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11:56 20 September 2019
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    deutsche Kriegsgefangenen während der Zweiten Weltkrieges in Russland (Archiv)

    Deutsche Kriegsgefangene unter Leichnamen im Altai entdeckt? - Historikerin über ihre Schicksale

    © Sputnik / Alexander Fridljanskij
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    In der Stadt Rubzowsk in Westsibirien ist ein örtlicher Fährtensucher Anfang August auf unbekannte Gräber gestoßen. Er behauptet, ein Massengrab der Stalin-Opfer gefunden zu haben, wobei die Kommunisten auf einem Kriegsgefangenenlager für Deutsche und Japaner beharren. Sputnik sprach mit Historikerin Dr. Natalja Markdorf über mögliche Hintergründe.

    Vor allem müssen die lokalen Behörden klarstellen, wem die Gräber tatsächlich gehören. Der Wille dafür scheint zu fehlen. Nach Ansicht unterschiedlicher Historiker könnten die Gräber entweder den 1918 von den Weißen Garden getöteten Bauern, oder den an der Flecktyphusepidemie schon nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gestorbenen deutschen Kriegsgefangenen gehören. Wie die Pressestelle der Kommunistischen Partei im Altai mitteilt, sei es die prominente Historikerin Dr. Prof. Natalja Markdorf gewesen, die 2008 das Rubzowskser Lager und die Flecktyphusepidemie da geforscht hatte.

    Ihren Ergebnissen zufolge war im Sommer 1945 in Rubzowsk das Gefangenenlager № 511 gebaut worden, das dann 1992 gefangene Deutsche und 5965 Japaner geliefert bekam. Schon im November war dort eine Flecktyphusepidemie ausgebrochen, die vier Monate lang behördlich verheimlicht wurde. Erst im Februar 1946 sollen das medizinische Personal und die Leitung des Lagers Nr. 511 zu der festen Überzeugung gekommen sein, dass Flecktyphus im Lager vorhanden war. Eine Quarantäne kam aber erst Ende März. Sollten die Begrabenen wirklich an Flecktyphus gestorben sein, wäre eine Öffnung von Gräbern gefährlich für die Stadt. 

    Kein Vernichtungsplan für die Gefangenen

    Natalja Markdorf widerlegt im Gespräch mit Sputnik die verlockende Vermutung, die Sowjets hätten angeblich einen beabsichtigten Vernichtungsplan für die Gefangenen. „Unterschiedliche Dokumente verweisen darauf, dass es entweder die von Anfang an angesteckten Japaner waren oder dass die Flecktyphusepidemie schon vor ihrer Ankunft in der Sowjetunion ausgebrochen war“, erzählt Markdorf. „Als die Leute gebracht worden waren, war die Lagerzone noch nicht fertig und man brachte sie unter, wie man eben konnte, anfangs ohne Dusche und Waschküchen“.  Zu jener Zeit war die Krankheit laut der Expertin tatsächlich in den Regionen Altai, Kemerowo und Nowosibirsk unterwegs. Auch das Lager №36 im Altai und das ebenso für Kriegsgefangene bestimmte Lager № 128 waren davon betroffen worden. Es habe zwar eine Methode zur Bekämpfung der Epidemie gegeben, aber in der Nachkriegszeit sei es schwierig gewesen, die Maßnahmen in die Praxis umzusetzen. Markdorf verweist zugleich, dass Japan die Leichname der verstorbenen Landsleute nach Hause geholt habe.

    Die ersten Kriegsgefangenenlager waren in der Sowjetunion ab 1943 gebaut worden, nach der Stalingrad-Schlacht sowie der Schlacht bei Woronesch. Die Region Altai inklusive Rubzowsk mit seinen beiden Werken war keine Ausnahme. Als Rubzowsk 1945 die ersten Gefangenen bekommen habe, seien auf der Staatsebene bereits entsprechende Verordnungen für deren Rückführung in Kraft getreten, und die ersten Züge mit den Kranken und Arbeitsunfähigen seien abgefahren. „Gute Arbeiter wollte man allerdings beibehalten.“ Die Massenrückführungen sollen dabei erst 1948-49 entfallen sein.

