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04:33 23 September 2019
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    Flucht der Farmer nach Westdeutschland während der Zwangsumsiedlung in den Grenzgebieten 1952

    Buch erinnert: Wie die DDR Menschen zu „Ungeziefer“ erklärte und zwangsumsiedelte – Interview

    © AFP 2019 / INTERCONTINENTALE
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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (56)
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    Die DDR hat rigoros ihr Grenzgebiet zur BRD gesichert. Dafür hat sie auch massenweise Menschen zwangsumgesiedelt. Ein neuer Roman erinnert an das Schicksal vieler Familien, die ihre Heimat verlassen mussten. Sputnik hat mit der Autorin Kati Naumann über ihr Buch „Was uns erinnern lässt“ gesprochen.

    Die Verwaltungsgrenze zwischen den Besatzungszonen Nachkriegsdeutschlands wurde seitens der DDR über die „Demarkationslinie“ zu einer richtigen „Staatsgrenze“ ausgebaut. Diese trennte im Grenzgebiet liegende Gehöfte, Dörfer, Städte, gar Familien. Plötzlich störten im Sperrgebiet lebende Menschen. Staatswillkür unterworfen und schikaniert, wurden viele gar der Heimat beraubt.

    Um sie aus dem auf der Seite der DDR etwa fünf Kilometer breiten Streifen zu vertreiben, wurden viele als „politisch unzuverlässig“ stigmatisiert und zwangsumgesiedelt. Etwa bei der mit dem Tarnnamen „Aktion Ungeziefer“ versehenen Zwangsumsiedlungsoperation zwischen Mai und Juni 1952. Die DDR-Praxis, unliebsamen Personen so beizukommen, dauerte noch bis in die 1980er Jahre an: Bis zu 50.000 Personen sollen schätzungsweise betroffen gewesen sein, erzählt Autorin Kati Naumann im Gespräch mit Sputnik.

    Kati Naumann
    © Foto : Clementine Künzel
    Kati Naumann

    Naumann hat zum Thema in der Region des Thüringer Rennsteigs recherchiert „Es war wie eine Schatzsuche“, sagt sie. In Archiven hat sie neben Polizeiverordnungen auch Briefe des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Borkenkäferbekämpfung in Thüringen 1948 oder Berichte an das Ministerium für Staatssicherheit über die Aktionen zu Zwangsaussiedlungen gefunden. Basierend auf den Ergebnissen, Gesprächen mit Zeitzeugen sowie eigenen Erinnerungen hat sie den Roman „Was uns erinnern lässt“ geschrieben, der im historischen Teil die Spanne von 1945 bis 1977 umfasst sowie mit einer Spurensuche im Heute verknüpft ist.

    1977: Das Zuhause der vierzehnjährigen Christine Dressel ist das ehemals mondäne Hotel Waldeshöh im Thüringer Wald. Seit der Teilung Deutschlands liegt es hinter Stacheldraht in der Sperrzone direkt an der Grenze. Ohne Passierschein darf niemand das Waldstück betreten, irgendwann fahren weder Postautos noch Krankenwagen mehr dorthin. Fast scheint es, als habe die DDR das Hotel und seine Bewohner vergessen. 2017: Milla findet abseits der Wanderwege im Thüringer Wald einen überwucherten Keller und stößt dort auf einen Schulaufsatz aus den 1970er Jahren, geschrieben von einem Mädchen namens Christine über die Geschichte des Hotels Waldeshöh. Dieser besondere Ort lässt Milla nicht los, sie spürt Christine auf, um mehr zu erfahren.

    Frau Naumann, haben Sie persönlich einen Bezug zu Thüringen und der Gegend des Rennsteigs und gab es ein historisches Vorbild für die Protagonisten?

    Der Thüringer Wald und das Sperrgebiet der DDR sind Teil meiner Biografie. Ich bin 1963 in Leipzig geboren, habe aber einen Teil meiner Kindheit bei meinen Großeltern in Sonneberg im Thüringer Wald verbracht. Sonneberg war damals Teil des Sperrgebiets der DDR. Das konnte man nicht einfach so betreten. Man musste Passierscheine dafür beantragen, sich bei der Volkspolizei melden.

    Aus dem Familienalbum: Naumann als Kind im Grenzgebiet Thüringen
    © Foto : Privat
    Aus dem Familienalbum: Naumann als Kind im Grenzgebiet Thüringen

    Familie Dressel steht für alle Familien, die im Sperrgebiet gelebt haben. Christine und Milla habe ich ausgewählt, weil ich zwei Zeitebenen haben wollte. Milla ist die Vertreterin der modernen Zeit, Mitte dreißig, alleinerziehend, hat einen pubertierenden Sohn und fühlt sich einsam. Sie inszeniert sich in sozialen Medien, sucht nach „lost places“, verlassenen Orten. Bei einer solchen Suche stößt sie auf den Schulaufsatz von Christine, die sich darin wünscht, in ihrer Heimat bleiben zu können. Milla ist klar, dass diese Wünsche nicht in Erfüllung gegangen sind, da es das Hotel nicht mehr gibt.

    Sie macht sich auf die Suche nach Christine. In dem Moment, wo die beiden Frauen sich begegnen, öffnet sich die zweite Zeitebene in die Vergangenheit: eine Zeit, in der das Hotel, in dem die Dressels lebten, noch steht. Wir erfahren, wie das Leben in diesem Grenzstreifen zu DDR-Zeiten gewesen ist. Christine ist mein Jahrgang. Und ich konnte dadurch alles, was ich an Erinnerungen zur Kindheit und Jugend in der DDR hatte, verarbeiten.

    Was ist Menschen wie Christine Dressel widerfahren?

