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01:37 12 November 2019
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    Berlin, Deutschland (Archiv)

    Warum Trump den Deutschen Angst macht und was ihnen sonst noch Sorgen bereitet

    © AP Photo / Markus Schreiber
    Gesellschaft
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    Seit 1992 untersucht eine deutsche Versicherung alljährlich die größten „Ängste der Deutschen“. In diesem Jahr überrascht die gleichnamige Studie: „Die Deutschen sind so gelassen wie zuletzt vor 25 Jahren.“ Und: „In Ost und West gehen Ängste zurück“. Aber: Soziale Probleme bereiten den Menschen weiterhin große Sorgen.

    Die Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“, die alljährlich von der „R+V-Versicherung“ mit Sitz in Wiesbaden in Auftrag gegeben wird, ist am Donnerstag erschienen. Sie zeigt: Die Deutschen sind laut der Umfrage 2019 deutlich optimistischer als noch im vergangenen Jahr.

    „So gelassen wie heute waren sie zuletzt vor 25 Jahren“, heißt es in der Studie. Jedoch gebe es eine Einschränkung: „Die insgesamt verbesserte Stimmung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die aktuellen politischen Probleme mehr als jedem zweiten Bundesbürger erhebliche Sorgen bereiten.“

    Trump, Spannungen durch Zuzug und „Angst vor dem Pflegefall“

    Auf den Spitzenplätzen der repräsentativen R+V-Umfrage „Die Ängste der Deutschen 2019“ stehen weiterhin „Sorgen durch Zuwanderung“ und die „Angst vor der Trump-Politik“.

    Demnach sind die aktuell größten Ängste der Deutschen: „Überforderung des Staats durch Flüchtlinge“, diese Sorgen teilen 56 Prozent der Deutschen. Bei diesem Punkt gibt es eine deutliche Abnahme: Noch im Vorjahr war das die größte Sorge für 63 Prozent der Befragten. „Spannungen durch Zuzug von Ausländern“ beschäftigt 55 Prozent der Deutschen. Ebenso viele fürchten „eine gefährlichere Weltpolitik durch US-Präsident Donald Trump“. 2018 waren es noch 69 Prozent, die „außenpolitische Angst vor der Trump-Politik“ hatten. 47 Prozent der Befragten befürchten eine „Überforderung der Politiker“. Eine „Angst vor politischem Extremismus“ haben demnach 47 Prozent der deutschen Bevölkerung. 45 Prozent sorgen sich wegen „unbezahlbarem Wohnraum in Deutschland.“ Die Sorge, ein „Pflegefall im Alter“ zu werden, teilen 45 Prozent der Deutschen.

    „Bessere Stimmung in Deutschland“

    Die Stimmungslage in Deutschland hat sich verbessert“, sagte Brigitte Römstedt, Leiterin des „R+V-Infocenters“, auf einer Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Studie am Donnerstag in Berlin. „Durch einen Rückgang bei fast allen Sorgen sinkt der sogenannte Angstindex – das ist der Durchschnitt aller abgefragten Ängste – von 47 auf 39 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Wert seit 1994“.

    Dennoch betonte die Sprecherin der Versicherung, dass viele Menschen besonders unzufrieden mit der Politik seien: „Seit vier Jahren verdrängen politische Sorgen alle anderen Ängste.“ Im Fokus seien dabei die „Überforderung der Politiker“ und „drohende soziale Spannungen“.

    „Was ist denn mit den Deutschen los?“, kommentierte die „WAZ“ am Donnerstag kurz nach Veröffentlichung der Studie. „Die Welt ist in Unordnung, die Warnungen vor einer Rezession werden lauter, die Sorge ums Klima wird dringlicher – doch die Deutschen sind so gelassen wie zuletzt vor 25 Jahren. Das ist das überraschende Ergebnis einer Langzeitstudie, die seit 1992 die ‚Ängste der Deutschen‘ misst.“

    Ost und West: Ängste gehen zurück, aber Sorge vor steigenden Preisen bleibt

    Eine gute Nachricht sei, dass in West- wie Ostdeutschland die Ängste rückläufig seien. Doch weiterhin würden kollektive Sorgen die Deutschen beschäftigen:

    „Im Osten sind alle Ängste größer – auch bei den Top-Themen“, so die Studie. „64 Prozent der Bürger im Osten befürchten, dass der Staat und die Bürger durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert sind. Im Westen sind es zehn Prozentpunkte weniger.“ Auch würden mehr Ostdeutsche als Westdeutsche die Trump-Politik bedrohlich finden. „Den größten Unterschied gibt es bei der Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten: Im Osten hat die Mehrheit der Bürger (55 Prozent) Angst davor, dass alles immer teurer wird. Diese Sorge teilen im Westen 41 Prozent der Befragten.“