    „Im Jahre 1949 waren es tatsächlich nur noch die Sicherheitslager für die verurteilten und die beklagten Kriegsverbrecher, wie die Lager № 476 bei Jekaterinburg, № 464 in der Region Kemerowo oder № 27 in Krasnogorsk bei Moskau, die bis zur Mitte der 50er Jahre funktionierten. Manche Verurteilten nach dem Strafrecht der UdSSR kamen in die Gulag-Lager.“ 

    Als Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 zum Staatschef Nikita Chruschtschow in die Sowjetunion gekommen sei, erzählt die Historikerin weiter,  habe er die letzten Rückführungen sicherstellen wollen. Chruschtschow entgegnete darauf, „man habe keine Kriegsgefangenen übrig, sondern nur Kriegsverbrecher“. Jedoch soll die Sowjetunion auch diese bis 1956 an Deutschland zurückgeführt haben. „Keiner durfte bleiben.“ Markdorf bekräftigt damit die Behauptung, dass alle verurteilten Deutschen in ihre Heimat gezogen seien.

    „In West- und Ostdeutschland war der Empfang unterschiedlich, bis auf die Entschädigung für die jahrelange Gefangenschaft unter Adenauer und die spätere Untersuchung durch die Stasi im Osten.“

    Auch die Internierten gingen

    Neben den Lagern für die Kriegsgefangenen gab es in der Sowjetunion bis 1955 auch Lager für die Internierten aus den Reihen der Reichs- und Volksdeutschen, die die Rote Armee bei ihrem Vormarsch in Richtung Berlin geliefert hatte. Es war auch Joseph Stalin, der sich bei der Konferenz in Jalta im Februar 1945 für die sogenannten Reparationen durch Arbeit eingesetzt hatte. „Männer und Frauen zwischen 16 und 60 bzw. 55 Jahren mit Mitgliedschaft an den NS-Organisationen wie etwa Hitler-Jugend gehörten dazu.“

    In den von der Sowjetunion kontrollierten Territorien soll es zehn solche Internierungslager gegeben haben; die Kriegsverbrecher wären sofort in die Werke und Bergwerke geschickt worden, sobald die sowjetischen Frauen sie 1945 hätten verlassen können. „Polen, Rumänen und Tschechoslowaken unter den Internierten landeten am meisten in der Ukraine und in der Region Kemerowo, in den Bergwerken oder den Bautrusts.“ Insgesamt sollen unterschiedlichen Forschern zufolge zwischen 300.000 und 500.000 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten interniert worden sein. Eine weitere Kategorie neben den Internierten bildeten laut der Expertin die Anhänger der Wlassow-Armee und des Kosakenatamans Timofej Domanow, der am 2. Juni 1945 von den Engländern ausgeliefert wurde. 

    Wer waren dann die sogenannten deutschen Ansiedler in Sibirien? „In der Tat waren die Russlanddeutschen seit 1941 nach Sibirien umgesiedelt worden, damit sie nicht mit den Nazis kollaborieren. Die Zurückzuführenden durften nicht bleiben - nicht einmal aus privaten Gründen“, sagt die Expertin abschließend. Die Ehen mit den Deutschen waren in der Sowjetunion allerdings bis 1959 verboten. Es seien jedoch Fälle bekannt, in denen Kriegsgefangene in der UdSSR doch verblieben seien. Einige von ihnen sollen  sowjetischen Frauen später geheiratet haben und in ihre Heimat zurückgekehrt sein, als der Eiserne Vorhang entfernt worden war.

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    Tags:
    Hitler, Sowjetunion, Sibirien, Kriegsgefangene