem wird aufgedeckt

    Momentan stehen die Schwestern unter Hausarrest, getrennt voneinander. Am 2. August soll der Prozess starten. Die Skeptiker verweisen weiter auf die Unklarheiten und behaupten, sollten die Mädchen freigesprochen werden, bestehe in Zukunft die Möglichkeit eines Missbrauchs des Notwehrrechts. Ihre Unterstützer und Bürgeraktivisten streiken allerdings weiter für den besseren Schutz vor häuslicher Gewalt, für den 27. Juli ist die nächste Protestaktion geplant. Eine entsprechende Petition mit dem Aufruf, die Mädchen zu unterstützen, hat bereits über 320.000 Unterschriften gesammelt. 

    Es wird zudem erwartet, dass auch ein Strafverfahren gegen den Ermordeten eröffnet wird. Die Unterstützer hoffen, dass der Fall der drei Schwestern da etwas bewegen könnte. Das bisher geltende Gesetz aus dem Jahre 2017 lässt die häuslichen Auseinandersetzungen, die sich nicht ständig wiederholen, bisher innerhalb der Familie klären.

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    Tags:
    Häusliche Gewalt, Mordfall, Moskau