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04:33 23 September 2019
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    Vertragsarbeiter in der DDR beim Fußballspiel

    Bruderland – Sozialistische Vertragsarbeiter in der DDR

    © Foto : Ibraimo Alberto
    Gesellschaft
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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (56)
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    Auch in der DDR gab es „Gastarbeiter“. Sie kamen aus befreundeten sozialistischen Staaten wie Vietnam, Mosambik, Kuba oder Angola. Wie haben sie die DDR erlebt und was passierte mit ihnen nach der Wende? Die Webdoku „Eigensinn im Bruderland“ erzählt die Geschichte der DDR-Migranten. Sputnik hat mit einer der Autorinnen, Julia Oelkers, gesprochen.

    Frau Oelkers, wie kamen die Vertragsarbeiter in die DDR? Aus welchen Ländern kamen sie und war es eine Auszeichnung, in der DDR zu lernen und zu arbeiten?

    Wir haben uns in unserer Webdoku auf Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre fokussiert. Es kamen aber schon seit den 1950ern Studierende und Arbeiter aus sogenannten „befreundeten sozialistischen Ländern“ in die DDR. Die Vertragsarbeiter in den 1970er / 1980er Jahren aus Vietnam, Angola oder Mosambik kamen aufgrund von Staatsabkommen, also Vereinbarungen, die die Regierungen untereinander abgeschlossen haben, die in der Regel mehrere Bereiche umfassten und einer davon war der Einsatz von Arbeitskräften.

    Arnaldo Vanega Bernal aus Kuba im IFA-Getriebewerk Brandenburg (Bezirk Potsdam)
    Arnaldo Vanega Bernal aus Kuba im IFA-Getriebewerk Brandenburg (Bezirk Potsdam)

    War es begehrt, in die DDR zu fahren?

    Es war generell natürlich begehrt, nach Europa zu kommen. Viele wussten nicht, dass es die DDR und die BRD gab, für sie gab es nur Deutschland. Die waren dann überrascht. Ein Mosambikaner erzählte zum Beispiel, das sie vor der Mauer Fotos gemacht haben, weil sie gar nicht wussten, was das ist, und dann sofort Ärger bekommen haben mit der Polizei und verhört wurden. Für andere, die zum Studieren gekommen sind - es waren ja nicht nur Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen – hatte eine Ausbildung in der DDR durchaus einen guten Ruf und war begehrt.

    Das war sicher ein Kulturschock für viele Gäste aus Afrika oder Asien?

    Ich glaube, die größte Schwierigkeit war, dass sie so isoliert gelebt haben und dass sie relativ strenge Regeln hatten. Was das Essen anging, gab es keine großartigen Möglichkeiten. Und sie mussten ja erst die Sprache lernen. Es gab außerdem auf dem Land deutlich weniger Möglichkeiten an Freizeitgestaltung als in der Stadt. Wir haben ja für die Website viele Akten ausgewertet und auch die Betriebe mussten Berichte schreiben, und da gibt es beispielsweise Berichte über die mosambikanischen Arbeiter, dass sie gerne Fußball gespielt haben, aber nicht im Verein, sondern einfach so für sich auf der Wiese gekickt haben und dazu weder Sportkleidung angezogen haben noch regelmäßig zum Training gekommen sind. Das wurde nicht gern gesehen. Solche Konflikte gab es relativ oft.  

    Wie war der Kontakt mit den Einheimischen? Der Kontakt der sowjetischen Soldaten zu den DDR-Bürgern war ja reglementiert. Wie war das bei den Gastarbeitern?

    Da sie in Wohnheimen gewohnt haben und dort immer ein Pförtner war und Besuch nur rein kam, wenn er sich vorher angemeldet hat, waren private Kontakte wirklich schwierig. Sie hatten natürlich auf der Arbeit Kontakt zu ihren Arbeitskollegen, aber viele berichteten, dass sie auch bei Betriebsfeiern immer alleine gesessen haben und nicht mit den anderen an einem Tisch. Und auch die Pausen haben sie eher getrennt verbracht. Das war bestimmt nicht durchgängig so, aber Kontakte wurden nicht gefördert. Die Leute hatten alle auch nur befristete Verträge, und man wollte, dass sie auf jeden Fall zurückgehen, es gab gar keine andere Option. Deshalb wollte man nicht, dass es zu enge Bindungen an die deutsche Gesellschaft gab.

