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09:07 15 Oktober 2019
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    Dagestan - „Land der Berge“

    Bei den freundlichsten Menschen der Welt zu Gast – Dagestan-Reise eines Bloggers

    © Foto: Karsten Packeiser
    Gesellschaft
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    Zehn Tage reiste Karsten Packeiser, Journalist und Blogger aus Oppenheim, durch Dagestan – Russlands ungewöhnlichste Teilrepublik voller Geschichte(n) und Legenden, mit Landschaften wie in Tolkiens „Mittelerde“ und den wahrscheinlich freundlichsten Menschen der Welt. Gegenüber Sputnik erzählte er, warum Russen sich eher selten dorthin begeben.

    Natürlich habe Dagestan ein ganz großes Imageproblem, so Packeiser. „Diese Republik galt als gefährlich. Man hat die Fernsehberichte von vor 20 Jahren in Erinnerung, als der Tschetschenien-Krieg nach Dagestan überschwappte, als dort Fundamentalisten, Islamisten ihr Unwesen trieben, Banditen die Straßen unsicher machten, als dort Leute gekidnappt wurden. Das alles hat es einmal gegeben, aber das ist zum Glück lange, lange vorbei.“

    Dagestan - „Land der Berge“
    Dagestan - „Land der Berge“

    Der Reiseblogger fügt hinzu: „Dazu kommen natürlich auch die allgemeinen Vorurteile, die man ja auch in Russland selbst gegenüber dem Kaukasus hat, dass da die Frauen angemacht werden, dass die Leute alle ganz wild mit den Autos fahren, sich gar nicht an Verkehrsregeln halten. Stimmt alles Null Komma Null und überhaupt nicht.“

    Die alte Siedlung Tschoch
    Die alte Siedlung Tschoch

    Land der Berge Dagestan

    Das sei tatsächlich eine unglaubliche Mischung von sehenswerten Orten, schildert Packeiser. „Man fährt durch die Berge. Man kann hinter jeder Straßenkurve praktisch mit offenem Mund nur aus dem Fenster schauen und staunen. Es gibt wahnsinnig viel zu sehen. Man könnte sich dort locker sechs Wochen lang beschäftigen und jeden Tag neue interessante Orte suchen und kennenlernen. Tatsächlich sind die Leute dort unglaublich nett, gastfreundlich, neugierig, aufgeschlossen, höflich. So etwas habe ich in der Tat noch nirgendwo auf der Welt erlebt.“

    Dagestan - „Land der Berge“
    Dagestan - „Land der Berge“

    Man komme in einen Laden rein, fährt der deutsche Journalist fort, „und als Erstes... als Ausländer erkannt wird natürlich, und als Erstes bekommt man von dem Verkäufer etwas geschenkt. Man wird von der Straße eingeladen, Leute zu besuchen, weil sie gerade Schaschlikgrill vorbereiten. Man begleitet wildfremde Leute, die nach dem Weg fragen, bis zum Zielort. Da gab es so unglaublich viele derartige Erlebnisse. Das ist schon für mich einzigartig gewesen.“

    In Allahs Namen, werft hier keinen Müll hin

    Die meisten Menschen in Dagestan seien viel religiöser als er vermutet habe, urteilt Packeiser. „ ,In Allahs Namen, werft hier keinen Müll hin‘, heißt es auf einem Plakat am Irganai-Stausee, ,Allah ist rein und liebt die Reinheit.‘ Der Aufruf wirkt – keine Kippe, kein Plastik ringsum. Die Religiosität kann man allein schon an der Kleidung erkennen. Es gibt kaum Frauen, die Hosen tragen. Fast alle tragen Kopftuch. Es gibt sehr viele Männer, die sich in traditioneller Art und Weise Bärte wachsen lassen. Man erkennt schon, dass der Islam dort eine sehr große Rolle spielt, wie ich das selbst gar nicht erwartet hätte.“

    „In Allahs Namen, werft hier keinen Müll hin“
    „In Allahs Namen, werft hier keinen Müll hin“

    Es gebe solche Dinge, wie zum Beispiel Gebetszimmer in Lokalen, führt der Blogger aus. „Wenn man als frommer Muslim seine fünf täglichen Gebete verrichten will, dann kann man das im Restaurant machen, weil die Lokale einen eigenen Gebetsraum nach wie vor halten. An Tankstellen gibt es häufig so etwas wie kleine Moscheen, dass die Brummifahrer auch mal kurz stoppen und beten können. So etwas habe ich zumindest in Russland nicht erwartet.“

