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    Warum wird die Mauer renoviert? – „Mauermaler“ Kiddy Citny verrät den Grund

    © Foto : Kiddy Citny
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    Von Beata Arnold
    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (49)
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    Berliner Mauerteile dekorieren Museen, sind urbane Denkmäler und Kunstsammlerobjekte. Ab Mitte der 80er Jahre war die Mauer nämlich nicht mehr nur betongrau: Kiddy Citny sei Dank wurde die Westseite des DDR-Bollwerks bunt. Dies war weder legal noch ungefährlich. Heute renoviert der „Mauermaler“ immer wieder „seine“ Mauer. Sputnik hat nachgefragt.

    Riesige dreieinhalb Meter hohe farbenfrohe Gesichter, bekrönte Königinnen mit herzigem Antlitz und der Weltkugel im Arm sollten in farbenprächtigem Reigen die Hauptstadt der DDR umzingeln und eine optimistische Botschaft senden. Verantwortlich dafür waren die Berliner Mauermaler Kiddy Citny und Thierry Noir. Sie sind die Vorreiter urbaner Kunst im Berlin Mitte der Achtziger Jahre.

    Teile eines von Kiddy Citny verschönerten Mauerabschnittes wurden weltweit bekannt, als sie im Jahr 1987 in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin" zu sehen waren. Kiddy Citnys Mauermotive reisten auf Postkarten und Touristenfotos um die Welt: wurden zu Symbolen für Frieden und Freiheit, mit dem Prädikat „historisch besonders wertvoll“ versehen stehen sie an bemerkenswerten Stätten:

    Eines von Kiddy Citnys Mauerstücken gelangte ins Museum für Moderne Kunst in New York, ein weiteres ist bei Frau Hennessy von der Cognac-Firma in Frankreich untergebracht. Ein anderes steht vor dem Hauptsitz der Vereinten Nationen und sogar der Papst hat ein Mauersegment bei sich im Garten stehen. In Berlin steht ein von Kiddy Citny bemaltes Mauerteil am Märkischen Museum, Touristenmagnet „Eastside Gallery“ schmückt sein „qui baise qui“ und auch auf dem Leipziger Platz im Herzen der geeinten Hauptstadt stehen linker wie rechter Hand symbolträchtige Mauerfragmente als Denkmäler.

    Mauerfragmente auf dem Leipziger Platz
    © Foto : Kiddy Citny
    Mauerfragmente auf dem Leipziger Platz

    Und die sollen nicht verblassen, denn der Zahn der Zeit, Touristenschwärme wie die Witterung nagen an ihnen. Alle paar Jahre restauriert Kiddy Citny mit Künstlerkollege Thierry Noir „seine“ Mauer. In den kommenden Tagen ist es soweit: Die notwendige Genehmigung vom Denkmalschutzamt zum „Aufpolieren“ erhielt er in diesem Jahr nach drei Monaten Wartezeit. Das dauerte schon mal länger. Für die Restaurierungsarbeiten 2012  – sagenhafte vier Jahre und das, obwohl die Stadt für die Erhaltung der Attraktion keinen Cent berappen mußte.

    Szenenwechsel: Bunte Leinwände, ausgequetschte Farbtuben, borstige Pinsel, Spraydosen – ein Gewusel, das einen kreativen Geist verrät. Kiddy Citny lebt und arbeitet in Berlin. Er bereitet sich aktuell auf seine neue Ausstellung „30 Jahre Mauerfall – Dinosaurier der Street Art“ Anfang August sowie besagte Restaurierungsaktion vor. Sputnik hat ihn in seinem Studio im Berliner Stadtteil Schöneberg in einer ehemaligen Malzfabrik besucht:

    Was bedeutet eigentlich „Kiddy Citny“?

    Das ist ein Synonym für das „Kind der Großstadt“. Als ich 18 wurde war ich in New York und mir hat die große Metropole so gefallen, so baute ich mir meinem Namen daraus. Also „Kiddy“ –  für das Kind und „Citny“  – für City und New York. Steht so im Pass und auf meiner Kreditkarte.

    Damals war eher eine Metropole wie New York aufregend. Heute ist es weltweit Berlin. Käme ich heute als 18-Jähriger in die Stadt, dann würde ich Berlin in meinen Namen einbinden.

    Ich bin in Bremen groß geworden und kurz vor dem 18.Geburtstag im Winter 1975 nach Berlin gezogen. Die Berliner Mauer war damals sehr präsent. Berlin war die Mauerstadt, der Mittelpunkt des Kalten Krieges und noch sehr vom Krieg zerstört. Westberlin war eine künstliche Insel mit vorwiegend alten Rentnern, die den Krieg überlebt hatten oder ganz jungen Leuten, die das Leben leben wollten.

    Ich hatte damals einen Job in der Hauptstraße in einem Café und dort habe ich Iggy Pop und David Bowie getroffen – die sind dort zum Frühstücken oder nachts zum Feiern gewesen, auch um Bilder zu zeigen.

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    Wie kam es dazu, die Berliner Mauer zu bemalen?

    Das war im Frühjahr 1984, da habe ich mit Thierry Noir die ersten Mauersegmente in Kreuzberg am Georg-von-Rauh-Haus bemalt, dann die Waldemarstraße - so zog sich das hin.

