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07:09 12 November 2019
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    Menschen beim Teil der Berliner Mauer (Archiv)

    Schockwellen in Ostdeutschland – Experte über soziale Lage und politische Stimmung

    © AFP 2019 / JOHN MACDOUGALL
    Gesellschaft
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    Wenn Westdeutsche meinen, die Ostdeutschen seien unzufrieden und wählen falsch, dann verstehen sie nichts von den Problemen im Osten. Darauf macht der renommierte Soziologe und Ostdeutschland-Experte Wolfgang Engler aufmerksam. In einem Zeitschriftenbeitrag hat er aufgezeigt, warum die „Ossis“ anders ticken als von ihnen erwartet wird.

    „Die Schockwellen des großen Bebens der frühen Umbruchjahre pflanzen sich bis in unsere Tage fort und zwingen zur Bestandsaufnahme: ökonomischer Kahlschlag, Abwanderung, infrastrukturelle Verödung, Überalterung, Vermännlichung der ‚Restbevölkerung‘.“ So beschreibt der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler Lage und Stimmung auf dem Gebiet der untergegangenen DDR in einem aktuellen Zeitschriftenbeitrag. „Bleiben oder gehen, die Gretchenfrage in der DDR, stellt sich für jeden nachwachsenden Jahrgang erneut.“

    Engler hat sich mit dem Verhältnis der Ostdeutschen zur Demokratie 30 Jahre  nach dem Ende der DDR beschäftigt. Der renommierte Soziologe veröffentlichte mehrere Bücher zu Ostdeutschland. Jüngst erschien sein Buch „Die Ostdeutschen – Kunde von einem verlorenen Land“ von 1999 in einer erweiterten Neuausgabe.

    Seine zuvor online erschienene Analyse wurde im August-Heft der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ abgedruckt. Darin geht er unter anderem der Frage nach, ob das untergegangene Land mitverantwortlich ist für die hohe Zustimmungsrate im Osten für rechte Kräfte wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD). Ebenso antwortet er auf westdeutsche Vorwürfe, die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern seien „noch immer nicht im wiedervereinigten Deutschland angekommen“ und undankbar.

    Fremder Reichtum

    „Man muss diese Vermutungen nicht teilen, um das fortbestehende, teils sogar sich verfestigende West-Ost-Gefälle in den Ansichten, Gewohnheiten, den politischen Haltungen zumindest sonderbar zu finden“, meint Engler dazu. Zugleich widerspricht er vor allem westdeutschen Behauptungen, wie gut doch alles inzwischen in Ostdeutschland sei: „Zahlreiche ökonomische Daten vermitteln ein weniger optimistisches Bild des Aufholprozesses, legen nahe, dass dieser sich in jüngerer Zeit verlangsamt hat bzw. auf der Stelle tritt.“

    Bei den materiellen Lebensbedingungen und in der Infrastruktur auf dem einstigen DDR-Gebiet habe sich vieles verbessert seit 1989. Aber, so der Soziologe: „Nur fragt sich in diesem Fall, in wessen Hand sich all das befindet, wer effektiv darüber verfügt. Oft genug schauen die Ostdeutschen, wenn sie durch heimische Gefilde streifen, fremden Reichtum an, und das trübt die Freude über das vor dem Verfall Gerettete bzw. das neu Geschaffene. Am Eigentumsvorsprung der Westdeutschen werden die Ostler absehbar nicht rütteln können.“

    Engler stimmt der Migrationsforscherin Naika Foroutan zu, die im April in einem Zeitungsinterview feststellte, dass der anhaltende Unterschied in den Lebensbedingungen zwischen West und Ost für Unzufriedenheit sorge. „Je stärker man im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft aufholt, umso größer wird zu Recht die Unzufriedenheit darüber, was noch nicht aufgeholt ist“, so Foroutan. „Das nennt man Emanzipation.“

    Prägende Erfahrungen

    Die Ostdeutschen würden verhältnismäßig stärker als die Westdeutschen „in neurechtem Fahrwasser“ segeln, schreibt Engler, „nicht wenige tummeln sich im rechtsradikalen Sumpf“. Das lässt sich für ihn aber nicht mit den Nachwirkungen von 40 Jahren DDR erklären. Westdeutsche Sichten, die „stur auf die DDR als einzigem Grund des Übels“ schauen, seien ignorant. Es stelle sich inzwischen die Frage nach der „Überzeugungskraft der neudeutschen Gesellschaft für die Ostdeutschen“.

