21:52 21 November 2019
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    Museum Roter Stern Wünsdorf Tür mit Sowjetstern

    „Sie kamen als Feinde und gingen als Freunde“: Deutsche Erinnerungen an die Sowjet-Armee

    © Foto : Simon Villegas
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    Das brandenburgische Wünsdorf war mit über 50.000 Einwohnern der größte und wichtigste sowjetische und russische Militärstandort. Eine Ausstellung zeigt vor Ort die Geschichte der Truppen auf deutschem Boden - bis zu deren Abzug vor 25 Jahren. „Sie kamen als Feinde und gingen als Freunde“, erinnert sich Werner Borchert vom Museum „Roter Stern“.

    Militärische Artefakte, Alltagsgegenstände, kurioses Allerlei: In der Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf kann das sowjetische Soldatenleben vom Jahr 1945 bis zum Abzug Ende August 1994 nachempfunden werden. Die „Bücherstadt“ ist gegründet worden 1998, vier Jahre nach dem Abzug der russischen Truppen aus Deutschland. Man habe die ehemalige Garnisonstadt, die mit preußischer, deutscher wie russischer Militärgeschichte verquickt ist, zu friedlich-ziviler Nutzung konvertieren wollen, auch für die historische Aufarbeitung. Es sei eine unvergleichbare Militärgeschichte mit Kaiser, Hitler, Sowjets  - nacheinander, so Werner Borchert vom Museum „Roter Stern“. Er ist Geschäftsführer der „Bücher- und Bunkerstadt Tourismus-Gesellschaft“.

    Die meisten Exponate in den Ausstellungen stammen aus Wünsdorf. In vielen Häusern waren noch Hinterlassenschaften der Russen nach deren Abzug 1994 verblieben. Ein kleiner Förderverein, habe Sachen aus dem russischen Soldatenalltag gesammelt, die jetzt präsentiert würden. Zudem seien im Laufe der Zeit auch Verbindungen zum Veteranenverband der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland hergestellt worden, Verbindungen zum Zentralmuseum in Moskau, von wo Stücke stammten. Der letzte Oberkommandierende der Russen habe den Ausstellungsmachern etwa seine Paradeuniform als Leihgabe überlassen.

    Unterschiedlich sozialisierte Besucher aus Ost wie West

    Das Museum "Roter Stern" sei mit privaten Mitteln gefördert und entwickelt worden, da es für solche Museen in Deutschland leider keine Zuschüsse gäbe, so Borchert. Die Besucher aus den östlichen Bundesländern würden Vieles wiederfinden, was sie aus ihrem früheren Alltag kennen würden: Die Stationierung der sowjetischen und russischen Truppen in Deutschland.

    Für die vielen Besucher aus dem anderen Teil Deutschlands sei die Thematik des Museums allerdings Neuland. Sie würden staunen und sich wundern, stellen Fragen, auf die wir gar nicht kommen würden als Ostdeutsche: Wie haben die Russen hier gelebt? Wie war das mit der Stationierung der Sowjettruppen? Wie war das Zusammenleben mit der DDR-Bevölkerung? Wie war die Bewaffnung? Über die Zeit, als die Sowjets in der DDR waren, hätten sie ja nie etwas erfahren.

     Das läge an der unterschiedlichen Sozialisierung. Im Osten habe es den Slogan "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" gegeben. Das habe sicher  so Manchen zum Lachen gebracht, weil auch gesehen wurde, wie deren Industrie „funktioniert“, dennoch habe es diese Bindungen gegeben im gegensatz zum Westen. Borchert mutmaßt, dass „die West-Medien bei dem Un-Verständnis für die Russen eine große, wohl eher unrühmliche Rolle gespielt hätten. Und die „ideologische Beeinflussung“, also dass die Russen sind immer „die Bösen“ zu sein hatten, das spiele auch heute noch eine Rolle, mit welcher Erwartungshaltung die Leute aus den alten Ländern der Sowjetunion oder Russland begegnen und mit welchen Erwartungen sie als Touristen nach Wünsdorf kämen.