    Christine ist in einer Zeit geboren, in der die Mauer schon stand und in der die Grenzsicherung jedes Jahr stärker ausgebaut wurde. Die Menschen dort lebten in Gebieten, die von zwei Zäunen abgetrennt waren vom Rest der Republik. Sie lebten unter Flutlichtanlagen, neben Anlagen für Hunde, die nächtelang bellten. Zudem wurde von staatlicher Seite versucht, das Leben in diesen „Schutzstreifen“ möglichst schwer zu machen, damit sie wegziehen. Diejenigen, die nicht von selbst gingen, wurden als politisch unzuverlässig eingestuft, wurden zwangsumgesiedelt.

    Es gab zwei große Aktionen von Zwangsumsiedelungen: 1952 und 1961. Menschen wurden früh am Morgen aus den Betten geholt, Lkw fuhren vor, in die die Menschen „reingeladen“ und weit weg von ihrer Heimat, in eine andere Ecke der Republik, gebracht wurden. Meist ist ihnen auch die Eingliederung, also die neue Verwurzelung am neuen Wohnort, schwergemacht worden. Denn sie wurden als „Verbrecher aus dem Grenzland“ stigmatisiert.

    Die Zwangsumgesiedelten bekamen nicht etwa eine schöne Wohnung oder ein Haus. Sie kamen aus gutgepflegten Bauernhöfen und wurden in verschimmelte Bruchbuden oder eben öffentliche Gebäuden gesteckt, wo sie auch die Schultoiletten benutzen mussten. Diese Zwangsaussiedelungen sind nicht nur in den 1950ern und 1960ern passiert, sondern es gab sie noch bis kurz vor der Wende. Um Sonneberg herum fanden 1984 die letzten Zwangsaussiedlungen statt.

    Sie schöpfen aus Biografien von Zeitzeugen. Welche Begegnungen hatten Sie bei Ihren Recherchen vor Ort?

    Ich habe mit Menschen gesprochen, die im Sperrgebiet und in der 500-Meter-Zone gelebt haben, die Zwangsaussiedlungen erlebt haben. Einige wollten versichert sein, dass es eine fiktive Geschichte wird und sie nicht selbst als Person im Buch auftauchen. Andere wollten über ihre Erlebnisse überhaupt nicht sprechen und wieder andere waren froh, es erzählen zu dürfen. Es ist Vertrauenssache, denn es ist ein extrem sensibles Thema.

    Den Menschen war es verboten worden, über die Zwangsaussiedlungen zu sprechen. Wenn man 40 Jahre lang bei Strafe über etwas nicht sprechen darf, dann kann man das nicht einfach so ablegen – es ist ein tief sitzendes Trauma. Sie fragten sich: „Was haben wir denn eigentlich falsch gemacht?“ Denn das waren ja keine Menschen, die bewusst ein Risiko eingegangen sind, wie etwa das Planen einer Republikflucht. Sie wollten nur in ihrer Heimat wohnen, waren unglücklicherweise am falschen Ort. Die Leute, die zwangsumgesiedelt wurden, waren nicht „politisch unzuverlässig“ – sie wurden denunziert, standen im Weg.

    Wieviele Menschen wurden zwangsumgesiedelt und gibt es Wiedergutmachung?

    Offiziell sind zwischen 11.000 bis 50.000 Menschen zwangsausgesiedelt geworden. Die Zahlen schwanken, weil oft Angehörige mitgingen. Einige haben sich diesen Zwangsaussiedlungen durch die Flucht in den Westen entzogen. Die, die aus dem Sperrgebiet zwangsausgesiedelt wurden, konnten zur Zeit der DDR nicht mehr zurück. Nach der Wende bekamen sie die Möglichkeit, ihr eigenes Grundstück zurückzukaufen zum heutigen Verkehrswert, der wesentlich höher ist als seinerzeit.

    Titelseite des Buches „Was uns erinnern lässt“  von Kati Naumann
    © Foto : Harper Collins
    Titelseite des Buches „Was uns erinnern lässt“ von Kati Naumann

    Oft hatten Offiziere der NVA diese Häuser gekauft. Die Zwangsausgesiedelten konnten ihre Häuser dann gar nicht mehr zurückkaufen. Sie erhielten zwar eine finanzielle Entschädigung, bekamen aber das Haus, dass die Urgroßväter gebaut und in dem die Familie seit Generationen gelebt hatte, nicht mehr zurück. Es gab Versuche, den Betroffenen ihre Grundstücke wieder zurückzugeben. Doch diese Prozesse ziehen sich zum Teil über Jahre oder Jahrzehnte hin, und die Menschen mussten wieder als Bittsteller auftreten. Eine unbefriedigende und deprimierende Situation.

    Aber den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, ging es meist gar nicht um eine Entschädigung, sondern eher um eine Entschuldigung. Das Unrecht ist nie öffentlich anerkannt und auch nie thematisiert worden. Es wurde totgeschwiegen zu DDR-Zeiten und ist auch jetzt kein Thema.

    Die Geschichte muss jetzt erzählt werden – solange noch Zeitzeugen leben. Und Erinnerungen können auch tröstlich sein, da sie uns zu dem gemacht haben, wer wir heute sind. Nur wenn wir die Erinnerung bewahren, vor allem auch solche, wie an die Zwangsaussiedlung, können wir verhindern, dass so etwas wieder passiert.

    Kati Naumann: Was uns erinnern lässt, Harper Collins, 416 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-95967-247-4

    Hier das vollständige Interview mit Kati Naumann zum Nachhören:

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    DDR 1989 – Erst 40 Jahres-Feier, dann Mauerfall und Untergang (56)
    Tags:
    Grenzgebiet, Thüringen, Umsiedlung, DDR