    Deren Durchschnittsalter liege inzwischen unter 50 Jahren: „Die meisten absolvierten den Großteil ihres Lebens unter den gewandelten Verhältnissen, jene insbesondere, die ihre rechte, rechtsradikale Gesinnung auf die Straße tragen.“ Es handele sich um einen „dreifachen Fehler“, wenn die Ursache für die in Ostdeutschland bei vielen zu findende Demokratiefeindlichkeit weiter in der DDR gesucht werde. Eine solche Sicht ignoriere die DDR-Erfahrungen der Ostdeutschen und sehe deren Leben bis 1989 nur „eindimensional als Handicap, Ballast, den es nun endlich abzuwerfen gilt“.

    Zudem würden damit „die Fehlentwicklungen, Ungerechtigkeiten, Kränkungen, die mit dem Umbruch einhergingen, zahllose Menschen aus der Bahn warfen, zeitweise oder auf Dauer zu Bürgern zweiter Klasse stempelten“, gerechtfertigt. „Die notorische Ausblendung der Nachwendegeschichte bei der Ergründung der Ursachen für die ‚Rechtslastigkeit‘ der Ostdeutschen ist interessengeleitet, ist ordinäre Ideologie“, so der Soziologe.

    Wirtschaftlicher Kahlschlag

    Er stellt klar: „Den hauptsächlichen Schlüssel zur Erklärung der unbestreitbaren Misere liefern die 1990er Jahre, insbesondere deren erste Hälfte.“ Das habe der Ostbeauftragte der SPD, Martin Dulig, bestätigt, als er Ende September 2018 im Bundestag erklärte: „Es wird Zeit, über die Form und Fehler des Systemwandels zu sprechen, der damals unter marktradikalen Vorzeichen ablief.“ Die Ostdeutschen würden sich bis heute vor allem an „den geschichtlich beispiellosen wirtschaftlichen Kahlschlag im gesamten Beitrittsgebiet“ in den frühen 1990er Jahren erinnern, schreibt Engler.

    „Von den 150 Großbetrieben der DDR mit mehr als 5000 Beschäftigten verschwanden alsbald 145 von der Bildfläche, desgleichen die an diese Unternehmen gebundenen sozialen, medizinischen und kulturellen Einrichtungen. In weiten Landstrichen verödete das Leben, kam das gesellschaftliche Miteinander beinahe schlagartig zum Erliegen. Die Stützpunkte des geselligen Verkehrs schlossen ihre Türen, Bahnen fuhren nun oftmals vorbei, Busse kamen nur mehr selten, das Gefühl, abgehängt, Provinz zu sein, griff um sich. Wer noch etwas vorhatte mit seinem Leben, suchte das Weite, und genau das taten Millionen von Ostdeutschen in den frühen 1990ern.“

    Die einstigen DDR-Bürger und ihre Nachkommen hätten in der Folge eine neue Ohnmacht erlebt, samt der neuen sozialen Unsicherheit. Der angeschlossene Osten der Bundesrepublik sei „zum Experimentierfeld einer raueren, hart auf das Leben der Einzelnen zupackenden Gangart des Kapitalismus“ gemacht worden. Diese Entwicklung sei aber ebenso in Frankreich, Großbritannien und den USA zu finden gewesen – mit der heute auch dort beklagten Folge einer hohen Zustimmung für rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte.

    Vermeidbares Unglück

    Für den Soziologen steht fest: „Die schnell um sich greifende sozialökonomische Demobilisierung der Ostdeutschen war ein Unglück, das sich nicht hätte ereignen dürfen und dessen nun allseits sichtbare Ausläufer das ganze Land betreffen.“ Weiterhin wandern junge und gut gebildete Ostdeutsche ab und verlassen ihre perspektivlose Heimat. Für Engler gehört zu den Folgen, dass die Zurückgebliebenen die politische Landschaft „blau färben“.