    Die Mauer war hässlich, gewissermaßen ein „Todesdelikt“. Sie war so grau, es standen nur politische Parolen drauf wie „Honecker – Fuck off“ oder „Die Mauer muss weg“. Ich dachte mir, man müßte das ad absurdum führen und Ostberlin mit Kunst einschließen. Wir bemalten die Mauer, restaurierten sie, wenn uns jemand „übermalte“.

    Meine „Könige“ als Motiv stehen dafür, dass sich jeder Mensch sich wie ein König oder eine Königin fühlen soll. Die „Herzen“ habe ich gewählt, weil ein Herz allein zum Lieben nicht ausreicht und die „Welt im Arm“, weil mir damals schon bewußt war, dass es nur eine Welt gibt, die wir pflegen und beschützen müssen.

    Und dann kam Wim Wenders auf mich zu. Er hat seinerzeit immer einen Song von meiner Band „Sprung aus den Wolken“ gehört: Er hätte diese Musik auch gern in seinem Film „Himmel über Berlin“. Ich war dann auch bei den Dreharbeiten dabei, eine spannende Zeit.

    Wie war die Resonanz auf die dreieinhalb Meter hohen bunten Motive?

    Passanten waren erst überrascht. Nach etwa einem Jahr merkten wir, dass es gefällt, denn Bustouren, die durch Westberlin führten, hatten unsere Waldemarstraße in ihre Route aufgenommen. Auch die amerikanischen GIs, die mit ihren Jeeps vorbeifuhren, hielten den Daumen hoch, fanden es toll.

    Vom Osten kam keine derartige Resonanz. Wir mußten eher aufpassen, denn wir haben uns immer an die Mauer angeschlichen, damit keiner von den Wachtürmen der Grenzpolizisten sieht. Denn die Mauer war ostdeutscher Besitz, gehörte zur DDR. Das war so ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Grenzer haben sich uns manchmal in Kolonne genähert – mit Kalaschnikow im Anschlag. Da wir dann um die drei entscheidenden Meter vom DDR-Staatseigentum wieder gen Westen zurückwichen, konnten die nichts machen, weil wir dann auf Westberliner Gebiet waren.

    Ich selbst hatte keine Freunde oder Kollegen in der Hauptstadt der DDR. Wenn ich mal nach Ostberlin gefahren bin, guckten alle einen komisch an, weil sie sofort erkannten, dass man aus dem Westen ist – an der Kleidung, an den Schuhen. Ich wußte auch nicht so recht, was ich da sollte, aber ich wollte zeigen, dass es absurd ist, eine Stadt zu trennen, in der beide Seiten dieselbe Sprache sprechen. 

    Und zu Künstlern aus dem Osten hatte ich erst in den 80er Jahren Kontakt, aber wie sich herausstellte waren das „Halb-Stasi-Künstler“: Es gab einige Privilegierte, die ab Anfang 1980 in Ostberlin wohnten und einen Pass hatten, so dass sie in den Westen konnten. Die haben sich reingeschlichen in die Szene. Nach der Wende kam raus, dass das Stasi-Leute waren.

    Welchen Einfluß hatte der Mauerfall auf die Kunst?

    Der Mauerfall selbst kam auch für mich sehr überraschend. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie innerhalb von ein paar Monaten fällt und dann gleich die ganze DDR „einkassiert“ wird. An meiner Arbeit hat es aber nichts verändert:

    Ich male immer noch dieselben Symbole wie damals und freue mich darüber, dass die Mauerfragmente so prominent auf allen Kontinenten stehen, wie ich und Thierry Noir sie bemalt haben. Ob nun in Paris, in London, New York oder in Berlin im Museum oder am Leipziger Platz in Berlin. Ein schönes Gefühl. 

    Und auch wichtig in der heutigen Zeit, denn Kunst ist die höchste Form der Kommunikation. Und Kunst ist auch immer politisch – Kunst ist die fünfte Macht im Staat. Ich möchte wieder öfter in der Öffentlichkeit malen, wo die Bilder von der Straße wahrnehmbar sind und nicht nur in Museen oder Sammlungen verschwinden, wo sie kein Mensch sehen kann.

    Leinwände habe ich schon immer bemalt, die Möglichkeit auf Wänden zu malen ist nämlich sehr beschränkt – es gibt keine freie Mauer mehr in Berlin. Und wenn ich eine bemale, dann ist sie übermorgen übermalt oder übersprayt. Leinwände sind eine Alternative –  ich kann so meine Sachen auch in Galerien zeigen.

    Was hältst du von dem Rummel, der um die 30 Jahre Mauerfall gemacht wird?

    Die heute 30- bis 35-Jährigen wissen gar nicht, was die Mauer ist oder wie es ist, getrennt zu sein in einer Stadt, die denselben Namen hat. Es ist wichtig, den Jungen und der Welt zu sagen: Wer Mauern baut, wird darin umkommen. Staaten, die Mauern bauen, haben keine Zukunft, weil die Kraft der Freiheit immer größer sein wird, als jede Mauer.

    Kiddy Citny in seinem Studio
    © Sputnik / Beata Arnold
    Kiddy Citny in seinem Studio

    Kiddy Citny & Thierry Noir „30 Jahre Mauerfall – Dinosaurier der Street Art“ 
    Ausstellung 1. August bis 22. August, Eintritt frei
    Culture Pop Studio by Street Art
    Berlin Potsdamer Platz Arkaden 
    www.streetartbln.com

    Hier das komplette Interview mit Kiddy Citny zum Nachhören:

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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (49)
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    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, DDR, Malerei, Berlin, Mauer, Kunst, Berliner Mauer, Deutschland