18:58 17 November 2019
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    Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse: „Das ist das Wunder des Jahres 1989“ – Exklusiv

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    Wolfgang Thierse legte eine steile Politkarriere hin bis zum Präsidenten des Bundestages. Der SPD-Politiker galt nach der Wende als „sauberes Gewissen“ unter den aus der DDR stammenden Politikern.

    Im Exklusiv-Interview für Sputnik erzählt Thierse, wie er den Mauerfall erlebte und warum dies die spannendste Zeit seines Lebens war.

    Herr Thierse, wie konnten Hunderttausende einfacher Menschen, die in der DDR nicht gerade als selbstbewusste Kämpfer galten, so einen straff organisierten Staat zu Fall bringen mit ihren Demonstrationen in Berlin und Leipzig?

    Das ist das Wunder des Jahres 1989. Zum ersten Mal war es im Mai 1989 kritischen Oppositionsgruppen gelungen, zu beweisen, dass die Wahlen in der DDR – die Kommunalwahlen Anfang Mai – gefälscht waren. Dann kam im Sommer die Ausreisewelle, die Nachrichten aus Ungarn, Prag und Warschau, wo die Resignation und Wut für jeden sichtbar wurde. Das war zum Schluss der Mut der Verzweiflung.

    Das ging mir auch so. Ich hatte das dringende Gefühl, wenn ich jetzt nicht mitmische, laut werde, auf die Straße gehe und dieses Land verändere, werde ich mich mein ganzes Leben vor mir selbst und meinen Kindern schämen müssen, die vielleicht auch irgendwann den Ausreiseantrag stellen. So ging es vielen. Das ging dann soweit, dass man sich irgendwann dafür rechtfertigen musste, dass man noch da war. Das war schon verrückt. Und so haben viele beschlossen, wenn sie schon nicht abhauen, sich wenigstens in der Opposition zu engagieren.

    Wo kam plötzlich dieser Mut her? Wie war die Stimmung auf diesen großen Demonstrationen im Oktober und November?

    Auch für die friedliche Revolution, die Herbstrevolution 1989, gilt: Sie werden von Minderheiten angestiftet und Mehrheiten schließen sich an. Das war quasi wie eine Ansteckung. Zuerst waren es wenige, die riefen: „Reiht euch ein", „Wir sind das Volk", „Keine Gewalt". Es wurden dann mehr bis hin zum 7. Oktober – die Sensation, über 70.000 in Leipzig und es fiel kein Schuss. Das war wie eine Befreiung und stiftete nochmal an. Es kann gelingen! Dieses Regime ist nicht so mächtig, wie wir befürchtet haben. Ich erinnere mich noch genau an die Demonstration am 4. November in Berlin und die frechen und fantasievollen Plakate und Losungen.

    Es war eine heitere Stimmung bei den 500.000. Das war die größte Demonstration der Herbstrevolution. Als ich dann allerdings später Fotos der Veranstaltung sah, dachte ich: Dieses SED-Arschloch war auch dabei? Das war nämlich zugleich ein letzter Versuch der SED und der Stasi, diese Revolution doch noch in den Griff zu bekommen und das einzuleiten, was Egon Krenz „Wende“ genannt hatte. Von ihm stammt der Ausdruck „Wende" und darum hasse ich ihn so. Er wollte eine Wende, eine kleine SED-Reform daraus machen. Das hatte sich ja aber dann innerhalb von Tagen, spätestens mit dem 9. November erledigt.

    Und trotzdem kam der 9. November für alle überraschend. Wo waren Sie an dem Abend, als die innerdeutsche Grenze in Berlin geöffnet wurde?

    Der 9. November war wirklich eine Überraschung und wie wir inzwischen wissen, fast ein Versehen, ein Zufall: die berühmte Pressekonferenz von Günther Schabowski. Auch nachdem ich mehrere Berichte darüber im Laufe des Abends gesehen hatte, habe ich noch meine Frau angeguckt und es nicht geglaubt. Dann gab es nachts die Berichte über die Maueröffnung. Wir sind dann aber trotzdem nicht gleich losgelaufen, obwohl wir gar nicht so weit weg wohnten von der Bornholmer Straße.

    Unsere Kinder waren noch klein. Und wir wollten das dann auch als Familie erleben. Und selbst am nächsten Abend hatten wir noch keine Zeit, weil ich da eine große Veranstaltung des Neuen Forums in der Gethsemane-Kirche hatte. Erst am darauffolgenden Tag sind wir an der Bernauer Straße nach West-Berlin hinübergegangen. Das war ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Wir wurden von wildfremden Menschen begrüßt und mit Sekt empfangen. Es herrschte eine Stimmung von Glückseligkeit auf den Straßen. Unvergesslich.

    Kann es sein, dass die Menschen im Osten in den Wochen nach dem Mauerfall so frei und glücklich waren wie nie zuvor und danach?

