Widgets Magazine
01:30 22 September 2019
SNA Radio
    Garnisonkirche Potsdam, Fundamentierungsarbeiten für das Turmportal im August 2018

    Brief an Steinmeier: Problemfall Garnisonkirche – Künstler wollen Bruch mit rechten Traditionen

    CC BY-SA 4.0 / Sol Octobris / Wikimedia Commons (cropped a photo)
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    121574
    Abonnieren

    Künstler und Wissenschaftler fordern in einem Offenen Brief an den Bundespräsidenten ein Umdenken beim Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Das Projekt ziehe keinen Trennstrich zu Kaiserreich und Nationalsozialismus und knüpfe kritiklos an die Geschichte der Kirche als zentralem Identitätsort in NS-Zeit sowie der Zeit der Kolonialkriege an.

    Historische Tatsachen dürften nicht verdreht werden, eine Wiederbelebung von Kirche, Staat und Militär sei zu vermeiden:
    In einem an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) gerichteten Petition fordern über 120 Unterzeichner aus Kunst, Kultur, Architektur und Wissenschaft ein Umdenken beim Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam. Konkret: den Abriss des 1991 in Potsdam errichteten Glockenspiels, keine Nachbildung von Waffen als Schmuckelemente sowie eine Änderung der Trägerschaft.

    Zu den Unterzeichnern gehören die Künstler Thomas Demand, Monika Bonvicini, Hans Haacke, Thomas Heise und Klaus Staeck, Kunstsammler Harald Falckenberg, Historiker Manfred Gailus, Galerist Kasper König sowie die Architekten Peter Kulka, Matthias Sauerbruch und Philipp Oswalt. Der Brief ist auch an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert gerichtet.

    In der Erklärung wird der Abriss des 1991 gestifteten Glockenspiels wegen seiner „revisionistischen, rechtsradikalen und militaristischen Widmungen“ gefordert: So ehre das Glockenspiel den Kyffhäuserbund, den Verband deutscher Soldaten, die Schlesischen Truppen (mit dem Zusatz: „Kein Unglück Ewigk“), den ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey und den in Deutschland problematischen Spruch „suum cuique“ (Jedem das Seine). Noch in den vergangenen Jahren habe die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) Spenden der Traditionsgemeinschaft für andere Bauprojekte entgegen genommen . Zugleich hätten Kirchenvertreter für die den Nationalsozialismus relativierenden Äußerungen von Max Klaar Verständnis gezeigt, heißt es in dem Offenen Brief.

    Der Verzicht auf eine Nachbildung des historischen Waffenschmucks sei das absolute Minimum: Damit solle symbolisch Abstand geschaffen werden zu einem Identifikationsort des preußischen Militarismus, des Rechtsradikalismus der Weimarer Zeit und des Nationalsozialismus. Es dürfe an diesem Ort nicht wieder zu einer Ästhetisierung und Verherrlichung von Kriegsgerät kommen, auch nicht in historisch verbrämter Form.

    In das Kuratorium und den Beirat der Kirchenstiftung sollten auch Vertreter von Menschenrechtsorganisationen aufgenommen werden, denn bislang seien die Gremien Ausdruck einer Allianz von Kirche, Politik und Militär, manifestierten gar das Bemühen, auch institutionelle Traditionen wieder aufzugreifen. Ein historischer „Lernort“ Garnisonkirche bedürfe aber einer Trägerschaft, welche nicht die Einheit von Kirche, Staat und Militär wiederbelebe, heißt es weiter in der Petition.

    Der Turm der Garnisonkirche wird derzeit wieder aufgebaut. Die DDR hatte das Gotteshaus 1968 sprengen lassen. Die Stiftung will im Neubau den Geist der Versöhnung und des Friedens pflegen. Kritiker erinnern auch an den „Tag von Potsdam“, als am 21. März 1933 Reichspräsident Paul von Hindenburg dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler vor der Garnisonkirche die Hand reichte.

    ba/dpa

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Frank-Walter Steinmeier, Petition, Nationalsozialismus, Kirche, Potsdam, Deutschland