    Das bestätigt mit Blick auf die AfD und deren Wähler eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): „Sie erzielt vor allem in solchen Kreisen hohe Stimmanteile, in denen viele Menschen abgewandert sind, mehr Menschen ihren Arbeitsplatz von Automatisierung bedroht sehen, die Bevölkerung überdurchschnittlich alt ist und in denen die wirtschaftliche Lage zu wünschen übrig lässt.“

    Für Ostdeutschland meint Engler, es gebe „Dutzende von Gründen, warum professionelle Frustverstärker hier solchen Zulauf finden“. Aber ebenso gelte: „Kein einziger legitimiert den Beitritt ins Lager der Neuen Rechten. Es gibt keinen Notstand, auch keinen sozialen, auf den man sich bei dieser Option berufen könnte.“

    Demokratische Erfahrung

    Die einstigen DDR-Bürger hatten bereits gezeigt, dass sie nicht per se „demokratiefeindlich“ sind, wie ihnen heute unterstellt wird. Auch daran erinnert Engler in seinem Text: „Mit gelernten Duckmäusern hätte es den 89er Herbst niemals gegeben, so viel steht fest. Gerade weil der ostdeutsche Staat seinen Bürgern demokratische Grundrechte in der Praxis vorenthielt, war das Begehren nach politischer und bürgerlicher Selbstbestimmung so verbreitet wie lebendig.“

    Allerdings bleibt fraglich, wie verbreitet der Wunsch nach mehr Demokratie tatsächlich war. Das zeigt der ostdeutsche Soziologe Detlef Pollack in einem kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichten Beitrag. Er wolle den „Mut, die Ausdauer, die Entbehrungen der wenigen Oppositionellen, die es in der DDR gab“, nicht herabsetzen. Aber nicht sie hätten die politischen Veränderungen im Herbst 1989 und den Weg in die Einheit in Gang gesetzt. Das hätten die ganz normalen Bewohner des Landes bewirkt.

    Tiefe Enttäuschung

    Pollack meint: „Die Verachtung der Bevölkerung der DDR war stets ein Problem, das die Arbeit der Opposition erschwert hat und die ihr nahestehende Forschung bis heute zu einseitigen und moralisch aufgeladenen Urteilen führt.“ Zugleich hätte sich die breite Bevölkerung bis zum September 1989 nicht für die Aufrufe der verschiedenen Gruppen interessiert.

    Am Ende seien aber die „Normalos“ im Herbst vor 30 Jahren in immer größerer Zahl auf die Straße gegangen. Bei den zunehmenden Demonstrationen seien die Bürgerbewegten nicht ansatzweise in der Mehrheit gewesen, während sie diese sogar kritisch sahen. Die normalen DDR-Bürger hätten dagegen „mit ihrer Sehnsucht nach Konsum und Freiheit und ihrem Ruf ‚Wir sind ein Volk‘ für den Durchbruch“ gesorgt. Die Enttäuschung über die nicht vollständig erfüllte Sehnsucht bringt unterdessen bis heute die von Engler beschriebenen „Schockwellen“ hervor.

    Engler (Jahrgang 1952) ist Soziologe und war von 2005 bis 2017 Rektor der Schauspielhochschule „Ernst Busch“ in Berlin sowie langjähriger Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. Weitere Bücher von ihm sind „Die Ostdeutschen als Avantgarde“, „Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft“ und, zusammen mit Jana Hensel, „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“.

    Lesetipp:

    Wolfgang Engler: „Die Ostdeutschen – Kunde von einem verlorenen Land

    Aufbau Taschenbuchverlag, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe 2019. 352 Seiten. ISBN 978-3-7466-3589-7. 12 Euro

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    Tags:
    Ossi, Unzufriedenheit, Stimmung, AfD, DDR, Deutschland, Ostdeutschland