22:19 21 November 2019
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    Menschen feiern die deutsche Vereinigung in Berlin 1990

    „‚Wir sind ein Volk‘ war den Deutschen in Fleisch und Blut eingedrungen“

    © Sputnik / Boris Babanow
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    In den 1980er Jahren wurde die Berliner Mauer zu einem Bauwerk, das nicht seinem Zweck entsprach. DDR-Bürger flohen nach Westen durch die Länder des sozialistischen Blocks, die Mauer war kein Schutzwall mehr.

    Boris Kajmakow, seinerzeit Leiter des Büros der sowjetische Presseagentur Nowosti in West-Berlin, verfolgte die Geschichte auf beiden Seiten des Brandenburger Tors.

    Kajmakow war von 1986 bis 1989 Leiter des Büros der Presseagentur Nowosti (APN) in West-Berlin. Im Gespräch mit Sputnik erinnert er sich, wie sich damals die öffentliche Meinung verändert hat.

    “Im Informationsfeld wurden die Äußerungen gegen die Mauer immer lauter. Der ehemalige Botschafter der UdSSR in der BRD Walentin Falin sagte erstmals, dass solche Bauten nicht ewig leben würden, und der Dichter Jewgeni Jewtuschenko sagte bei einem öffentlichen Auftritt, dass diese Mauer die Menschen trenne. Langsam entstand die Sichtweise, die dann in den berühmten Worten von Ronald Reagan zum Ausdruck kam: „Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor, reißen Sie diese Mauer nieder!” 

    Für den sowjetischen Journalisten fand die Bekanntschaft mit der Mauer viel früher statt. Mit 25 Jahren diente er in der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, in der Stadt Güstrow. Eines Tages wollte der junge Leutnant die DDR-Hauptstadt besichtigen. Und er stieg in den Zug Rostock-Berlin. Hier muss angemerkt werden, dass sowjetische Offiziere nicht nach Berlin durften. Man griff sich an den Kopf, als man von dieser eigenmächtigen Reise erfuhr, aber für den jungen Leutnant blieb die Geschichte ohne Folgen.

    “Ich bummle durch ‚Unter den Linden‘ in der sowjetischen Offiziersuniform, komme gerade zum Brandenburger Tor. Auf der anderen Seite, auf irgendeinem Holzgerüst stehend, winken mir Leute aus West-Berlin zu. Meine normale menschliche Reaktion: Ich nehme meine Offiziersmütze ab und winke ihnen auch zu. Und zum ersten Mal dachte ich damals: wozu das alles?”

    Kajmakow arbeitete in West-Berlin und wohnte in Ost-Berlin, in der Leipziger Straße. Jeden Morgen stieg er ins Auto und fuhr durch den Checkpoint Charlie. Der sowjetische Journalist, der in beiden Teilen der Stadt akkreditiert war, war am Grenzkontrollpunkt gut bekannt, niemand prüfte seine Papiere. Es gab einen bestimmten Teil von Menschen, die völlig frei mehrmals am Tag über die Grenze gehen durften. Als Ende der 80er Jahre die Westdeutschen am Reichstagsgebäude ein Konzert des “King of Pop”, Michael Jackson, veranstalteten, begriff er endgültig, dass die Mauer schwankte.

    “Auf der einen Seite, am Reichstag, versammelten sich Tausende Westberliner, auf der anderen Seite, am Brandenburger Tor, – Tausende Ostberliner. Die Lautsprecher wurden über die Mauer hinaus nach Ost-Berlin gerichtet. Auf beiden Seiten hörte man wahnsinniges Gebrüll. Und plötzlich ging mir ein Licht auf: Wenn diese in Eifer geratene Menschenmenge jetzt der Mauer zuströmen wird, wird sie niemand aufhalten können.”

    Die DDR-Führung hatte verstanden, dass man Maßnahmen ergreifen musste, sonst würde das Volk die Initiative übernehmen. Als der SED-Politiker Günter Schabowski am 9. November 1989 auf die Frage von Journalisten plötzlich verkündete, dass die Grenze nach West-Berlin ab sofort offen sei, sah Kajmakow aus seinem Fenster, dass am Tor blitzschnell eine große Schlange entstanden war.

