15:28 17 November 2019
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    Gitarrist Paul Landers (Archiv)Gitarrist Richard Kruspe

    Mittelfinger gegen „Staatshomophobie“? Was Medien zu Rammsteins Kuss-Aktion in Moskau verschweigen

    © AFP 2019 / Christophe Gateau / DPA © AFP 2019 / Christophe Gateau / DPA
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    Zwei Rammstein-Gitarristen haben sich beim Konzert in Moskau auf der Bühne geküsst. Die Mainstream-Medien jubeln: Ein klares Statement gegen Homophobie in Russland! Oder sogar: Ein „ausgestreckter Mittelfinger“ gegen die „Staatshomophobie“! Doch warum verschweigen diese Journalisten ein wichtiges Detail?

    Das Rammstein-Konzert in Moskau am vergangenen Montag war ein großer Erfolg – alle Plätze schon seit Monaten ausverkauft, etwa 80.000 Fans sangen die deutschen Rock-Lieder textsicher mit.  

    In kaum einem anderen Land ist Rammstein wohl so beliebt wie in Russland. Auch die Band scheint für das Land viel übrig zu haben: In den sozialen Netzwerken erklärten die Musiker Russland die Liebe.

    Interessant dabei: Das erste Bild des Instagram-Posts zeigt die Gitarristen Paul Landers und Richard Kruspe knutschend.

    Die westlichen Mainstream-Medien sahen dahinter ein klares politisches Signal. Der Westdeutsche Rundfunk Köln (WDR) verglich den Kuss sogar mit einem „ausgestreckten Mittelfinger“. Viele Russen würden die deutsche Band nun weniger lieben, ist der Autor überzeugt. Eine absurde Annahme, aber sei’s drum.

    Den Kuss gab es in anderen Städten auch

    Doch was fast alle Medien – ob absichtlich oder aus Versehen – verschweigen: Landers und Kruspe hatten sich nicht nur in Moskau auf der Bühne geküsst.  Dasselbe taten sie auch in Berlin. Und in Barcelona. Auch ein politisches Statement und symbolischer Stinkefinger?

    Die Aktion war also nicht extra für Russland gedacht, wie die Medien es darstellen wollen. Was natürlich nicht bedeutet, dass dahinter keine politische Botschaft steht. Zumal Rammstein auch beim Konzert in Polen die Regenbogenflagge geschwenkt hatte, was als Kritik am Kurs der Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) verstanden wurde. PiS ist für ihren nicht gerade schwulenfreundlichen Kurs bekannt.

    Sputnik „schweigt“ zu dem Kuss 

    Die „Welt“ lobte Rammstein für die Aktion als Deutschlands „besten Botschafter im Ausland“ – und verhöhnte gleich das „kremltreue Nachrichtenportal“ Sputnik, das sich angeblich nicht entscheiden konnte, ob es den „Kuss verschweigen sollte oder nicht“.

    Sputnik habe den Rammstein-Instagram-Post zwar gezeigt, in dem Text aber den Kuss mit keinem Wort erwähnt. Das Schweigen wurde wahrscheinlich direkt vom Kreml befohlen– so stellt es sich vermutlich der „Welt“-Journalist vor.

    Die Springer-Zeitung wirft Sputnik vor, zu dem Kuss bewusst geschwiegen zu haben und unterlässt es selbst zu erwähnen, dass sich die Rammstein-Gitarristen auch in anderen europäischen Städten auf der Bühne geküsst haben.

    Die deutsche Band hat sich selbst noch nicht dazu geäußert und nicht bestätigt, dass dies eine gezielte politische Aktion gewesen war. Daher liegen jegliche Medienberichte über den versteckten Sinn des Kusses im Bereich von Interpretationen – auch wenn diese stimmen sollten.  

    Den Mainstream-Journalisten steht es frei, den Rammstein-Kuss so zu deuten, wie sie es wollen. Doch jegliche Vorwürfe gegen Sputnik über das „Verschweigen der Aktion“ entbehren hier jeglicher Grundlage.

    Im Netz reagierten viele russische Nutzer auf den Kuss mit Humor. Hier einige Kommentare: „Schrecklich! Und das in einem Land, wo Breschnew regiert hat!“ oder „Na und? Zu Zeiten der UdSSR haben Breschnew und Honecker auch geknutscht“.

    Russland und LGBT

    Vor kurzem sorgte ein „Streit“ zwischen dem russischen Präsidenten, Wladimir Putin, und dem britischen Weltstar Elton John ebenfalls für große mediale Aufmerksamkeit. Die „Bild“-Zeitung titelte sogar, Putin habe den Sänger „attackiert“.

    Till Liendemann (L) beim Musikfestival in Baku
    © Sputnik / Jekaterina Tschessnokowa
    Eine Attacke hat es natürlich nicht gegeben. Elton John hatte im Juni mit einem emotionalen offenen Brief auf ein Interview Putins für die „Financial Times“ reagiert. Der russische Staatschef hatte gegenüber der Zeitung gesagt, Russland habe kein Problem mit den Vertretern der LGBT-Community und wünschte ihnen sogar Glück. „Wir haben kein Problem mit LGBT-Leuten. Gott behüte! Lasst sie doch leben, wie sie wollen.“

    Der prominente Brite warf Putin daraufhin Heuchelei vor und verwies darauf, dass russische Vertreiber schwule Sex-Szenen aus seinem vor Kurzem erschienenen Film „Rocketman“ herausgeschnitten haben.

    Putin ließ die Vorwürfe des Sängers nicht unbeantwortet. Elton John irre sich, so der russische Staatschef, in Russland gebe es tatsächlich eine „ausgewogene Einstellung gegenüber Schwulen“. Wegen des russischen Gesetzes gegen die „Schwulenpropaganda“ unter Kindern werde das Land von allen Seiten kritisiert. „Aber hören Sie, lasst uns den Menschen erlauben, zuerst einmal erwachsen zu werden, damit sie dann entscheiden, wer sie sind. Lassen Sie die Kinder in Ruhe.“

    Sex-Szenen aus „Rocketman“ entfernt

    Anfang Juni war in Russland um den autobiografischen Film „Rocketman“ über den legendären britischen Musiker Elton John ein Skandal entbrannt. Auf Facebook beschwerte sich ein Filmkritiker, in der russischen Version seien 20 Minuten aus dem Original herausgeschnitten worden, in denen Sex zwischen Männern gezeigt werde.

    Russlands Kulturminister Wladimir Medinski beteuerte, sein Ministerium habe mit den Änderungen nichts zu tun: Es handele sich um einen Fall von „Selbstzensur” des russischen Vertriebspartners. Die Firma Central Partnership in Moskau wiederum hatte das Herausschneiden der Szenen mit russischen Gesetzen begründet.

    Diese Begründung ist aber nicht ganz verständlich, da das russische Gesetz „homosexuelle Propaganda“ nur unter Minderjährigen untersagt. Für „Rocketman“ gilt aber ohnehin ein Mindestalter von 18 Jahren in Russland. Andere Filme mit homosexuellen Inhalten wie etwa „Bohemian Rhapsody“ über Rockstar Freddie Mercury liefen unzensiert in russischen Kinos.

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    Tags:
    LGBT, Kuss, Rammstein, Russland