    Bei den Arbeiten sind die Elektriker Tim Pham Ho und Khoan Iran Cong aus Vietnam. Beide haben in der DDR gelernt und Arbeiten seit zwei Jahren im Tagebau Jänschwalde (Archivbild)
    Bei den Arbeiten sind die Elektriker Tim Pham Ho und Khoan Iran Cong aus Vietnam. Beide haben in der DDR gelernt und Arbeiten seit zwei Jahren im Tagebau Jänschwalde (Archivbild)

    Aber sie durften schon frei reisen innerhalb der DDR?

    Sie durften innerhalb der DDR frei reisen, ja. Sie haben sich auch teilweise untereinander am Wochenende gerne besucht. Also die Vietnamesen die anderen Vietnamesen in anderen Städten, zumal sie oft noch Verwandte hier hatten oder Freunde. Sie hatten keinen Einfluss darauf, wo sie eingeteilt werden, deshalb waren sie auch oft in verschiedenen Städten oder Regionen untergebracht und haben sich am Wochenende besucht.

    Haben sie Sprachkurse besucht?

    Da gab es große Unterschiede. Am Anfang der 1980er Jahre haben alle eine relativ fundierte Sprachausbildung bekommen, später nahm das ab. Es gab aber zumindest Grundkurse. Nachher sollten sie möglichst schnell in den Betrieben eingesetzt werden und haben dann eigentlich nur noch das Notwendigste gelernt, damit das funktioniert.

    Welche Rolle spielte der ideologische Überbau? Der Glaube an den Sozialismus?

    Es gab politisch-ideologische Bildung. Das hat auch eine Rolle gespielt, das war ja auch im Interesse der Partnerländer. Die vietnamesische Regierung zum Beispiel hat ihre eigenen Leute relativ streng kontrolliert. Ansonsten war das, glaube ich, unterschiedlich. In der öffentlichen Darstellung hat es aber immer eine Rolle gespielt. Der deutschen Bevölkerung wurde ja verkauft, dass sie aus sozialistischen Bruderländern kommen und das ein Akt der Solidarität ist. Dabei war der Grund für die Abkommen ein wirtschaftliches Interesse der DDR und nicht ein solidarisches Interesse den Menschen gegenüber. Aber es hat nach außen in der Öffentlichkeit und Propaganda immer eine Rollte gespielt.

    Wie lief das mit der Bezahlung ab? Konnten die Gastarbeiter etwas beiseitelegen und nach Hause schicken?

    Die Bezahlung war offiziell angelehnt an die DDR-Löhne. Faktisch haben die Leute aber in der Regel schlecht qualifiziertere Arbeitsplätze bekommen, so dass sie immer zu den unteren Lohngruppen gehörten. Viele mussten einen Teil ihrer Löhne an die Heimatländer transferieren. Das war unterschiedlich hoch. Für Vietnam waren es 15 Prozent, bei Arbeiterinnen aus Mosambik waren es bis zu 60 Prozent ihrer Nettolöhne. Da ist dann einfach nicht mehr viel übrig geblieben, weil dieses Geld abgezogen wurde. Auch bei den vietnamesischen Vertragsarbeitern hat der Staat erwartet, dass sie das Land und ihre Familien in Vietnam unterstützen. Sie haben alle gespart von dem, was sie irgendwie noch übrig hatten und versucht, davon Waren zu kaufen, da sie kein Geld transferieren durften beziehungsweise es nicht möglich war, die DDR-Währung  in ausländische Währung zu konvertieren und auszuführen. Deshalb musste das in Waren umgesetzt werden, um die Familien zu unterstützen. Das heißt, sie haben versucht, Fahrräder, Nähmaschinen, Zucker und alles Mögliche, was nützlich ist in Vietnam, hier zu beschaffen und das dann dort hinzuschicken und die Familien zu unterstützen. Für die vietnamesische Regierung  war das ein wichtiger Faktor, die haben tatsächlich damit gerechnet. Das war mit ein Grund, warum sie Interesse hatten, die Leute hierher zu schicken.

