22:32 20 November 2019
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    Soldaten- und Arbeiterräte in der Ungarischen Räterepublik 1919

    Vor 100 Jahren in Ungarn: Unblutiges Ende der Räterepublik mit blutiger Reaktion

    CC BY-SA 3.0 / Fortepan — ID 76742 / ERKY-NAGY TIBOR
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    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (31)
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    Der Erste Weltkrieg hat die Rätebewegung als ein europaweites Ergebnis seiner Nachwirkungen hervorgebracht. In mehreren Ländern hat es entsprechende Versuche gegeben, die Räte als neue demokratische Form zu etablieren. Am Ende hat die Konterrevolution gesiegt und die Macht der alten Eliten in neuer Form restauriert – in Bayern wie in Ungarn.

    Vor 100 Jahren endete in Ungarn die Räterepublik, die sich mehrere Monate lang halten konnte. Die weitgehenden Pläne der ungarischen Kommunisten unter Béla Kun zum Umbau der Gesellschaft misslangen. „Die ungarische ‚Diktatur des Proletariats‘ scheiterte an ihren überzogenen Erwartungen ebenso wie am weißen Gegenterror, am Widerstand der Siegermächte des Weltkriegs und letztlich an der Unfähigkeit, das selbst definierte Staatsgebiet militärisch zu schützen.“ Das stellen die beiden Historiker Christian Koller und Matthias Marschik in dem von ihnen 2018 herausgegebenen Band „Die ungarische Räterepublik 1919. Innenansichten – Außenperspektiven – Folgewirkungen“ fest.

    Heute werden in Ungarn unter Viktor Orbán die Denkmäler aus der kommunistischen bzw. realsozialistischen Zeit gestürzt und dafür solche errichtet, die an die erinnern, die unter anderem die Räterepublik sprichwörtlich bis aufs Blut bekämpften. Darauf machte der Historiker Christian Stappenbeck am Samstag in der Zeitung „junge Welt“ aufmerksam. Dabei würden auch Monumente aus der Horthy-Zeit (1920 bis 1945) wieder errichtet. Der Admiral und Antisemit Miklós Horthy wurde 1920 Ungarns „Reichverweser“ und unterstützte den faschistischen deutschen Krieg gegen die Sowjetunion ab 1941.

    Stappenbeck erinnerte in der „jungen Welt“ an die kurze Zeit der Räterepublik: „Die Tage der ‚Kommün‘, so wurde die ungarische Rätemacht kurz genannt, waren Ende Juli 1919 gezählt. Zur Freude des städtischen Bürgertums, in dessen Wohnungen bis dahin zwangsweise Obdachlose einquartiert waren. Zum Leidwesen ihrer vielen Aktivisten und der begünstigten Armen. Auf dem Lande hofften die Bauern auf das Ende der Beschlagnahme ihrer Nahrungsmittel. Die Rote Armee war in Auflösung begriffen, denn die Rumänen hatten gesiegt. Gerüchte besagten, dass nun bald Züge voller Lebensmittel aus dem Ausland eintreffen könnten, wenn …“

    Bürgerkrieg verhindert, aber Weißen Terror nicht

    Der gewaltfreie Rücktritt der Räteregierung unter Kun habe einen Bürgerkrieg verhindert, so der Historiker. Das habe die Kräfte aber nicht gekümmert, die es als Ehre ansahen, als „konterrevolutionär“ zu gelten: Ein Staatsstreich, angeführt vom konspirativen Kameradschaftsverein „Weißes Haus“, habe im August vor 100 Jahren die neue sozialdemokratische und gewerkschaftsorientierte Regierung nach fünf Tagen wieder gestürzt. Das sei von der Entente ebenso unterstützt worden wie von den rumänischen Truppen, die in deren Auftrag Budapest besetzt hatten.

    „Die ‚Aufräumarbeit‘, von der Gewerkschaftsregierung mit Haubrich begonnen, wurde unter dem Schild der rumänischen Besatzer beschleunigt. Dass die alten Verhältnisse restauriert würden, ließen die neuen Machthaber auf jede Weise spüren: durch Schikanen, durch Verhaftungen, durch mörderische Sonderkommandos.“

    Zuvor hatte bereits die Regierung, die die Rätemacht ablöste, „klar den Forderungen der Siegermächte (der Entente)“ entsprochen, so der Historiker. Aber auch der Budapester Arbeiterrat habe als Voraussetzung für einen Friedensvertrag genau diese Forderungen anzunehmen gewünscht. „Im Kern besagten sie: Eine neue diktatorische Regierung sei zu bilden, die den Bolschewismus und seine Propaganda liquidieren werde, der Entente-Rat sei zur ‚Unterstützung der neuen Regierung‘ heranzuziehen.“

    Folge des Weltkriegs

    Die ungarischen Gewerkschaften seien von aktiven Unterstützern der Räteherrschaft zu „Stillhaltern“ geworden, die entscheidend dazu beitrugen, dass der Wechsel unblutig verlief. Das wurde ihnen aber nicht gedankt, wie die spätere Entwicklung zeigte, die Stappenbeck beschreibt.

