07:08 15 November 2019
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    Ein wohnungsloser Mann in Bremen (Archivbild)

    Hunderttausende ohne Wohnung: „Bundesregierung nicht interessiert“

    © AP Photo / Joerg Sarbach
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    Rund 650.000 Menschen in Deutschland lebten 2017 ohne eigene Wohnung, davon waren 375.000 anerkannte Geflüchtete. Diese erschreckenden Zahlen stellte die „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ (BAGW) am Dienstag in Berlin vor. Sputnik war vor Ort. „Hauptproblem ist fehlender bezahlbarer Wohnraum“, erklärte Werena Rosenke von der BAGW.

    „Sozialwohnungen sind Mangelware“, sagte Werena Rosenke, Geschäftsführerin der „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ (BAGW) im Sputnik-Interview vor Ort. Ihre Organisation stellte zuvor am Dienstagvormittag im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin neuste Zahlen zu wohnungslosen Menschen in Deutschland vor. Diese seien nach wie vor ein großes bundesdeutsches Problem. Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen sind laut ihr „das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut in Deutschland“.

    Ihre Kritik richtet sich dabei auch an die Große Koalition aus CDU und SPD in Berlin. „Wir gehen davon aus, dass wir pro Jahr mindestens 80.000 Sozialwohnungen brauchen, vielleicht noch mehr“, so die BAGW-Geschäftsführerin. „Darüber hinaus benötigen wir noch weiteren bezahlbaren Wohnraum. Aber im letzten Jahr sind insgesamt nur 27.000 Sozialwohnungen fertiggestellt worden. Die Gesamtzahl der fertiggestellten Wohnungen hat das Ziel, das sich die Bundesregierung selbst gesetzt hat, nicht erreicht.“

    Es werde „gebaut, aber nicht so viel, wie man bauen müsste“, beklagte sie.

    Bundesregierung politisch nicht interessiert an Wohnungslosen?

    Seit 20 Jahren kritisiert die Bundesarbeitsgemeinschaft, dass die Bundesregierung keine einheitlichen Statistiken und Zahlen zu Wohnungslosen in der Bundesrepublik erfasst. Dazu kommentierte die BAGW-Sprecherin:

    „Im Augenblick passiert etwas“, sagte sie. „Wir haben erstmalig die Situation, dass es einen Gesetzesentwurf für eine Wohnungslosen-Statistik gibt. Dass das in den letzten 20 Jahren nicht passiert ist, führen wir schon darauf zurück, dass die jeweiligen Bundesregierungen politisch nicht daran interessiert waren, Zahlen dazu zu erheben.“

    Über 650.000 Menschen ohne Wohnung

    Nach Schätzung der BAGW waren im Jahr 2017 etwa 650.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung oder von Wohnungslosigkeit betroffen. Damit „weicht diese Zahl mit einem Minus von 210.000 um 24,5 Prozent von unserer letzten Schätzung nach unten ab“, heißt es in der aktuellen BAGW-Pressemitteilung, die der Redaktion vorliegt. 

    „Dies entspricht jedoch nicht einem tatsächlichen Rückgang der Wohnungslosenzahlen in Deutschland, sondern ist ausschließlich dem deutlich verbesserten neuen Schätzmodell zuzuschreiben“, betonte Geschäftsführerin Rosenke auf der Pressekonferenz.

    Das bisherige Schätzmodell, das seit 1992 zum Einsatz kam, sei aufgrund fehlender neuer empirischer Studien veraltet. Das neue Schätzmodell erfasse die wohnungslosen Menschen genauer.

    Dabei ist zu unterscheiden, dass „wohnungslos“ nicht das gleiche wie „obdachlos“ bedeutet. „Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die keinen Mietvertrag, keinen mietvertraglich abgesicherten oder keinen eigenen Wohnraum haben“, erläutert die „Diakonie“ in Deutschland. „Sie leben beispielsweise in einer Notunterkunft, einer stationären oder einer kommunalen Einrichtung oder vorübergehend bei Freunden.“ Als Obdachlose werden die „Menschen bezeichnet, die im öffentlichen Raum wie beispielsweise in Parks, Gärten, U-Bahnhöfen, Kellern oder Baustellen übernachten“.

    Fast 50.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße

    Etwa 73 Prozent der wohnungslosen Menschen in Deutschland seien Männer. Der Frauenanteil liege bei etwa 27 Prozent. Die Organisation schätzt die Zahl der Minderjährigen ohne eigenen Wohnraum auf etwa 22.000.

    Den Zahlen zufolge leben aktuell etwa 48.000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße. Nicht jeder Wohnungslose lebe auf der Straße, sagte Rosenke auf der Pressekonferenz. Viele würden auch bei Freunden oder Verwandten kurzzeitig unterkommen „und schlagen sich so Woche für Woche durch“.

    Wohnungslosigkeit bei Migranten und Flüchtlingen

    Etwa 15 Prozent der Wohnungslosen in Deutschland sind demnach EU-Bürgerinnen und EU-Bürger. Das sind etwa 40.000 Menschen. Die „Straßenobdachlosigkeit“ sei stark durch die EU-Binnenzuwanderung geprägt, heißt es in der BAGW-Pressemitteilung.

