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    Alfred Jodl in Nürnberg (Archiv)

    „Das Ding muss weg!“: Widerstand gegen Ehrenmal für Nazi-Kriegsverbrecher

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    Alfred Jodl war „Hitlers Chef-General“ und wurde in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher verurteilt. Er war unter anderem für den Angriff auf die Sowjetunion verantwortlich. Bis heute „ehrt“ ihn ein Ehrenkreuz bei München. „Wir protestieren seit Jahren gegen das Nazi-Schandmal“, so der Münchner Aktivist Wolfram Kastner gegenüber Sputnik.

    „Das Ehrenkreuz muss weg, das Ding muss weg“, erklärte Wolfram P. Kastner vom Institut für Kunst und Forschung in München im Sputnik-Interview seinen Standpunkt. Das „Ding“, auf das er sich bezieht und gegen das er nun schon seit Jahren aktiv protestiert, ist ein sogenanntes „Scheingrab“ der Familie Jodl. Es befindet sich auf der Fraueninsel im Chiemsee bei München und soll den hochrangigen Kriegsverbrecher Alfred Jodl „ehren“. Für den Münchner Aktivisten und Künstler sei es ein Skandal, dass bis heute bei München, in der Bundesrepublik, mitten in Europa, an einen menschenverachtenden Faschisten und Nazi erinnert wird, der für Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei den Nürnberger Prozessen zum Tod verurteilt wurde.

    Seit Jahren organisiert Kastner mit vielen Helferinnen und Unterstützern Proteste und Demonstrationen gegen das aus seiner Sicht „Nazi-Schandmal“. „Man kann das nicht einfach hinnehmen“, beklagte er.

    Zuletzt gab es Mitte Juli eine große Protestaktion vor dem Ehrenkreuz unter dem Motto „Keine Ehre dem NS-Kriegsverbrecher Jodl“, die Kastner organisiert hatte.

    Protest gegen Nazi-Schandmal bei München
    © Foto : Wolfram P. Kastner – Institut für Kunst und Forschung, München
    Protest gegen Nazi-Schandmal bei München

    Klage beim Bundesverfassungsgericht läuft

    „Ein Verwaltungsgericht hatte jüngst beschlossen, dass das Ding weitere 20 Jahre dort auf der Insel stehenbleiben kann“, sagte Kastner. Daher der erneute Protest. „Wir haben deshalb auch eine Verfassungsbeschwerde eingereicht und warten jetzt natürlich auf ein positives Urteil“, so der Münchner Künstler zu seiner laufenden Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dem höchsten bundesdeutschen Rechtssprechungsorgan. Dabei habe er „Verfassungsbeschwerde gegen Urteile bayerischer Gerichte“ eingereicht, die seiner Meinung nach „auf dem rechten Auge blind“ seien. „Von diesen Gerichten wird der Schutz des Eigentums stets in den Vordergrund gestellt. Die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst werden hinten angestellt. Da wird eindeutig gegen Artikel 139 des Grundgesetzes verstoßen.“ Nur privates Eigentum werde von den Gerichten in Bayern geschützt, so sein Vorwurf.  

    „Wir erwarten (vom Bundesverfassungsgericht, Anm. d. Red.) ein positives Urteil, das anders gelagert ist, als die Entscheidungen bayerischer Provinzgerichte. Die haben mich unter anderem wegen angeblicher Sachbeschädigung und Nötigung verurteilt. Da wird eindeutig verfassungswidrig geurteilt. Das kann man einfach nicht hinnehmen. Wir leben in einer Demokratie, die wir uns erhalten müssen, in der keine Hauptkriegsverbrecher öffentlich geehrt werden dürfen.“

    „Nazi-Schandmal“ steht seit 1953

    „Dieses Ehrenkreuz steht seit 1953. Damals hatte eine bayerische Spruchkammer das Nürnberger Urteil erstmal aufgehoben, bevor es dann wieder in Kraft gesetzt wurde. Damals ging die Witwe Jodls offenbar davon aus, dass dieser Kriegsverbrecher unschuldig sei. Sie hatte dann mit Einverständnis der Äbtissin (Vorsteherin eines Nonnenklosters, Anm. d. Red.) und des örtlichen Pfarrers auf der Fraueninsel im Klosterfriedhof ein Ehrenkreuz in gigantischer Art und Weise angebracht und aufgestellt. Seitdem steht das dort.“ Das widerspreche zudem der dort gültigen Friedhofssatzung.

