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    Schloss Cecilienhof (Archivbild)

    Keine Geschenke den Hohenzollern – Volksinitiative der Brandenburger Linke

    CC BY-SA 3.0 / ernstol / Wikimedia Commons
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    Vor der Landtagswahl am 1. September startete eine Unterschriftenaktion gegen die Rückerstattungsansprüche der Nachfahren des letzten deutschen Kaisers.

    Der Linken-Landtagskandidat Gregor Weiß erläuterte im Sputnik-Gespräch Einzelheiten: „Nach bald hundert Jahren seit dem Ersten Weltkrieg kommen Nachfahren und sagen, man müsse doch ihnen noch mehr, als sie schon besitzen, wieder zurückgeben.“ Die Linken seien einer anderen Auffassung, so Weiß, wenn es um die Rückgabe von Kultureigentümern gehe, „die der gesamten Bevölkerung zugutegehalten werden sollen. Dann müssen wir uns dagegen zur Wehr setzen.“

    Wie die Landesregierung nach der Wahl auch aussehen möge, sei es immer sinnvoll, vorzubauen, meint der Kandidat.

    „Durch so eine Volksinitiative wird die neue Landesregierung dazu gebracht, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Und daher sammeln wir gerade 20.000 Unterschriften. Weiß zeigte sich optimistisch, dass man sie relativ zügig noch vor der Bundestagswahl zusammenkriegt, „weil der Großteil der Bevölkerung völlig fassungslos dem gegenübersteht, wie man so etwas überhaupt fordern kann“.

    Die Linken-Landesgeschäftsführerin in Brandenburg, Anja Mayer, sagte im Telefongespräch, dass man viele Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern erhalten hat, die fordern, dass diese Kunstgegenstände und Schlösser allgemein zugänglich sein müssen. „Und wir starteten diese Volksinitiative. Alle Bürgerinnen und Bürger Brandenburgs ab 16 Jahren können sie unterschreiben. So können sie auch über die Legislaturperiode hinaus Einfluss nehmen. Man muss nicht unbedingt deutscher Staatsbürger sein, aber den Wohnsitz in Brandenburg haben.“

    Unter www.keine-Hohenzollern-Geschenke.de könne man, so Mayer, die Unterschriftenlisten sich im Netz runterladen und losgehen, um in der Nachbarschaft zu sammeln. „Das ist ein Unding, dass diese Forderungen gestellt werden, nachdem das Land Brandenburg so viel Geld investiert hat, um das alles zu erhalten, zum Beispiel Schloss Cecilienhof, in dem gerade eine neue Ausstellung zum Potsdamer Abkommen für das nächste Jahr am Laufen ist.“

    Diese 20.000 Unterschriften brauche man innerhalb eines Jahres sammeln, betonte die Linken-Politikerin.

    „Das Problem ist aber, dass wahrscheinlich schon im Herbst die nächsten Verhandlungsrunden mit den Hohenzollern anstehen. Und unser Ziel ist es, möglichst viele Unterschriften zu sammeln, damit wir auch sagen können, das ist nicht nur eine einzelne Meinung des Finanzministers Christian Görke, sondern viele Brandenburgerinnen und Brandenburger sehen das so. In den ersten 24 Stunden haben wir schon über Tausend Unterschriften gesammelt.“

    Schon seit einiger Zeit thematisieren die Linken, wem gehört das Land und öffentliches Eigentum. So sei es gelungen, sagt die Politikerin, die Brandenburger Seen zurück an die Kommunen zu geben. Für sie sei es auch wichtig, „dass junge Menschen in so ein Museum wie Schloss Cecilienhof mit der historischen Bedeutung vom Potsdamer Abkommen hingehen und einen Eindruck davon bekommen können, was denn dort historisch passiert ist, und nicht, dass die Hohenzollern in Hausschuhen durch die Gegend laufen und sich an der Vergangenheit freuen.“

    Die Ansprüche der Hohenzollern auf Immobilien und Sachwerte seien überhaupt nicht gerechtfertigt, ist sich Jürgen Angelow, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, sicher. „Es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen, die dagegen sprechen. Die ehemaligen Immobilien und Sachwerte der Hohenzollern sind, abgesehen von persönlichen Gebrauchsgegenständen, eigentlich Staatseigentum. Es wurde aus dem Staatssäckel finanziert, so das Neue Palais nach dem Siebenjährigen Krieg aus dem übriggebliebenen Schatz, der Kriegskasse, d.h. öffentlich finanziert. Man kann also nicht im Nachhinein irgendwelche Ansprüche auf Schlösser oder Immobilien erheben.“

    Die Hohenzollern hätten in der deutschen Geschichte schon eine besondere Rolle, fährt der Historiker fort.

    „Wenn man sie mit anderen Fürsten- bzw. Königshäusern in Deutschland vergleicht, waren sie maßgeblich an der nationalen Einigung Deutschlands im 19. Jahrhundert, der Revolution von oben und Gründung des Deutschen Reiches beteiligt. Sie haben auch beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges natürlich Mitverantwortung gehabt.“

    Wichtig sei aber, so Prof. Angelow, „und das ist für uns der entscheidende Punkt, dass einige der Hohenzollern, Prinz August Wilhelm, aber auch Kronprinz Wilhelm, in die nationalsozialistische Diktatur involviert sind. Sie sind zum Teil helfend in Erscheinung getreten, beispielsweise der Kronprinz, der in seinem Wahlaufruf vom April 1932 empfohlen hat, die Nazipartei zu wählen, oder auch Prinz August Wilhelm, der als SA-Gruppenführer einen hohen Rang hatte und der sogar als ein NSDAP-Kandidat im Potsdamer Reichstagswahlkreis aufgetreten ist. Diese schwere Belastung zeigt das gewisse Eingewobensein der Hohenzollern ins NS-System. Und das macht ihre Ansprüche obsolet.“

    Der Historiker konnte nicht genau sagen, warum diese Ansprüche gerade jetzt erhoben wurden, vermutete aber, dass „nachdem die Auseinandersetzung Thüringens und Sachsens mit den dort regierenden Häusern relativ günstig für die Fürsten ausgegangen ist, man sich geeinigt, bestimmte Dinge wieder zurückgegeben und über Nutzungsrechte gesprochen hat. Dann hat man im Hause Hohenzollern wahrscheinlich verstanden, jetzt probieren wir es auch mal. Diese Verhandlungen laufen schon eine ganze Weile, und nun hat man das an die Öffentlichkeit gezogen. Das war nicht geplant.“

    Abschließend sagte Prof. Angelow: „Diese Immobilien sind im Bundes- bzw. Landesbesitz. Sie sind öffentlich genutzt, Schlösser werden von vielen Besuchern in Anspruch genommen. Das ist Teil des öffentlichen Eigentums und kein Privatbesitz. Soll auch kein Privatbesitz werden.“

    Die Reportage zum Nachhören:

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    Tags:
    Hohenzollern, Die LINKE-Partei, Linke, Brandenburg, NSDAP, Erster Weltkrieg, Kaiser Wilhelm II, Monarchie, Erbe, Deutschland, Potsdam