    Der Truppenabzug 1994

    An den Truppenabzug 1994 erinnert Borchert sich genau: Da am 12. Juni 1994 die große offizielle Abschiedsparade der russischen Truppen in Deutschland. Ein Volksfest mit 5000 Besuchern sei es gewesen, gewürdigt mit einer dreistündigen Live-Übertragung in Radio und TV. Er mutmaßt, dass dies unter heute obwaltenden politischen Bedingungen undenkbar wäre. Seinerzeit wurde gejubelt und gefeiert, wurden Lieder gesungen. Dieses große Motto "Sie kamen als Feinde und gingen als Freunde" könne er mit seinen Erfahrungen nur unterstreichen. Sie gingen wirklich als Freunde. Die „Bücherstadt“ Wünsdorf, wo das Oberkommando der sowjetischen Truppen in Deutschland war, fühle sich immer noch verpflichtet, an den Abzug zu erinnern, ewa mit der Veranstaltung zum 25.Jubiläum des Truppenabzugs.

    Die Perspektive der DDR-Bürger

    Sicher habe es unterschiedliche Meinungen gegeben – einige waren froh, dass die „Besatzer“ gingen, obgleich sich der Status der Stadt mit seinen Vorteilen durchaus verändert habe, jedoch sei die Stationierung für die ganze Umgebung auch als eine Belastung empfunden worden. Die „Verbotene Stadt“ war Sperrgebiet, die durch Wünsdorf führende Autobahn war gesperrt.

    Andere seien traurig gewesen, dass die Russen gingen, erzählt der Museumsleiter. Es habe viele enge Kontakte gegeben, es gab einen Austausch, gab Freundschaften zwischen Offizieren und Wünsdorfern. Um die 1.000 DDR-Bürger hätten für die Sowjets als Zivilbeschäftigte gearbeitet. „Wir hatten einen Schuhmacher in Wünsdorf, der hat für sowjetische Offiziere Stiefel gefertigt. Die haben ab und zu bei den Gesprächen über Schuhe so viel Wodka getrunken, dass es dem sogar gelungen ist dem Offizier zwei linke Schuhe ins Paket zu packen.

    Der eine Schuh kam dann nach drei Monaten aus Moskau zurück per Post mit der Notiz "Schick mir bitte den Rechten." Hat funktioniert. Wir hatten hier Fleischer, die die Russen versorgt haben. Wir hatten eine Kapelle in Wünsdorf, die regelmäßig Musik für die Sowjets gemacht hat. Also es gab auch freundschaftliche Beziehungen.“ Aber ´unter`m Strich` denkt Borchert, es sei gut gewesen, dass es eine Zäsur gab und es zum Truppenabzug kam. Er pflege allerdings viele Kontakte zu „Ehemaligen“, die in der DDR stationiert waren.

    Wehmütiger Blick der Russen

    Wenn es um den „kleinen Soldaten“ geht, so blicke dieser oft mit „vielen Schmerzen“ zurück, berichtet Borchert. Es sei  für die „kleinen, sowjetischen Soldaten“ eine verdammt harte Zeit gewesen. Sowjetische oder russische  Kasernen seien immer etwas Besonderes. Mittlere und höhere Offiziere würden  jedoch gern an die Zeit zurückdenken. Denn sie hätten unter Bedingungen gelebt, die in Moskau oder in der Sowjetunion so nicht herrschten, meint Borchert. Eine eigene Dreizimmer-Wohnung, die Kinder „versorgt“, die Frauen konnten etwa als Fernschreiberinnen im Sekretariat mitarbeiten, sie hatten Ausgang. Für die Leute aus der Sowjetunion war die DDR damals fast so etwas wie der Westen. Es gab Konsumgüter, die sie etwa in Moskau gar nicht kaufen konnten. Sie hätten sich schon sehr wohl gefühlt und seien auch sehr traurig gewesen, als sie  weg mussten. Einige hätten versucht, in Deutschland zu bleiben.

    Miteinander reden

    Für die deutsch-russischen Beziehungen wünsche Werner Borchert sich, dass sie sich „normalisieren“. Bei der diesjährigen Veranstaltung zum 25. Jahrestags des Truppenabzugs hätte Übereinstimmung geherrscht, dass „diese Sanktionen und dieses ganze Gegeneinander zurückgefahren werden sollte und dass der normale Menschenverstand wieder eine Rolle spielen sollte, in den wirtschaftlichen Beziehungen, in den politischen Beziehungen. Bei allem was dort falsch gemacht wurde, was bei uns falsch gemacht wurde, aber man muss miteinander reden.“ Auch, weil einige Wirtschaftsbetriebe, gerade in den ostdeutschen Bundesländern sehr unter den Sanktionen gegen Russland litten.

    Hier das vollständige Interview mit Werner Borchert zum Nachhören:

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    Tags:
    Weltkrieg, Rote Armee, Deutschland, DDR, Militär, Russen, Sowjetsymbolik