    Hohe Mieten und „unbezahlbarer Wohnraum“

    Auch „grüne“ Umwelt-Themen befeuern die Sorgen der Deutschen. „Umwelt- und klimapolitische Themen wühlen die deutsche Bevölkerung seit Jahr und Tag auf – schon lange vor dem Aufstieg der ‚Fridays for Future‘-Protestbewegung“, erklärte Politikwissenschaftler Manfred G. Schmidt von der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, der als langjähriger Berater des „R+V-Infocenters“ die Umfrage kommentierte. 2019 haben 41 Prozent der Befragten Angst davor, dass „der Klimawandel dramatische Folgen für die Menschheit“ habe. Ebenso viele Deutsche befürchten, dass „Naturkatastrophen zunehmen und Deutschland immer häufiger von Wetterextremen wie Dürre, Hitzewellen oder Starkregen betroffen wird“.

    Ein weiteres heißes Eisen der Befragung: Teilweise unbezahlbares Wohnen in Deutschland. „Knapper Wohnraum in vielen Regionen, explodierende Immobilienpreise und hohe Mieten: Zum ersten Mal hat das R+V-Infocenter die Deutschen auch nach diesen Themen befragt“, heißt es in der Studie. Ergebnis: „Nahezu jeder zweite Bürger hat große Angst davor, dass Wohnen in Deutschland unbezahlbar wird. Mit 45 Prozent springt diese Angst auf Anhieb auf Platz sechs im Ranking.

    Angst vor Krieg und Terrorismus sinkt

    Ein Grund, weshalb die Ängste der Deutschen so niedrig wie lange nicht sind, ist laut der Studie die gesunkene Furcht vor Terrorismus. Die Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden, habe in der deutschen Bevölkerung deutlich nachgelassen. „Die Langzeitbeobachtung belegt, dass die Angst nach spektakulären Terroranschlägen steigt – insbesondere, wenn sie in Deutschland oder den Nachbarländern passieren“, so R+V-Sprecherin Römstedt. „Bleibt es relativ friedlich, wie im vergangenen Jahr, wird auch die Angst geringer.“ Dennoch befürchtet laut der Studie „jeder Zweite, dass sich der politische Extremismus auch durch gewalttätige Ausschreitungen ausbreitet“. An vorderster Stelle ängstige dabei der islamistische Terrorismus. Als geringer werde die Angst vor Rechtsextremismus eingeschätzt.  „Fast unbekümmert scheinen die Befragten den Linksextremismus zu bewerten (4 Prozent).“

    Eine positive Nachricht ist folgender Fakt: „Nur noch etwa jeder vierte Deutsche (24 Prozent, im Vorjahr: 35 Prozent) hat Angst vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung. Damit ist diese Sorge so gering wie nie zuvor im Verlauf der Umfrage.“

    Weiterhin nennt die Studie Unterschiede zwischen Männern und Frauen: „Frauen sind bundesweit traditionell etwas ängstlicher als Männer. Erheblich mehr Sorgen machen sich die Frauen um Krankheiten (Frauen: 41 Prozent, Männer: 30 Prozent) und Pflege (Frauen: 49 Prozent, Männer: 40 Prozent), aber auch um Schadstoffe in Nahrungsmitteln (Frauen: 47 Prozent, Männer: 37 Prozent).“

    Interessant sei: „Etwas gelassener als die Männer sind die Frauen bei der Angst vor der Überforderung des Staats durch die Flüchtlinge (Frauen: 54 Prozent, Männer: 58 Prozent). Während bei den Männern diese Angst auf Platz eins steht, ist es bei den Frauen die Furcht vor den Folgen der Trump-Politik.“

    Die Studie ist die bundesweit einzige Umfrage, die sich über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren alljährlich mit den Sorgen der bundesdeutschen Bevölkerung befasst. Bereits seit 1992 veröffentlicht das „R+V-Infocenter“ diese Ergebnisse. Dazu befragte die Versicherung in diesem Jahr von Mitte Mai bis Ende Juli rund 2.400 Männer und Frauen in der Bundesrepublik Deutschland nach „ihren größten politischen, wirtschaftlichen, persönlichen und ökologischen Ängsten“. Die repräsentative Umfrage beinhaltete dieses Mal laut der Versicherungsgesellschaft insgesamt 22 Fragen.

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    Tags:
    Soziales, Ostdeutschland, Donald Trump, Rechtsextremismus, Angst, Deutschland