    Protest gegen Nazi-Schandmal bei München
    © Foto : Wolfram P. Kastner – Institut für Kunst und Forschung, München
    Protest gegen Nazi-Schandmal bei München

    Das Ehrenkreuz für den in Nürnberg verurteilten Hauptkriegsverbrecher Jodl auf der Fraueninsel im Chiemsee bei München. Aktivist Kastner hat davor eine Info-Tafel mit kritischem Text aufgestellt.

    Bis heute setzen sich die Nachkommen Jodls für den Erhalt des Familiengrabes auf der Fraueninsel ein.

    „Beigesetzt sind auf dem Friedhof im Chiemsee allerdings nur Jodls Ehefrauen“, berichtet „Der Spiegel“.„Dennoch erinnert seit Jahrzehnten ein Scheingrab an Jodl, in Form eines Eisernen Kreuzes und mit Nennung seines militärischen Rangs. Das erregt seit Langem Empörung.“

    Das wäre so, zog Kastner einen Vergleich, „als würden Verwandte und Nachfahren von Heinrich Himmler (früherer Gestapo-Chef, Reichsführer der SS und Reichsinnenminister unter Hitler, Anm. d. Red.) auf einmal ein Ehrenkreuz für Himmler dort anbringen wollen. Wissen Sie: Auf der einen Seite werden die

    Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in großen Reden durch Bundeskanzlerin und Bundespräsident geehrt. Und auf der anderen Seite wird ein solcher Kriegsverbrecher öffentlich, auf einem riesigen steinernen Kreuz mit seinem Generaloberst-Titel und mit Eisernem Kreuz geehrt. Ja, wo lebe ich denn eigentlich? Das darf doch nicht wahr sein.“

    Wer war NS-Generaloberst Alfred Jodl?

    Alfred Jodl (1890 – 1946) war laut Historikern „Hitlers Chefberater“. Er war ein Heeresoffizier und Generaloberst, der im Zweiten Weltkrieg als Chef des Führungsstabes der Wehrmacht in hochrangiger Position an Militäroperationen des Dritten Reichs beteiligt war. Jodl war für viele Kriegsgeschehnisse und Vernichtungskriegsaktionen direkt verantwortlich. Darunter unter anderem der im Jahr 1941 begonnene Russland-Feldzug mit dem Namen „Unternehmen Barbarossa“. „1942: Jodl übernimmt die Leitung sämtlicher Operationen gegen die Westalliierten und ist damit für die Kriegführung von Norwegen bis Nordafrika verantwortlich“, schreibt der Historiker Manfred Wichmann in einer Biografie für das Deutsche Historische Museum in Berlin über den Kriegsverbrecher. „Seine fachliche Kritik an der Gesamtkriegführung verschlechtert zwar sein persönliches Verhältnis zu Hitler, ändert jedoch nichts an seiner unbedingten Loyalität“, so der Beitrag.

    „Joseph Goebbels war zufrieden“, blickte die Zeitung „Die Welt“ im Dezember 2018 zurück. „Lange noch mit General Jodl technische Fragen besprochen“, notierte der NS-Propagandaminister Goebbels am 4. Dezember 1940 in seinem Tagebuch: „Mit ihm kann man gut arbeiten, weil er so zuverlässig ist.“

    Nach Kriegsende musste sich Jodl für seine Kriegsverbrechen vor den Nürnberger Prozessen verantworten. Die Tribunale der alliierten Kriegssieger sprachen den NS-General in allen vier Punkten schuldig, darunter Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Planung eines Vernichtungskriegs. Er wurde zum Tod durch den Strang verurteilt.