    Die am 1. März 1919 ausgerufene ungarische Räterepublik gehörte zu den Folgen des Ersten Weltkrieges und dessen internationalen revolutionären Nachwirkungen, die auch die Überbleibsel des untergegangenen Kaiserreichs Österreich-Ungarn trafen. Die Historiker Koller und Marschik benennen in ihrem Buch Ursachen für das revolutionäre Experiment: Dazu zählen sie die Gebietsverluste Ungarns im Spätherbst 1918, die gescheiterte Regierung unter Mihály Károlyi sowie die inneren ökonomisch und sozialen Probleme. Entscheidender und treibender Kopf der Räterepublik sei der aus Moskau zurückgekehrte Kun gewesen. Er habe die maßgeblichen Pläne entwickelt, um Banken, Betriebe und Gebäude zu verstaatlichen und eine umfassende Bodenreform durchzuführen.

    Das Buch der beiden Historiker mit zahlreichen Beiträgen anderer Autoren will der bisherigen westlich orientierten deutschsprachigen Geschichtsschreibung über die Ereignisse in Ungarn vor 100 Jahren etwas entgegensetzen. Diese sei vor allem auf das vermeintliche Chaos und die Willkür ausgerichtet, ebenso auf das Wirken einzelner Persönlichkeiten.

    Wider die einseitige Darstellung

    „Dass die ungarische Räterepublik die erste friedliche Machtergreifung einer kommunistischen Regierung darstellte, wird ebenso ausgeblendet wie die Frage nach den Zielen und Plänen oder jene nach den Beziehungen zu anderen Staaten“, so Koller und Marschik. Ebenso werde das damalige europäische Umfeld ausgelassen, gleichfalls die Ideale und Ziele der Rätebewegung, die auch in der deutschen Novemberrevolution von 1918 und ihren Folgeereignissen eine wichtige Rolle spielte.

    Das Buch widmet sich zahlreichen einzelnen Aspekten der ungarischen Räterepublik, ihrer Geschichte und ihres Umfeldes. Zu den Beiträgen gehört der des Historikers Béla Bodó über den Roten und Weißen Terror in Ungarn von 1919 bis 1921. Aus diesem zitierte die „junge Welt“ am Samstag: „Die roten Einheiten attackierten nicht nur weniger unpolitische Zivilisten, sie töteten ihre Opfer auch auf weniger brutale Weise. … Die weißen Milizen, auf der anderen Seite, folterten ihre Opfer regelmäßig zu Tode. Die Weißen waren die versierteren Folterer und Mörder.“

    Bodó verweist in seinem Text auf die unterschiedlichen Wurzeln des Roten und des Weißen Terrors. Ersteres sei ein „Kampf zwischen armen städtischen Konsumenten (Arbeitern) und ländlichen Produzenten (Bäuerinnen und Bauern)“ gewesen. Der Weiße Terror sei dagegen über gewöhnliche Verbrechen und politische Gewalt „weit hinaus“ gegangen. „Die große Mehrheit seiner Verbrechen … hatte nichts mit Rache zu tun. Die Mehrheit der Opfer des Weißen Terrors war nicht in die Verbrechen der roten Paramilitärs involviert …“

    Folgen bis heute

    Der Rote Terror diente laut dem ungarischen Historiker „als willkommene Entschuldigung für ethnische und religiöse Gewalt, und die Juden wurden zu perfekten Sündenböcken für nationale und individuelle Tragödien gemacht“. Bodó stellt klar: „Der Weiße Terror – in Form der Disziplinierung der Unterschichten, Bestrafung ihrer Anführer und Ausraubung der Jüdinnen und Juden – hätte auch ohne den Roten Terror stattgefunden.“ Er hatte auf einer Historiker-Tagung im März dieses Jahres in Berlin beschrieben, wie damals in dem südosteuropäischen Land der bis heute wirkende Antisemitismus aufkam und seitdem als Erklärungsmuster für alle Probleme Ungarns dient.

    Historiker Stappenbeck zog in der „jungen Welt“ folgendes Fazit: „Das Ende der Räterepublik mit dem darauf folgenden Terrorregime war in erster Linie für Ungarns Arbeiterschaft und der unteren Schichten ein sozialer Rückfall, darüber hinaus dann ein böses Vorzeichen künftiger autoritär-faschistischer Entwicklungen in Europa, von Italien bis Finnland. Dass die Horthy-Herrschaft aber schließlich 1941–1944 in die Katastrophe für alle Klassen Ungarns münden sollte, das ahnten die Unterstützer des staatsstreichartigen Umbruchs im Spätsommer 1919 nicht.“

    Lesetipp:

    Christian Koller/Matthias Marschik (Hg.): „Die ungarische Räterepublik 1919. Innenansichten – Außenperspektiven – Folgewirkungen“
    Verlag Promedia 2018. 280 Seiten. ISBN: 978-3-85371-446-1. 21,90 Euro

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    Themen:
    100 Jahre Novemberrevolution in Deutschland (31)
    Tags:
    Erster Weltkrieg, Revolution, Sozialismus, Österreich-Ungarn, Ungarn