16:43 17 Januar 2020
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    In der Gegenwart scheint Propaganda allgegenwärtig. Doch sie begleitet die Geschichte der Menschheit von Beginn an. Das zeigt ein neuer Dokumentarfilm des kanadischen Regisseurs Larry Weinstein, der viele Beispiele dafür liefert. Bei der Vorpremiere in Berlin hat auch eine Sprecherin der Bundesregierung erklärt, wie sie das sieht.

    Propaganda machen immer nur die anderen – das scheint die gängige Meinung in der bundesdeutschen Politik und den Medien hierzulande sein. Ein Beispiel dafür lieferte am Dienstag die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Sie erklärte bei einer Veranstaltung, dass Propaganda für sie und ihre Kollegen vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung kein Thema sei.

    von links: Vize-Regierungssprecherin U. Demmer, Filmemacher L. Weinstein und S. Detjen vom „Deutschlandfunk“
    © Sputnik / Tilo Gräser
    von links: Vize-Regierungssprecherin U. Demmer, Filmemacher L. Weinstein und S. Detjen vom „Deutschlandfunk“

    Die Regierungssprecher und das Bundespresseamt würden der Versuchung, zu propagandistischen Mitteln zu greifen, tapfer widerstehen, so Demmer. „Wir sind uns ja unserer Aufgabe bewusst“, behauptete sie und fügte hinzu: „Gerade in Zeiten, in denen es um ‚Fake News‘ und Desinformation geht, sind wir ja besonders gefordert, faktenbasiert transparent zu erklären, was wir machen.“

    Deshalb würden sie und ihre Kollegen sich immer wieder auch gern den Fragen der Journalisten in der Bundespressekonferenz stellen, auch den kritischen, behauptete Demmer. Politik würde ohne guten Journalismus in einem demokratischen Staat nicht funktionieren, „so wie wir uns das wünschen“. Gegenwärtig fordere es von allen viel ab, Wahrheit von „Fake News“ zu unterscheiden, erklärte sie weiter. Jeder Beitrag, der sich mit Propaganda auseinandersetze, sei dabei eine Hilfe.

    Pressesprecher machen Propaganda

    Die stellvertretende Regierungssprecherin sagte das in einer Gesprächsrunde nach der Vorpremiere des Dokumentarfilms „Propaganda. Wie man Lügen verkauft“. Den hat der kanadische Filmemacher Larry Weinstein gemacht und vorab gemeinsam mit dem TV-Sender Arte am Dienstag im Haus der Bundespressekonferenz einem interessierten Publikum vorgestellt.

    Was von Demmers Aussagen zu halten ist, hatte sie zuletzt während der Regierungspressekonferenzen auch bei Fragen von Sputnik-Korrespondenten zum Thema MH17 gezeigt. Dabei lieferte sie Beispiele dafür ab, was laut dem Film von Weinstein Teil von Propaganda ist: Das Weglassen und Verschweigen von Informationen. Das sei eine der perfidesten Formen von Propaganda, wird in der Dokumentation erklärt.

    Vielleicht ist das der stellvertretenden Regierungssprecherin nicht bekannt, oder sie hat es nicht gehört. Aber schon ihre berufliche Aufgabe ist per se Propaganda – nichts Anderes ist Pressearbeit in ihren vielfältigsten Formen. Das ist an sich kein Problem, es bleibt die Frage, was propagiert wird und für wen. Und wenn jemand als Pressesprecher oder -sprecherin das Gegenteil behauptet, ist er oder sie entweder gutgläubig oder schlicht zynisch.

    Einzelne beeinflussen Massen

    Der neue Dokumentarfilm von Weinstein zeigt, dass Propaganda von Anbeginn Teil der Geschichte der Menschheit und menschlicher Gesellschaften ist. Das erklärt zu Filmbeginn der Archäologe Alistair Pike am Beispiel der rund 40.000 Jahre alten Bilder in der Höhle El Castillo in Spanien. Symbolische Kommunikation, wie sie die urzeitlichen Menschen mit ihren Mitteln praktizierten, sei der Kern von Propaganda. Es gehe um die Macht der Bilder und Symbole, wie Sprache und Parolen wirken und Einzelne Massen beeinflussen und beherrschen.

    Das zieht sich durch den Film mit seinen vielen Beispielen und Aussagen von Philosophen, Historikern und Kunstschaffenden. Da wird kaum etwas ausgespart und Vieles aneinandergereiht: Von Alexander dem Großen in der Antike und der Kirche mit ihrer machtvollen Propaganda durch die Jahrhunderte über Hitler, Leni Riefenstahl und Stalin sowie den Kalten Krieg, bis hin zum heutigen Nordkorea und den gegenwärtigen Formen von Propaganda verschiedener Quellen, darunter Barack Obama und Donald Trump. Natürlich werden auch Russland und Wladimir Putin nicht ausgelassen, aber ebenso wenig die Rolle der sogenannten sozialen Medien.

