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    Militärparade der deutschen Truppen in Warschau am 5. Oktober 1939 in Anwesenheit von Adolf Hitler

    Wäre Nazi-Deutschland schon 1939 bezwungen worden? – Historiker Uhl zu Hitler-Stalin-Pakt heute

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    Die Sowjetunion hatte 1939 laut dem Historiker Dr. Matthias Uhl nicht die Option gehabt, sich in den Krieg einzumischen und die Wehrmacht mit geringen Verlusten schon in wenigen Monaten zu bezwingen. Damit kontert er die jüngsten Spekulationen über einen vermeintlich strategischen Fehler Stalins durch den Nichtangriffspakt.

    Schreiben die Medien über den Nichtangriffspakt von 1939, in Russland als Molotow-Ribbentrop-Pakt, in Deutschland dagegen als Hitler-Stalin-Pakt bekannt, so bedienen sie sich normalerweise der üblichen Schablonen. „Die beiden Diktatoren einigten sich 1939 auf einen Nichtangriffspakt und teilten Osteuropa unter sich auf“, schreibt unter anderem die Deutsche Welle anlässlich des 80. Jahrestages des Paktes am Freitag. Doch Hitler und Stalin waren trotz des Eindrucks keine Verbündeten. Viele renommierte Historiker bestehen darauf, dass eine kurzfristige Annäherung der Sowjetunion an das Nazi-Deutschland damals unausweichlich gewesen sei. 

    „Natürlich hat Hitler Stalin ein unmoralisches Angebot gemacht“, sagt seinerseits der Forscher am Deutschen Historischen Institut in Moskau, Dr. Matthias Uhl, gegenüber Sputnik. Stalin als Realpolitiker konnte da laut Uhl aus verschiedenen Gründen nicht nein sagen. Es habe ihm auf der Hand gelegen, lieber den Nichtangriffspakt mit Deutschland zu unterzeichnen als auf die weiteren Verhandlungen mit den Franzosen und Engländern zu warten, die sich „ziemlich geziert haben, ein Bündnis mit Stalin einzugehen“. Außerdem sei es für Stalin von Vorteil gewesen, sich das bis in die 30er als Hauptfeind geltende Polen quasi vom Hals zu schaffen. Dass die polnische Gefahr durchaus real war, zeigt ein Bericht der Zweiten Nachrichtendienstabteilung des Hauptquartiers der polnischen aus dem Jahre 1938: „Eine Zerlegung Russlands liegt der polnischen Politik im Osten zugrunde ... Das Hauptziel ist es, Russland zu schwächen und zu besiegen“, hieß es. „Stalin hat also die positiven gegen die negativen Seiten abgewogen und sich für den Pakt entschieden, weil er ihm politisch mehr Gewinne versprochen hatte als andere Optionen“, sagt Uhl. 

    Wem hat der Pakt mehr genützt?

    „Allerdings der deutschen Seite, denn Hitler konnte damit seine Eroberungspolitik rasch umsetzen“, erwidert der Historiker weiter auf die Frage. Weder über den Angriff auf Polen noch über den bevorstehenden Krieg mit Deutschland soll sich aber die sowjetische Führung Illusionen gemacht haben. Stalin habe also versucht, wenigstens entsprechend Zeit zu gewinnen. 

    Zu den neuerlichen Diskussionen in den Historikerkreisen gehört die Vermutung, dass die angeblich 1939 schwächere Wehrmacht leichter und schneller besiegt worden wäre, hätte sich die Sowjetunion schon 1939 in den Krieg eingemischt. So behauptet unter anderem der russische Historiker Konstantin Gaiworonski, dass die Militärindustrie bei einem Zwei-Fronten-Krieg schon in einem Halbjahr „ausgehungert“ gewesen wäre. Ob die Rote Armee sich diesen Krieg hätte leisten können? „Durch die Säuberungen war sie 1939 noch sehr geschwächt“, kontert Uhl. „Wie sie 1939 auch gegen Finnland kämpfte, zeigt sie damals wohl größere Probleme hatte als 1941.“

    War die deutsche Armee 1939 auch schwächer als 1941?

