19:49 12 Dezember 2019
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    Volkssolidarität Bundesverband

    Bis zuletzt mit Ostdeutschland verbunden – „Sozialreport“-Herausgeber verstorben

    © Foto : Volkssolidarität Bundesverband/Thomas Rafalzyk
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    Der renommierte ostdeutsche Sozialwissenschaftler Gunnar Winkler ist kürzlich verstorben. Er hat in der DDR als einer der führenden Soziologen gearbeitet. Nach der deutschen Einheit hat er gemeinsam mit anderen Sozialwissenschaftlern die soziale Lage in Ostdeutschland analysiert. Eine Erinnerung

    Ein arbeitsreiches Leben ist ans Ende gekommen – Gunnar Winkler ist mit 88 gestorben. Es war ein Leben, wie es typisch war für die untergegangene DDR: Da wurde einer vom Bergmann zum anerkannten Sozialwissenschaftler, vom Hauer zum Professor.

    Ich habe ihn nicht erst kennengelernt, als ich 2004 Pressesprecher des Bundesverbandes der Volkssolidarität wurde. Von 2002 bis 2014 war er Präsident dieses Sozialverbandes. Bereits zuvor habe ich als Journalist den Sozialwissenschaftler Winkler erlebt. Das war, wenn er gemeinsam mit den Experten vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum (SFZ) Berlin-Brandenburg die jeweils neue Ausgabe des „Sozialreports“ vorstellte. Darin ging es um die soziale Lage und Stimmung in den ostdeutschen Bundesländern.

    Mit diesen regelmäßigen Analysen leistete er mit seinen Kollegen vom SFZ eine unschätzbare Arbeit. Ausgangspunkt dessen war der „Sozialreport ‘90“ mit „Daten und Fakten zur sozialen Lage in der DDR“. Professor Winkler war der Herausgeber und Direktor des Instituts für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR. Erstmals konnten er und seine Mitarbeiter veröffentlichen, was sie schon seit mehreren Jahren analysierten und was bis dahin geheim war.

    Der erste und der letzte Sozialreport, 1990 und 2015
    © Foto : Volkssolidarität Bundesverband
    Der erste und der letzte Sozialreport, 1990 und 2015

    Unbeirrbarer Beobachter

    Lange Zeit gelang es ihm, diese Arbeit nach den Veränderungen der Jahre 1989 und 1990 fortzusetzen. Er gründete mit Kollegen das schon erwähnte SFZ und fand immer wieder Kooperationspartner, die die Arbeiten für den „Sozialreport“ mitfinanzierten. Zuletzt war das unter anderem die Volkssolidarität. Die Analysen stießen auf großes Interesse, sorgten gleichzeitig aber für Diskussionen.

    Manche Details des ostdeutschen Stimmungsbildes passten nicht in die Erwartungen außerhalb Ostdeutschlands. Manchem erschienen die „Ossis“ zu undankbar für die vermeintlichen Segnungen der Einheit. Dann wurde nicht nach den Ursachen dafür gefragt, sondern Professor Winkler und seine Mitstreiter wiederholt angegriffen, manchmal auch persönlich.

    Davon ließ er sich nicht beirren. Und warnte zugleich immer wieder auch vor bedenklichen Auffassungen jener, die im Gebiet der untergegangenen DDR lebten. So zeigte sich bei den jährlichen Befragungen für den „Sozialreport“ eine stabile Fremdenfeindlichkeit und anhaltende Ablehnung gegenüber Zuwanderern. Das machte Professor Winkler bis zuletzt Sorge und ließ ihn immer wieder dagegen Stellung beziehen.

    Neugieriger Sozialwissenschaftler

    Ich habe ihn als einen klugen Sozialwissenschaftler kennengelernt, den seine Neugier nicht ruhen ließ. Sein Wissen, seine Erfahrungen und seine Analysefähigkeit sorgten für Achtung und Respekt. Als Pressesprecher hatte ich es mit ihm als Verbandspräsident nicht immer leicht. Aber vielleicht beruhte das auf Gegenseitigkeit. Das wird etwas damit zu tun gehabt haben, dass wir aus unterschiedlichen Generationen kamen – er Jahrgang 1931, ich 34 Jahre jünger.

    Mit Engagement vertrat Professor Winkler die Interessen der Volkssolidarität, die 1946 vor der DDR gegründet wurde und diese überlebte. Dafür erfuhr er Anerkennung und Respekt in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik. Zahlreiche Politiker verschiedener Parteien, auf Bundes- und Landesebene, schätzten ihn als Gesprächspartner und Experten für die Lage in Ostdeutschland. Dass er Zeit seines Lebens ein Linker war, spielte dabei keine Rolle. Gleichzeitig war das für ihn nie ein Grund, nicht mit Menschen anderer politischer Meinung zu sprechen – bis auf jene Ewiggestrigen, die sich wieder aus dem Schatten der Geschichte wagten. Auch so habe ich ihn erlebt und so werde ich ihn in Erinnerung behalten.

    Der Autor war von Ende 2004 bis Anfang 2017 Pressesprecher des Bundesverbandes der Volkssolidarität.

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