07:47 22 November 2019
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    Sowjetische Soldaten während des Großen Vaterländischen Krieges (Archiv)

    Erinnerungskultur in Russland und Deutschland - Versöhnung über den Gräbern

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    Schüler aus Hamburg, Moskau und Rshew haben mit deutschen und russischen Historikern über die Erinnerungskultur in Russland und Deutschland diskutiert.

    Nach der Zusammenkunft  in der russischen Hauptstadt wollen sie Kriegsfriedhöfe in Rshew besuchen, einer Großstadt, 200 Kilometer westlich von Moskau, wo 1941/42 erbitterte Schlachten stattfanden, die unvorstellbare Opfer auf beiden Seiten forderten. Tatjana Timofejewa, Dozentin an der Lomonossow-Universität machte darauf aufmerksam, dass man manchmal an Autos in Moskau zwei Schablonenbilder sehen könne. „Das eine erinnert mit dem Slogan ,Danke dem Großvater für den Sieg!‘, das mehr verbreitet ist, an die Opfer, die unsere Vorfahren gebracht haben, da jede Familie vom Krieg betroffen wurde.“

    Der zweite Slogan aber, so die Historikerin, der vor allem an deutschen Luxuswagen wie Mercedes und Porsche zu sehen sei, ekele sie an: „,Wir können das wiederholen!‘, dazu ein Panzer oder gar ,Nach Berlin!‘. Deshalb sage ich heute zu jungen Leuten: ,Ich bin zwar dem Großvater für den Sieg dankbar, wir können es aber nicht wiederholen, weil jener Sieg im Krieg errungen wurde‘“.

    Ergänzend stellt sie auch die Frage: „Können wir etwa den Krieg wiederholen? Das ist heute, abgesehen von den Emotionen, unmöglich, wenn uns an Erinnerungskultur und nicht an Erinnerungspolitik liegt. Das sind zwei grundverschiedene Begriffe. Natürlich ist eine gemeinsame Erinnerungskultur der Russen und der Deutschen schwer vorstellbar.“ Und sofort präzisierte die Geschichtsprofessorin: „Wenn schon die Erinnerungskultur auf das Gleiche hinausläuft - ,Nie wieder Krieg!‘ Wir haben genug von ihm!“

    Der Moderator des Podiumsgesprächs, Hermann Krause, Büroleiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Moskau, fragte, ob diese Schilder auf den Autos nicht eine Folge des neuen Patriotismus in Russland seien. Die Antwort von Prof. Dr. Timofejewa: „Den Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitlerdeutschland nennen heute 70 Prozent der Russen das bedeutsamste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Also ist dieser Patriotismus kein Novum. Fragt man sich nur, wie der Kontakt zu den Menschen aktualisiert wird, die den Krieg miterlebt, alles mit eigenen Augen gesehen, sich gefürchtet und Schmerz gelitten haben.“

    • von links nach rechts Tatjana Timofejewa, Nikolaj Pawlow, Hermann Krause und Andreas Hilger
      von links nach rechts Tatjana Timofejewa, Nikolaj Pawlow, Hermann Krause und Andreas Hilger
      © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    • Erinnerungskultur in Russland und Deutschland: Schülertreffen
      Erinnerungskultur in Russland und Deutschland: Schülertreffen
      © Sputnik / Nikolaj Jolkin
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    von links nach rechts Tatjana Timofejewa, Nikolaj Pawlow, Hermann Krause und Andreas Hilger

    Es gibt so etwas wie eine Versöhnung, die schon stattgefunden hat, wurde während der Veranstaltung festgestellt. Man hat aber kein Vertrauen zueinander. Hat die Versöhnung nicht funktioniert? Nikolai Pawlow, Professor an der Universität für internationale Beziehungen MGIMO nahm dazu wie folgt Stellung: „Wie soll man dann unsere Beziehungen zu der einstigen DDR auffassen? Betraf denn etwa die Versöhnung die Ost-, aber nicht die Westdeutschen? Das ist ja Unsinn. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben schon mehrere Generationen einander abgelöst. Und die Versöhnung ist längst erfolgt.“

    Eine andere Sache sei es, sagte er weiter, dass „wir häufig in den Bann der Geopolitik geraten und uns von der Propaganda allerlei Stereotypen aufzwingen lassen. Also befinden wir uns gegenwärtig in einer neuen Etappe des Kalten Krieges, der mit dem Zerfall der UdSSR und der Wiedervereinigung Deutschlands beendet schien. Inzwischen beginnt aber alles von vorne. Die falschen Denkschablonen leben leider in Gemütern wieder auf. Wir müssen sie überwinden. Wir müssen einander näher kennenlernen, eine Verständigung herbeiführen, auf deren Grundlage dann auch das Vertrauen entsteht. Denn ohne Vertrauen lassen sich keine zwischenmenschlichen Beziehungen und keine normale Staatspolitik gestalten.“