    Lesginischer Musiker mit deutschen Wurzeln

    In Derbent sei Karsten Packeiser, der mit seiner russischen Frau Anna und Sohn Felix oft durch Russland reist,  „beim Spaziergang durch diese unglaublich alte und unglaublich unrussische Stadt ganz im Süden Russlands über eine Gedenktafel für einen Musiker mit dem ganz und gar ungewöhnlichen Namen Gottfried Alijewitsch Gassanow gestolpert. Rührendes Beispiel für kaukasisches Multikulti.“

    Gedenktafel für einen Musiker Gottfried Alijewitsch Gassanow
    Gedenktafel für einen Musiker Gottfried Alijewitsch Gassanow

    In einer frommen islamischen Umgebung habe seine deutsche Mutter es durchsetzen können, so der Blogger, „in einer patriarchalen Gesellschaft, das muss man ja auch noch dazu sagen, dass ihr Sohn einen urdeutschen, christlichen Namen bekommt. Dieser Komponist Gassanow wurde noch vor der Oktoberrevolution geboren, noch vor der Sowjetzeit. Aber diese Familiengeschichte ist ein Symbol dessen, dass sich in dieser Region zumindest historisch alle möglichen Religionen, Völker, Glaubensrichtungen begegnet sind und irgendwie einen Weg gefunden haben, wie man ganz vernünftig miteinander auskommt.“

    Derbent: toleranteste Stadt der Welt (Unesco-Welterbe)

    Diese Stadt am Kaspischen Meer, die älteste unter den ständig bewohnten Städten der Welt, feierte kürzlich ihren zweitausendsten Geburtstag. Eine größere Siedlung gab es hier auch schon vor 5000 Jahren und war immer schon ein Schnittpunkt der Völker und Kulturen. „Dort haben halt von alters her Angehörige verschiedenster Religionen gelebt. Es gibt dort eine wahrscheinlich schiitische Mehrheit, es gibt auch viele Sunniten. Es gab Armenier und sehr viele Juden. Und die meiste Zeit sind diese Leute alle miteinander soweit vernünftig klargekommen. An der ältesten Moschee Russlands und wahrscheinlich Eurasiens, also außerhalb der Arabischen Halbinsel, beten auch heute noch Sunniten und Schiiten zusammen ihre Gebete. Das ist nicht überall im Nahen und Mittleren Osten selbstverständlich.“

    Russlands südlichste und älteste Stadt Derbent
    Russlands südlichste und älteste Stadt Derbent
    Ratschläge für deutsche Nordkaukasus-Fans

    Zum Ersten, müsse man im Jahr 2019 keine Angst mehr haben, dorthin zu fahren, ist sich Packeiser sicher. „Zweimal wurden wir auch an militärisch gesicherten Kontrollposten gestoppt. Touristen aus dem Westen verwundern hier inzwischen aber niemanden mehr, und das Auftreten der Uniformierten ist absolut korrekt. Man kann sich dieser Region mit einer großen Neugierde nähern.“

    Der zweite Ratschlag des Bloggers wäre:

    „In Dagestan gibt es eine einzige große Stadt, nämlich die Hauptstadt Machatschkala, die eine Ansammlung von fürchterlichen Neubauten, eine hässlicher als die andere, ist, völlig ohne irgendwelchen Plan und Sinn. Also, mein zweiter Ratschlag wäre, so schnell wie möglich diese Hauptstadt zu verlassen, weil sie nicht schön ist. Und der dritte Ratschlag wäre vielleicht: Es ist, wenn man sich in abgelegenen Gegenden bewegt, dann doch eine gute Idee, wenn es vor Ort irgendjemanden gibt, der sich so ein wenig für den Besuch verantwortlich fühlt.“

    Sei es der Quartiersgeber, merkt Packeiser an, „oder sei es, dass man, so wie wir das gemacht haben, die wir vom ersten Tag erst mal dann doch einen Fahrer uns organisiert hatten, dass man nicht ganz einfach ins Blaue fährt, sondern dass es irgendwo einen Menschen gibt, der einem so ein bisschen die Türen öffnet. Und dann gehen sie spätestens am zweiten Tag von selber auf. Wenn man auch ein bisschen Russisch spricht, dann ist es natürlich noch einfacher, weil die Leute halt einfach unglaublich offen sind.“

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    Naturreservat Sarykum

    Der Blogger schildert eine Begebenheit: „Wir sind in einem Bergdorf spazieren gegangen, dann hat es angefangen zu regnen, und sofort ging irgendwo ein Fenster auf und die Leute sagten ‚wollt Ihr nicht reinkommen, bis es aufhört zu regnen?‘ Man wird dort schon sehr mit offenen Armen empfangen und muss gar nicht so viel leisten, um in Kontakt mit den Menschen dort zu kommen.“

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    Tags:
    Reise, Dagestan, Russland