    „Jodl hatte im Krieg den Angriff auf die UdSSR zu verantworten“, ergänzte Kastner im Interview. „Er hat diesen Feldzug geplant und er hat die Hungerblockade in Leningrad zu verantworten, mit über einer Million elendig ums Leben gebrachter Menschen. Er hat den Kommissarbefehl zu verantworten, wonach sowjetische Soldaten, die in Verdacht standen Juden zu sein oder eine politische Funktion zu haben, sofort eliminiert, ermordet und erschossen wurden. Er hatte die Operation ‚Nordlicht‘ in Norwegen zu verantworten, bei der 90.000 Menschen vertrieben wurden, wo verbrannte Erde hinterlassen wurde. Er wurde in allen vier Anklagepunkten in Nürnberg verurteilt. Und so einer wird geehrt?“

    Wenn aus „Jodl“ einfache „Gülle“ wird

    Einmal hat der Münchner Aktivist eine Tafel am Jodl-Ehrenkreuz angebracht mit der Aufschrift: „Keine Ehre für den Kriegsverbrecher“. Allerdings passierte daraufhin folgendes. „Diese wurde dann mit einem schwarzen Sack – das ist wohl Symbol des bayerischen CSU-Geschichtsverständnisses – verhüllt. Dann haben wir das Ehrenkreuz mit roter Farbe überschüttet, symbolisch für die blutigen Mordtaten dieses Verbrechers. Das wurde als Sachbeschädigung bewertet. Eben der besagte Schutz des Eigentums.“

    Kastner brach sogar einmal den Buchstaben „J“ aus dem Namen „Jodl“ am Ehrenkreuz heraus. Der Begriff „Odl“ steht nach bayerischer Mundart für „Gülle“. „Das J habe ich nicht selber behalten“, erklärte der Münchner Künstler. „Sondern ich habe es an das Museum der Deutschen Geschichte in Berlin geschickt, mit der Bitte, es entsprechend zu behandeln. Doch die haben es wieder an die Polizei geschickt. Ich hatte nie die Absicht, das Ding für mich zu behalten. Ich möchte so einen Dreck nicht in meiner Wohnung haben.“

    Proteste gegen das „Schandmal“

    Seit 2015 habe Kastners Initiative offene Briefe an politische Ämter in der Bundesrepublik und im Freistaat Bayern geschrieben, um das Grab von Generaloberst Jodl auf der Fraueninsel zu entfernen. Darunter waren auch der Bundespräsident und das Kanzleramt. „Auch an den (bayerischen, Anm. d. Red.) Innenminister, an Landtagsabgeordnete und an viele andere gingen unsere offenen Briefe.“

    Der Münchner Künstler habe sogar „eine Petition an den Landtag gerichtet. Mit der Forderung, dass dieses Ding, dieser Skandal endlich beseitigt werden muss. Es kann doch nicht sein, dass ein Ehrenkreuz für einen verurteilten Hauptkriegsverbrecher – dessen Asche nach Kriegsende in einen Zufluss der Isar gestreut wurde, damit kein Ehrenkreuz, kein Ehrenmal, keine Pilgerstätte entsteht – unangefochten verfassungswidrig in diesem Lande an einem schönen landschaftlichen Gebiet sichtbar prangt. Das ist eine Verhöhnung der Millionen Opfer, die dieser Massenmörder auf dem Gewissen hat.“  

    Die Petition an das bayerische Landesparlament „wurde abgelehnt“, so der Aktivist, „weil angeblich dieses Ding sowieso im Januar 2018 entfernt werden würde. Das ist aber eben nicht geschehen. Das Schandmal steht weiter dort und soll weitere 20 Jahre dort stehen. Jetzt kommt es darauf an, dass nicht nur wir, sondern auch viele andere sich an die verantwortlichen Politiker wenden, dass so etwas nicht weiter Bestand haben darf.“

    Positive Reaktionen für seine Aktionen erhält er vor allem aus der Welt der Kunst. „Wolfram Kastners Aktionen in Zusammenhang mit dem Ehrenmal für Alfred Jodl auf der Fraueninsel/Chiemsee sind durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, das in diesem Fall mit spezifischen Mitteln der Kunst zum Ausdruck gebracht wurde“, urteilte 2017 der Leipziger Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in einer „Kunstwissenschaftlichen Stellungnahme“, die der Redaktion vorliegt. „Der Künstler ist hier viel eher als Rechtspfleger zu würdigen denn als Rechtsbrecher zu verurteilen.“

    Wolfram P. Kastner
    © Foto : Wolfram P. Kastner – Institut für Kunst und Forschung, München
    Wolfram P. Kastner

    Das Radio-Interview mit Wolfram P. Kastner zum Nachhören:

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    Tags:
    Proteste, Ehrenmal, Nazis, Deutschland