    Über seine Motivation, an der gemeinsamen Reise zu Kriegsfriedhöfen in Russland teilzunehmen, meinte einer der deutschen Schüler: „Das Dritte Reich ist das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte. Und wenn Alexander Gauland vor einem Jahr sagte, dass das Dritte Reich nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte sei, da distanziere ich mich von so einer Äußerung. Sie ist völlig haltlos. Als Deutscher sehe ich mich deswegen umso mehr in der Pflicht, mich mit der Vergangenheit meines Landes auseinanderzusetzen. Und genau dafür wurde dieses Projekt ins Leben gerufen.“

    Die Zusammenarbeit deutscher und russischer Schüler sei nicht selbstverständlich, betonte der Aktivist. „Vor ca. 77 Jahren kämpften unsere Vorfahren bei Rschew und hatten Verluste von mehreren Tausend Soldaten auf beiden Seiten. Jetzt treffen wir uns und überlegen uns, wie wir in die Zukunft eingehen wollen. Das Motto unseres Projektes ist „Erinnern, gedenken und versöhnen“. Und genau das tun wir.“

    Was diese Schüler machen, fand Hermann Krause eine Ausnahme. „In Deutschland interessieren sich viele gar nicht mehr für den Zweiten Weltkrieg. Man will nicht mehr daran erinnert werden. In Russland ist das ganz anders. Der 9. Mai ist der große Feiertag. Seit einigen Jahren gibt es auch den Gedenkmarsch des Unsterblichen Regiments für die Veteranen des ,Großen Vaterländischen Krieges‘.“

    Tatjana Timofejewa erläutert, dass Gespräche über den Krieg ganz persönlich von der Kindheit in der Familie beginnen. „Man spricht natürlich über den Sieg, aber noch mehr über den Schmerz und die schrecklichen Dinge, die der Großvater oder der Vater des Großvaters erlebt hat. Vielleicht ist diese Reise für die deutschen Jugendlichen mehr Vergangenheitsbewältigung, was man verehren kann.“

    In dieser Hinsicht und was die Erinnerungskultur betreffe sei in Deutschland, so Hermann Krause, ein großes Defizit gewesen. „Der zurückgekommene Vater wollte über den Krieg nicht sprechen. Und viele Kinder haben gar nicht gewusst: Was ist passiert, war er einfacher Soldat oder möglicherweise in der SS? War er Offizier, hat er Verantwortung getragen oder nicht? Und erst viel später ist herausgekommen, was der Vater oder der Großvater zu verantworten gehabt hat.“

    Der stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau Andreas Hilger bestätigte: „Das war ein ganz anderer Hintergrund, wenn ein Wehrmachtssoldat nach der Niederlage in einem Angriffskrieg und möglicherweise auch aus langjähriger Gefangenschaft, die man dann unter ungewissen Umständen überlebt hat, nach Hause kommt. Will man das berichten? Trotzdem ist in den Familien von Fronterlebnissen und überhaupt von dem ganzen Kriegsgeschehen mehr erzählt worden, als man so gemeinhin in Deutschland annimmt. Und auch von den Familien, die in Deutschland waren, von Bombenangriffen und all diesen Dingen.“

    Der Historiker denkt, dass der Krieg in den Familien schon präsent war, „aber ganz anders belastet als es etwa in der Sowjetunion. Wegen der traumatischen Erfahrungen war es in Deutschland für viele ein vermiedenes Thema.“ Prof. Dr. Timofejewa meinte, dass „auch in der Sowjetunion die erste Generation, die nach dem Krieg nach Hause zurückkehrte, über den Krieg nicht oder nur ungern sprach. Mehr noch. Wir hatten bis 1965 keinen Siegestag als Staatsfeiertag. So waren die Menschen traumatisiert.“

    Ein deutscher Schüler fragte die Historiker: „Wenn man im Unterricht, aber auch im Alltag an den Zweiten Weltkrieg denkt, dann spricht man eher über die jüdischen Opfer anstelle von den russischen Opfern. Woran könnte das liegen?“ Die Frage habe sich seit den 40er Jahren während der großen Prozesse gegen Kriegsverbrecher in Nürnberg entwickelt, antwortete Dr. Hilger. „Dann wurde sie im Gesamtrahmen des Kalten Krieges und der Wiederlegitimierung von Antikommunismus in Deutschland vernachlässigt. Das war einer der Hauptgründe dafür, dass man alles, was im Osten geschehen ist, vernachlässigt hat.“

    Die Behauptungen, dass im Osten besonders viele furchtbare Verbrechen gegen verschiedene nichtjüdische Gruppen begangen worden seien, haben auch dazu beigetragen, dass man das in Deutschland zusätzlich gedeckelt hat. Der Kalte Krieg und diese Verdrängung von dem, was man eigentlich wusste, dass da besonders gehaust worden ist, sind sicherlich die beiden Punkte, die zusammenspielen.“

    Der Moderator Hermann Krause rundete die Veranstaltung mit zwei Zitaten ab. Das Erste war von Martin Luther King, der gesagt hat: „Das alte Gesetz von Auge um Auge hinterlässt nur Blinde“. Und das zweite war von Willy Brandt: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“

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    Tags:
    Erinnerungen, Großer Vaterländischer Krieg, UdSSR