    Einer der Klassiker der Neuzeit, die sich mit dem Thema praktisch beschäftigt haben, Edward L. Bernays, wird zumindest erwähnt und zitiert. Der habe in seinem Buch „Propaganda – Die Kunst der Public Relations“ von 1928 geschrieben, gegen Propaganda helfe nur noch mehr Propaganda.

    „Westliche Propaganda ist subtiler“

    Bei Bernays, der für die US-Tabakindustrie ebenso wie für die US-Regierung arbeitete und unbeabsichtigter Lehrmeister für Josef Goebbels war, ist auch Folgendes zu lesen: „Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land.“ Das war aber nicht weiter Thema von Film und Gesprächsrunde.

    Weinsteins Dokumentation bringt eine ganze Fülle von interessanten Beispielen und Aussagen zum Thema. So erklärt der Publizist und Psychologe Adam Phillips, dass Propaganda ausnutze, dass Menschen an etwas glauben möchten. Der Historiker David Welch beschreibt, dass Alexander der Große nicht überall in seinem großen Reich sein konnte, weshalb er sich via Statuen und Münzen überall zeigte. Der kanadische Maler Kent Monkman vom Stamm der Cree beschreibt, warum er die Propagandabilder der Weißen von der Eroberung des „Wilden Westens“ neu malt und dabei das Weggelassene darin, das Schicksal der Ureinwohner, hineinbringt.

    Winston Churchill wird zitiert, dass die Wahrheit im Krieg so wertvoll sei, dass sie von einem „Schutzwall von Lügen“ umgeben werden müsse. Ein Vertreter des Vatikans erklärt, woher das Wort Propaganda kommt, und meint bezogen auf die Kirche: „Wenn wir uns alle irren, war es zumindest unschuldige Manipulation.“ Beim Beispiel Nordkorea stellt der Eventmanager Morten Traavik klar, die westlichen Berichte über das asiatische Land seien selbst Propaganda. Und: Westliche Propaganda sei nur subtiler, gebe es aber nicht weniger als in Nordkorea.

    Hollywood zeigt falsche Bilder

    Die stärkste Propaganda der Gegenwart käme aus Hollywood, von wo aus per Film die US-amerikanische Lebensweise in die Welt hinaus propagiert werde, heißt es in der Dokumentation. Dabei werde ein „falsches Bild vom guten Leben“ vermittelt und Reichtum als Zeichen für Glück dargestellt. Das wirke bei Massen und global und mache all jene, die nicht mithalten können, zu Verlierern, die an ihrer Situation selbst schuld seien.

    Der Film soll ein „Weckruf sein im kritischsten Moment unserer Zeit“, ist zu Beginn zu hören. Regisseur Weinstein versteht ihn als Hilfeschrei angesichts eines Journalismus der Gegenwart, der „häufig nur noch parteiische Propaganda“ sei, wie er im Juli in Toronto erklärte. Sein Film sei „sicher“ auch Propaganda, gestand er in Berlin nach der Vorpremiere ein. Aber die sieht er im Dienste eines guten Zweckes, um aufzuklären, damit die Mechanismen der Propaganda besser verstanden werden. Im Film lässt er David Walmsley, Chefredakteur der kanadischen Zeitung „The Global and Mail“, sagen, dass Journalismus die „letzte Verteidigungslinie“ sei, um die Wahrheit zu beschützen.

    Das geschieht mit beeindruckenden Bildern, ist aber etwas überladen mit der Vielzahl von Beispielen. Zu wenig ist dagegen zu erfahren über die Mechanismen, wie Propaganda wirkt. Das ließe sich mit weniger Beispielen besser zeigen. Kaum etwas wird über die Interessen dahinter gesagt, bis auf das allgemeine Interesse der Mächtigen, ihre gesellschaftliche Position zu sichern. Ob der im Film auftretende chinesische Künstler Ai Weiwei nun tatsächlich zu jenen gehört, die für die Menschenrechte und gegen die Propaganda der Macht kämpfen, ist zumindest diskussionswürdig.

    „Arte“ zeigt Doku im TV

    Irgendwann ist im Film zu hören: „Alles ist Propaganda.“ Vielleicht ist es ja so einfach. Gegen Propaganda gebe es kein Rezept, dagegen helfe nur persönliche Verantwortung, heißt es am Ende. Wer mehr dazu erfahren will, auch dazu, wie der irische Maler Jim Fitzpatrick das legendäre Che Guevara-Motiv schuf, das seitdem unter anderem Poster und T-Shirts weltweit ziert, kann das am 10. September im TV-Sender „Arte“.

    Regisseur Larry Weinstein bei der Vorpremiere in Berlin
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Regisseur Larry Weinstein bei der Vorpremiere in Berlin

    Dort ist der 90-minütige Film von Larry Weinstein um 20.15 Uhr zu sehen. Er ist Teil des Programmschwerpunktes des deutsch-französischen Senders vom 7. bis 10. September zum Thema „Propaganda, die Macht der Lüge“. Dabei werden eine ganze Reihe weiterer Dokumentationen gezeigt, die beleuchten, wie Lügen und Propaganda funktionieren und eingesetzt werden, ebenso passende Spielfilme.

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    Kanada, Propaganda, Doku, Deutschland