    „Wir schätzen, dass 40.000 wohnungslose Menschen in Deutschland EU-Migranten und Migrantinnen sind“, erklärte Rosenke im Interview. „Die nicht nur, aber zu einer großen Zahl aus Südost- und Osteuropa nach Deutschland kommen, um sich hier eine Arbeitsstelle zu suchen.“ Falls dabei eine ausreichende Qualifikation fehle oder „sie unfair behandelt werden“, leben diese Menschen ihr zufolge auch häufig ohne jede Unterkunft auf der Straße. „Darüber hinaus gibt es eine große Zahl der anerkannten Geflüchteten, die sich eigene Wohnungen suchen sollen und nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften wohnen müssen. Dadurch sind sie auch Nachfrager auf dem Wohnungsmarkt und haben das gleiche Problem wie andere einkommensarme Menschen: Sie benötigen den gleichen preiswerten Wohnraum, den es eben in vielen Regionen Deutschlands nicht mehr gibt.“

    Unter den Wohnungslosen waren laut der Bundesarbeitsgemeinschaft im Jahr 2017 etwa 375 000 anerkannte Asylsuchende und Flüchtlinge.

    Wohnungslose in Österreich und der Schweiz

    Nun drängt sich die Frage auf, wie Deutschland im europäischen Vergleich dasteht. Nach einem Bericht des „ORF“ vom Januar 2019 sind „rund 15.000 Menschen in ganz Österreich als obdachlos registriert“.

    Das „Tagblatt“ berichtete im April über die „erste wissenschaftliche Studie zur Obdachlosigkeit in der Schweiz“. Sie umfasse jedoch nur die Stadt Basel. Demnach verfügen rund 200 Menschen in Basel über keine eigene Wohnung, rund 100 davon seien obdachlos. Jedoch wären „keine Vergleiche mit anderen Schweizer Städten möglich“, hieß es von Seiten der Wissenschaftler, die die Studie an der „Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)“ in Windisch erstellten.

    Wohnungslosigkeit in Europa

    Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags hatte 2018 eine Ausarbeitung mit dem Titel „Wohnungslosigkeit in Europa“ für ausgewählte europäische Staaten veröffentlicht. „Nationale Wohnungs- und Obdachlosenstatistiken werden in Dänemark, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Litauen, den Niederlanden, Schweden, Spanien und Ungarn geführt“, heißt es im Papier.

    Demnach wurden in Dänemark 2017 „6.635 wohnungslose Menschen“ gezählt. In Finnland liege die Zahl bei 6.644 Menschen ähnlich. Litauen zähle rund 5.000 Wohnungslose. In Frankreich erhob das zuständige INSEE-Institut (das nationale Statistik-Institut) zuletzt insgesamt 141.500 Wohnungslose. Italien zähle demnach rund 51.000 wohnungslose Menschen. Die Niederlande schätzt die Zahl der dortigen wohnungslosen Menschen „im Alter zwischen 18 und 65“ auf etwa 31.000. Rund 33.000 Menschen sind demnach in Schweden ohne Wohnung. Spanien komme auf etwa 16.500 Menschen, die in Obdachlosenunterkünften registriert wurden. Ungarn habe „bei einer Datenerhebung“ 10.206 wohnungslose Menschen erfasst.

    Billiglohn-Land Deutschland im europäischen Vergleich

    Doch ein wirklicher europäischer Vergleich könne aufgrund der vorliegenden Zahlen kaum gezogen werden, so das Bundestags-Papier. Auch sei nicht gesagt, ob Deutschland dabei gut oder schlecht abschneide. Denn: „Die Kriterien, nach denen die Statistiken geführt werden, sind unterschiedlich. Besonders bei der Definition eines Wohnungsnotfalles zeigen sich erhebliche Abweichungen zwischen den Staaten.“ So zählt Spanien beispielsweise nur die Wohnungslosen, die auch tatsächlich in registrierten Obdachlosenunterkünften leben. Alle wohnungslosen Menschen auf spanischen Straßen werden demnach gar nicht erfasst.

    „Deutschland ist eine Marktwirtschaft und eines der Länder mit dem größten Niedrigeinkommens-Bereich in ganz Europa“, erklärte BAGW-Geschäftsführerin Rosenke zu den Hintergründen. „Wir haben zwar auf der einen Seite ganz niedrige Arbeitslosenraten, so niedrig wie schon lange nicht mehr. Aber das sind oft schlecht bezahlte Jobs, oft in Teilzeit. Schlecht bezahlt trotz Einführung des Mindestlohns. Ich denke, die Gewerkschaften haben zum Teil dazu auch Zahlen veröffentlicht, dass in manchen Branchen auch der Mindestlohn nicht eingehalten wird. Von daher gibt es eine sehr große Zahl von Menschen mit geringen Einkommen und gleichzeitig in Metropolen, Städten, Regionen und Landkreisen stetig steigende Mietpreise, wo das dann letztlich kollidiert.“ Auch diese Niedriglohnempfänger würden mit obdach- und wohnungslosen Menschen um bezahlbaren Wohnraum in Deutschland konkurrieren. Dieser Umstand verschärfe noch die aktuelle Situation.

    Verschärfte „Wohnungs-Krise“

    „Wir gehen leider davon aus, dass die Zahl der Wohnungslosen steigen wird und nicht rückläufig ist“, blickte sie voraus. „Das Fatale ist: Selbst bei einem politischen Willen lässt sich bezahlbarer Wohnraum nicht sofort von heute auf morgen erstellen. Das dauert seine Zeit. Die politischen Anstrengungen, diese Situation zu verbessern, halten wir ohnehin nicht für ausreichend. Somit laufen weiterhin viele Menschen Gefahr, ihre Wohnungen zu verlieren und für längere Zeit keinen neuen Wohnraum zu finden, wenn man nicht spezielle Maßnahmen ergreift.“

    Aber auch viele neu errichtete Wohnungen – darunter Eigentumswohnungen und Ein-Familien-Häuser – „bringen für wohnungslose Menschen überhaupt nichts“. Denn diese benötigen preiswerten und bezahlbaren Wohnraum, also kleine und günstige Wohnungen.

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    Tags:
    Bundesregierung, Wohnungsnot, Obdachlose, Deutschland