    Und dann war plötzlich alles vorbei. Was passierte nach dem Mauerfall mit den Gastarbeitern?

    Die Situation war für sie rechtlich erstmal unklar, weil es ja alles staatliche Verträge waren. Die Stimmung aus „Wir sind das Volk“ ist ja sehr schnell zu „Wir sind ein Volk“ geworden. Es gab eine öffentliche Stimmung, die sich stark gegen die Vertragsarbeiter richtete, bis hin zu Drohungen an Betriebsdirektoren, dass, wenn Deutsche entlassen werden und da noch Ausländer arbeiten, dass dann Blut fließt. Ganz drastische Gewaltdrohungen. Es war eine sehr aggressive Stimmung. Die letzte DDR-Regierung hat dann die Abkommen mit Angola, Vietnam und Mosambik geändert, so dass es nun möglich war, den Vertragsarbeitern zu kündigen. Weil ihre Verträge vorzeitig beendet wurden, wurde ihnen angeboten, dass sie eine Abfindung von 3000 D-Mark bekommen, wenn sie Deutschland verlassen. Dieses Geld wurde in der Regel erst im Transit-Bereich im Flughafen ausgezahlt, so dass man wirklich sicher war, dass die Leute gehen. Das war eine sehr entwürdigende Situation.  

    Mosambikanische Vertragsarbeiter im VEB Fleischkombinat Berlin (Archivbild)
    © Foto : Ibraimo Alberto
    Mosambikanische Vertragsarbeiter im VEB Fleischkombinat Berlin (Archivbild)

    Aufenthaltsrechtlich hätten sie bleiben können, aber sie mussten aus den Wohnheimen ausziehen, die gehörten den Betrieben, sie hatten keine Arbeit mehr und sie hatten eine völlig unsichere Zukunft. Bis dahin war alles geregelt für die Leute, sie sind ja nicht eigenständig hier hergekommen und haben nicht selbst ihre Verträge gemacht, sondern das war alles organisiert. Niemand hatte die Information, wie es für sie weitergeht. Und in der Situation ist der allergrößte Teil gegangen.

    Sind auch welche hier geblieben?

    Ja. Ende 1989 gab es insgesamt 90.000 Vertragsarbeiterinnen in der damaligen DDR. 1997, als es dann nach jahrelangem Kampf eine Bleiberechtsreglung für die Leute gab, profitierten nur noch 15.000 davon.

    Zum Schluss: Wie sind Sie bei der Gestaltung der wirklich fantastischen Webdoku „Eigensinn im Bruderland“ vorgegangen? Wie haben Sie recherchiert und Zeitzeugen gefunden?

    Die Dokumente finden sich verteilt über zahlreiche Archive. Das ist recht mühsam, denn es gibt viele Stellen, die vieles sammeln. Es ist schon sehr viel dokumentiert,  über die Stasiunterlagenbehörde, über das Bundesarchiv, über unterschiedlichste Stellen sucht man sich dann die Geschichten zusammen und findet meistens auch immer nur Fragmente. Man kann aus den Archiven in der Regel nicht die ganze Geschichte von Personen zusammensuchen. Und wir hatten das Problem, dass wir nur mit Menschen sprechen konnten, bis auf einen, die bis heute in Deutschland leben. Wir hatten nicht das Budget, in die Länder zu fliegen, um mit denen zu sprechen, die zurückgeschickt wurden. Es geht ja nicht nur um die Vertragsarbeiter, sondern auch um Studierende und politische Exilanten. Wir wollten möglichst unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten und auch einem unterschiedlichen Status haben, weil doch sehr deutlich wurde, dass die Situation im Arbeiter- und Bauernstaat für die Studierenden deutlich besser war als für die Arbeiterinnen. Das war auch wichtig, dass man das gegenüberstellt und auch gemeinsam erzählt.

    Die Website zum Interview: www.bruderland.de

    Das Interview mit Julia Oelkers zum Nachhören:

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    Themen:
    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (56)
    Tags:
    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, Migranten, Gastarbeiter, Angola, Vietnam, Mosambik, Kuba, Afrika, Ostdeutschland, DDR