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20:54 20 Oktober 2019
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    Sind Deutsche für oder gegen antirussische Sanktionen? YouGov-Umfrage klärt nicht auf

    © AP Photo / Michael Probst
    Gesellschaft
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    Dass knapp jeder vierte Deutsche (23 Prozent) laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov die EU-Sanktionen gegen Russland, die vor fünf Jahren verhängt wurden, unterstützt, ist aus russischer Perspektive vielleicht viel, meint Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts in Wien, aber aus deutscher Sicht sei es ein exzellenter Wert.

    Wie die Umfrage auch ergeben habe, sagte er im Sputnik-Interview, seien mehr als die Hälfte der Befragten dagegen für eine sofortige Abschaffung der Sanktionen (21 Prozent) oder eine schrittweise Entschärfung (32 Prozent). „Und das trotz oft negativer Berichterstattung Russland und Putin gegenüber. Es ist ein wirklich sehr guter Wert. Man darf das gerade für politische Themen nicht unterschätzen. Bemerkenswert ist auch, dass die Akzeptanz für die Sanktionen besonders gering in Ostdeutschland ist.“

    Und das habe eine Logik, so der Sozialforscher. „Gerade in Ostdeutschland, das wirtschaftlich nicht so stark aufgestellt ist wie Westdeutschland, wie Bayern, Baden-Württemberg und andere Regionen, ist klar, dass Ostdeutschland hofft, wirtschaftlich besser aufgestellt zu sein. Und da sind große Wirtschaftskooperationen mit Russland wichtig, und wie man merkt, auch jetzt in den Medien, steuert Deutschland einer Rezession entgegen. Das heißt, die Menschen wollen ja weiterhin ihren Lebensstandard halten, und dazu braucht Deutschland jeden Wirtschaftspartner. Es darf sich mit Russland auch nicht so stark die Beziehung verscherzen.“

    Negative Einstellung zu Sanktionen in Österreich noch stärker

    „Vor zwei Jahren und im letzten Jahr gab es ähnliche Umfragen“, führt Witzeling aus. „In Österreich sind die Werte zum Teil noch deutlicher. Die Österreicher wünschen sich sehr stark ein Ende der Sanktionen gegenüber Russland, vor allem, weil jetzt Putin in dem letzten Jahr Österreich mehrmals besucht hat und mit Kanzler Kurz ein gutes Verhältnis hatte. Die Österreicher sind genauso wie die Ostdeutschen eindeutig gegen die EU-Sanktionen.“

    Bedrohung durch Russland?

    Wegen der Spannungen zwischen der Nato und Russland fühlen sich 40 Prozent der Bundesbürger laut der gleichen Umfrage von Russland bedroht, und 50 Prozent sagen dagegen, sie hätten ein solches Gefühl gar nicht. Mehr noch: Wladimir Putin wird von den Deutschen als deutlich vertrauenswürdiger als der US-Präsident Donald Trump angesehen. Diese Polarität, 40 Prozent versus 50 Prozent, bezeichnet der Experte als ein Kalter-Krieg-Denken.

    „Viele haben auch bei den Sanktionen noch Angst“, argumentiert Witzeling, „dass, wenn wir Russland zu viel entgegengehen, es nicht nur den kleinen Finger, sondern die ganze Hand nimmt. Das ist aber eine falsche Denkweise. Gerade bei den Sanktionen, jedenfalls von der Psychologie her, sollte man einen Schritt entgegengehen und auf Vertrauen setzen, weil dann auch Russland motiviert wäre, sagen wir, im Ukraine-Konflikt Schritte entgegenzusetzen.“

    Gerade jetzt, bei wirtschaftlich schwierigeren Situationen für ganz Europa, können es sich weder Europa noch Russland leisten, einen künstlichen Konflikt aufzubauen, fährt der Soziologe fort. „Deswegen sind die Menschen schlauer als die Politiker und sagen: keine Sanktionen mehr. Auch der Putin-Vergleich mit Donald Trump ist klar. Putin hat kürzlich sein zwanzigjähriges Regierungsjubiläum gefeiert. Er hat sich über Jahrzehnte ein Vertrauen aufgebaut. Das kann Donald Trump nicht.“

    Und dass Trump trotz des Widerstands der Politiker Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs Putin zur G7 in die USA einladen will, zeuge nicht nur von seiner Sympathie für Putin, sondern auch von einer Bewunderung, urteilt der Experte. „Trump kann in Amerika nicht so hart durchgreifen, wie es Putin tut, wenn es notwendig ist. Für Trump ist Wladimir Putin, der in seinen Reaktionen sparsam und zurückhaltend ist, ein ungeschriebenes Buch. Ihn kann der US-Präsident nicht einfach einschätzen. Deswegen ist er vorsichtig und sogar kooperativ. Gegenüber Merkel geht Donald Trump oft respektlos vor. Aber bei Putin weiß er nicht, welches Gegenüber er hat, und dem will er natürlich freundlich gegenübertreten.“

    Will Russland selbst die G7 zur G8 erweitern?

    Es wäre intelligent, regt Witzeling an, Russland weltweit einzubauen. „Aber Russland hat mit den BRICS-Staaten und der eurasischen Kooperation ein Alternativmodell. Da wird weltweit die Vormachtstellung der USA immer mehr nach hinten gedrängt, und vor allem auch unter der Tatsache, dass Donald Trump sehr stark auf sein eigenes Land schaut und immer viel auf der weltpolitischen Bühne intervenieren will. Da kann Russlands Rolle in der Zukunft immer wichtiger werden. Es wäre natürlich schlau, ein Land, das sehr lange historische Traditionen hat, in die Weltpolitik einzubauen. Russland hat sehr viele Dichter, Denker, Wissenschaftler, Künstler. Auf so ein Humanpotential sollte man fernab des Gases und der Erdölvorkommen nicht verzichten. Das ist eine der höchsten Wertanlagen in der Zukunft.“

    Das komplette Interview mit Daniel Witzeling zum Nachhören:

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    Tags:
    Umfrage, Deutschland, Russland