    “Es herrschte Freude und Euphorie, die Menschen jubelten. Das war keine politische Kundgebung, die Ostberliner spürten, dass sie sich im Mittelpunkt eines historischen Ereignisses befanden. Zunächst prüften die Grenzpolizisten die Papiere, aber dann ließen sie alle frei durch. Als ich am nächsten Morgen nach West-Berlin kam, sah ich viele DDR-Bürger, die frei durch die Stadt bummelten.”

    Die Reaktion der Sowjetunion auf die Öffnung der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin bezeichnete Kajmakow als Verwirrung – die Erklärung von Schabowski war für alle wie ein Blitzschlag.

    „Unterdessen wurde beim Außenministerium in Moskau eine inoffizielle Kommission gebildet, der Diplomaten und Vertreter der Sicherheitsstrukturen angehört haben, die entscheiden sollte, was weiter zu tun sei. Ich erfuhr das  erst später von hochrangigen Personen, die ich nicht nennen will. In der Kommission gab es Menschen, die vorgeschlagen haben, Panzer einzuführen. Es gab auch andere, die sich gegen Gewaltmaßnahmen ausgesprochen haben.“

    Aber diese Krise konnte keine Kommission mehr beilegen, weil das Volk schon dran war. In allen großen Städten – in Leipzig und insbesondere in Dresden, wo Putin war, gingen Tausende Menschen mit der Parole “Wir sind das Volk” auf die Straße. „Es wurde klar, dass die Fragen, die man politisch hätte entscheiden können, schon vom Volk entschieden wurden”, so Kajmakow.

    „Gorbatschow hat eine durchschlagende Rolle gespielt“

    Laut dem Journalisten war das eine herausragende Zeit – die Epoche der “Glasnost” (Offenheit) von Michail Gorbatschow. Kajmakow hat beispielsweise in seinen Kommentaren nicht direkt geschrieben, dass die Mauer aus dem letzten Loch pfeift und bald einstürzen wird. Aber er schrieb ganz offen, dass es in der demokratischen Republik eine schwere politische Krise gibt, dass die DDR-Regierung diesen Drang nicht zügeln kann, dass die Mauer  ein Reizfaktor ist und dass man dieses Thema früher oder später ansprechen muss. Und das war nun einmal so. Aber ohne Gorbatschows Perestroika wäre der Mauerfall völlig unmöglich gewesen, merkte Kajmakow an.

    „Gorbatschow hat eine durchschlagende Rolle gespielt. Er hat Fragen der internationalen Zusammenarbeit, der Sicherheit sowie humanitäre Fragen auf die Tagesordnung gesetzt, die in der DDR einen günstigen Boden gefunden haben, weil man schon bereit war, sie wahrzunehmen. Heute wird Gorbatschow dessen beschuldigt, dass keine Dokumente angenommen wurden, die die Erfüllung der Forderungen der sowjetischen Seite garantieren würden. Aber, soweit ich weiß, waren das alles nur Besprechungen. Natürlich hätte Gorbatschow bestimmte Garantien aushandeln können, aber die Initiative war schon verloren und wir segelten mit dem Wind.”

    Bei der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands gab es in der Sowjetunion laut Kajmakow zwei Positionen. Eine, die von dem sowjetischen Diplomaten Walentin Falin unterstützt wurde, sah die Wiedervereinigung Deutschlands nach dem Prinzip einer Konföderation vor, damit die DDR bestimmte Strukturen beibehalten könnte. „Diese Idee war aber illusorisch, es war schon klar, dass das Motto ‘Wir sind ein Volk‘ den Deutschen in Fleisch und Blut eingedrungen war“, so Kajmakow. Die zweite Position wurde von dem berühmten Politikwissenschaftler und Germanisten, Berater von Gorbatschow, Wjatscheslaw Daschitschew vertreten: Die Wiedervereinigung passiert unter den Bedingungen, die dazu notwendig sind. Diese Position gewann die Oberhand.

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    Themen:
    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
    Tags:
    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, Michail Gorbatschow, Mauerfall, Vereinigung, Wende, DDR