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    Deutschlands Soldaten bei der Offensive in der UdSSR am 02. Juli 1941

    Deutsch-russisches Geschichtsbuch über den Krieg: Traum oder Realität?

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    Ein einheitliches Geschichtsbuch zu schreiben, ist nicht einfach, weil Geschichte jeder anders interpretiert. Dies musste der stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau Dr. Andreas Hilger während einer Diskussionsrunde zugeben.

    Denn zu einzelnen prägnanten Themen gebe es parallele Beiträge, so der Historiker, „worauf sich die russische und die deutsche Seite nicht einigen konnten. Und in der Form würde so was sicherlich immer gehen. Es gibt aber hinsichtlich des einheitlichen Geschichtsbuches natürlich auch kritische Historiker und gute Lehrstuhl- und Forschungsthemen, die in russischen Einrichtungen offiziell nicht besonders populär sind. Und von daher ist der historische Diskurs in Russland selbst nicht so vereinheitlicht.“

    Deshalb wage er zu bezweifeln, dass „es auch ein gesamtes anerkanntes russisches Einheitsgeschichtsbuch geben wird, das die Akzeptanz findet, die man sich dann in den kulturpolitischen Kreisen vorstellt. Das sei mal dahingestellt, was da rauskommt. Außerdem gibt es Blicke aus unterschiedlichen Perspektiven, die sich letztendlich noch nicht vereinbaren lassen, und wir vor allem auch daran kranken, dass die eine Seite jeweils die Erinnerungsperspektiven der anderen Seite entweder nicht wahrnimmt oder auch nicht am Gewicht akzeptierend erkennen kann.“

    Soll ein Geschichtsbuch neutral sein?

    Für Andreas Hilger ist es nach eigenen Worten schwer vorzustellen, wie das aussehen soll. So z.B. der Kriegsbeginn im Jahre 1941. „Wenn man da keine Verantwortlichkeiten benennen würde, auch nicht sagt, wer hat wen überfallen. Es geht ja da nicht um Schuldzuweisung, sondern es geht ja da einfach um eine wirklich vollständige Erzählung und Aufhellung von Hintergrund und Erklärung von Gesamtdimension.“

    Der stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau Andreas Hilger
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Der stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau Andreas Hilger

    Wenn man all diese Punkte herausnehme, so Hilger weiter, dann habe man nur Kriegsbeginn und Kriegsende. „Und dazwischen findet nichts statt, und man weiß dann doch wieder nicht, was geschehen ist. Es wäre vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen, wenn man sagen will, man will jetzt eigentlich nicht beschreiben, wer wann was gemacht hat, um die Verantwortung zu diskutieren. Wenn es einen Überfall gibt, wie will man den neutral dann beschreiben? Verzichtet man auf den Begriff oder sagt man einfach, es gab einen Krieg, und wir wüssten bis heute nicht, wer angefangen hat. Da würde ich doch gerade und besonders bei Schulbüchern zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges aufpassen.“

    Sollen auch Gewaltexzesse der Roten Armee beschrieben werden?

    Prof. Dr. Tatjana Timofejewa von der Lomonossow-Universität Moskau zweifelt daran, dass „die russische Geschichtsschreibung und russische Historiker, die den vergangenen Krieg von der russischen Seite erforschen, über Exzesse der Roten Armee oder irgendwelche Dinge für die breite Öffentlichkeit zu schreiben wagen, da der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazideutschland das Hauptereignis für die Konsolidierung des russischen Volkes ist.“

    Die Historikerin merkt zugleich an, dass jeder seinen eigenen Weg wähle. „Das ist eine Frage des Gewissens. Aber im Großen und Ganzen ist die russische Geschichtsschreibung heute nicht mehr so offiziös wie früher. Wichtig ist, dass wir keine Fälschungen des Großen Vaterländischen Krieges zulassen dürfen. Das bedeutet, dass wir im Rahmen des Konzeptes des Sieges bleiben.“

    Geschichtsbuch-Trilogie „Deutschland–Russland: Stationen gemeinsamer Geschichte“

    Alliierte Truppen an der Küste der Normandie, 18. Juni 1944
    © REUTERS / HANDOUT/U.S. National Archives
    Inzwischen erschien die nunmehr komplette Geschichtsbuch-Trilogie „Deutschland - Russland: Stationen gemeinsamer Geschichte - Orte der Erinnerung. 18-20. Jahrhundert“. Damit ist das wichtigste Projekt der deutsch-russischen Historikerkommission abgeschlossen. Zuvor waren bereits die Bände zum 20. Jahrhundert (2015) und zum 18. Jahrhundert (2018) auf Deutsch und auf Russisch veröffentlicht worden. Im Juni 2019 kam der Band zum 19. Jahrhundert heraus. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte das gemeinsame deutsch-russische Geschichtswerk als „einen überaus wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung unserer Geschichte und zu den deutsch-russischen Beziehungen.“

    Tatjana Timofejewa, Dozentin an der Lomonossow-Universität
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Tatjana Timofejewa, Dozentin an der Lomonossow-Universität

    Es führe die jeweiligen Perspektiven zusammen und zeige Verbindungen auf ohne dabei zum Teil tiefgreifende Differenzen zu verschweigen.

    Der Band „Das 20. Jahrhundert“ beleuchtet die zentralen Themen von den Revolutionen in Russland und Deutschland 1917/1918 bis zum Fall der Berliner Mauer. Kontroversen wie die über den Hitler-Stalin-Pakt oder über die Berlin-Krise 1948/1949 werden aus den verschiedenen Perspektiven dargestellt.

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    Tags:
    Geschichte, Krieg, Beziehungen, Deutschland, UdSSR