    „Das Problem, dass es Deutschland an sogenannter Tiefrüstung gemangelt hat, bestand noch 1941, deshalb wählte Hitler auch diese Blitzkrieg-Strategie gegen die Sowjetunion“, meint Uhl. Es wäre aus seiner Sicht also falsch zu behaupten, dass die Wehrmacht und die deutsche Rüstung 1941 ihren Höhepunkt erreicht hätten. 

    Solche Pakte waren dem Historiker zufolge eine übliche Praxis in den 1930er Jahren, darunter zwischen Deutschland und Polen oder im Falle des Münchner Abkommens 1938, infolgedessen Hitler die Tschechoslowakei bekam. Ob auch das Geheimprotokoll über die Aufteilung Polens aus der damaligen Perspektive irgendwie „normal“ war? „Auf dem Papier vielleicht, aber was letztendlich übrig bleibt, ist der Eindruck, dass Deutschland und Russland zum vierten Mal Polen aufgeteilt haben“, meint Uhl. „Auch Wladimir Putin hat 2009 anerkannt, dass das Geheimprotokoll moralisch belastet ist.“ Dass man sich auch lange geweigert habe, die Existenz dieses Dokuments anzuerkennen, vergifte bis heute die russisch-polnischen Beziehungen. Bei einem ist Uhl aber eindeutig: die Schuld am Kriegsbeginn liege allein auf Deutschland. Die Polen würden diese Tatsache aber bewusst ausblenden und in ihrem Kampf gegen die angebliche russische Aggression instrumentalisieren.  

    „Polnische Politiker haben den Pakt zum Hauptthema der russisch-polnischen Beziehungen gemacht“

    „Die polnischen Medien konzentrieren sich in erster Linie auf die Unterzeichnung des Pakts und versuchen auf verschiedene Weise, ihre Zuhörer davon zu überzeugen, dass Russland heute versucht, den Molotow-Ribbentrop-Pakt zu rehabilitieren, nämlich das geheime Protokoll zu diesem Pakt“, behauptet seinerseits der polnische Historiker Bohdan Piętka in einem Gespräch mit Sputnik Polska. Das soll aber in erster Linie die Politiker betreffen. 

    Zur Eröffnung der Ausstellung „1939. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs“ sagte kürzlich der Leiter der Russischen Historischen Gesellschaft, Sergej Naryschkin, dass die Westmächte, also vor allem Frankreich und Großbritannien, mit ihrer Politik der Beschwichtigung des Nazi-Deutschlands eben zur Auslösung des Krieges durch Hitler beigetragen hätten. Sofort reagierte der Vorsitzende der PiS-Fraktion im Danziger Stadtrat, Kacper Płażyński, und machte die Sowjetunion für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich. Er fügte hinzu, dass eine solche Rhetorik in Polen angeblich von der Partei „Platforma Obywatelska“ (Bürgerplattform) unterstützt werde. Er beschuldigte die Plattform der Tatsache, dass ihre Politiker es  akzeptieren würden, dass die Sowjetunion Polen in den Jahren 1944-1945 befreit habe, was laut Płażyński in Wirklichkeit nicht der Fall gewesen war.

    „All dies zeigt, wie sensibel das Thema in den polnisch-russischen Beziehungen in der Geschichte ist, und dass polnische Politiker es wohl zum Hauptthema der russisch-polnischen Beziehungen gemacht haben“, sagt Piętka.  „Diese Vereinbarung war aber kein Faktor, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs vorbestimmte. Der Beginn des Krieges war bereits 1938 festgelegt worden, und hier hat Sergej Naryschkin zu Recht gesagt, dass die von Großbritannien und Frankreich betriebene Politik Hitlers Ambitionen bewilligte. Die Sowjetunion habe da versucht, Widerstand zu leisten.“ Deshalb war 1938 und nicht 1939 der Schlüssel zum Ausbruch des Krieges durch das nationalsozialistische Deutschland. „Damals, im Jahr 1938, wurde die Versailler Weltordnung endgültig zerstört “, sagt der Experte abschließend unter Verweis auf das Münchner Abkommen unter Beteiligung Italiens, Frankreichs und Großbritanniens.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Sowjetunion, Drittes Reich, Polen, Josef Stalin, Adolf Hitler