    Ich glaube schon, dass Walter Momper den richtigen Satz gesagt hat: „Wir Berliner sind jetzt die glücklichsten Menschen der ganzen Welt." Ich glaube, das stimmte. Das Moment der Überraschung, die Erfüllung einer jahrzehntealten Sehnsucht, die Überwindung der Resignation. Die Mehrzahl der DDR-Bürger konnte doch nicht glauben, so etwas noch zu Lebzeiten zu erleben. Da kam so vieles zusammen. Und für die West-Berliner war das ja auch ein unerhörtes Glücksmoment. Das waren sicher die glücklichsten Tage Berlins im 20. Jahrhundert.

    Als die Mauer fiel – wollten Sie persönlich die Auflösung der DDR und Eingliederung in die BRD oder eher die DDR erhalten, aber verändern?

    Mit dem 9. November veränderte sich die Stimmung. Vorher war unser Hauptanliegen, die DDR zu reformieren, die Grundfreiheiten zu erreichen: Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Überwindung des Machtmonopols der SED. Nach der Öffnung der Grenzen im November, als Hundertausende DDR-Bürger in den Westen strömten, war die wichtigste Losung plötzlich nicht mehr „Wir sind das Volk", sondern „Wir sind ein Volk".

    Da habe ich relativ schnell begriffen, dass ein großer Teil der DDR-Bürger das Gefühl hatte, alles, was wir wollen – Wohlstand, Freiheit, Grundrechte, Demokratie – gibt es doch schon nebenan. Warum sollen wir also das Experiment DDR weiterführen? Allerdings dachte ich nicht, dass es dann so schnell gehen würde. Ich dachte, es würde noch Jahre dauern bis zur deutschen Einheit. Dass es so schnell gehen würde, hat sicher niemand, auch Helmut Kohl nicht, vorhergesehen.

    Dann ging alles ganz schnell - Runder Tisch, erste freie Volkskammerwahlen, Aushandlung der Deutschen Einheit. Sie waren aktiv daran beteiligt. Sind Sie im Rückblick zufrieden mit dem damaligen Ergebnis oder ging es vielleicht doch etwas schnell? Gibt es etwas, dass Sie inzwischen als Fehler betrachten?

    Ich bin immer noch froh über die deutsche Einheit. Ich bin immer noch froh, dass wir in einem freien, demokratischen Land leben, dass ich eine Diktatur und ein System der Misswirtschaft hinter mir habe. Aber ich weiß auch, dass das ein Prozess mit vielen Schmerzen war in Ostdeutschland, dass es nicht nur Sieger gibt in dieser wunderbaren Geschichte. Die Stimmung gegenwärtig in Ostdeutschland hat auch damit zu tun, dass Helmut Kohl dem deutschen Wiedervereinigungsprozess eine Art patriarchaler Prägung gegeben hat.

    Er hatte den Eindruck erweckt, dass die ‚blühenden Landschaften‘ bald kommen werden, es wird nicht sonderlich wehtun: ‚Ich nehme euch an die Hand und führe euch ins Wirtschaftswunderland‘. Und eine Mehrheit der Ostdeutschen wollte solchen Verheißungen glauben. Deswegen haben sie CDU gewählt im März und Dezember 1990. Eine Mehrheit der Deutschen wollte so schnell wie möglich unter das rettende Dach der Bundesrepublik Deutschland. Ich habe das nicht zu kritisieren. Aber, wenn man das will, hieß das auch, dass die Folgen unvermeidlich auch Enttäuschungen sein werden.

    Es ging aber nicht auf Augenhöhe weiter?

    Das ist so. Es war die Vereinigung von Ungleichen. Bei uns war ein System gescheitert, während der Westen erfolgreich war. So wurden die einen die Lehrmeister, die anderen die Lehrlinge. Das meine ich zunächst ohne Vorwurf. Es war so. Aber es hat mich natürlich auch geärgert, dass die deutsche Einheit im Westen wirkte, wie die Bestätigung des „Status Quo West“. Jede Reformbemühung und Kritik am westlichen System wurde erstickt. Das kann man ja auch verstehen: Warum sollten die in Freiburg, im Breisgau denken, bei ihnen sollte sich etwas ändern, weil die in Leipzig den Kommunismus erledigt haben? Trotzdem hat mich geärgert, dass nichts aus unseren Lebenserfahrungen in der DDR eine Chance hatte, in einen gemeinsamen Reformprozess eingebracht zu werden.

    War der 9. November das größte Ereignis in Ihrem Leben?

    Ich bin nicht so fixiert auf den 9. November. Diese 15 Monate waren die dramatischsten, schönsten und spannendsten Momente meines Lebens. Darin spielt der 9. November natürlich wegen des Überraschungseffekts eine besondere Rolle. Eine Grenze, die die Welt teilte in gegeneinander gerichtete, aufgerüstete Blöcke, war plötzlich löchrig geworden und wurde vom Osten eingedrückt. Das bleibt ein fantastisches historisches Ereignis, das mir immer noch ein bisschen Gänsehaut verursacht.

    Wolfgang Thierse (75) ging 1977 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Thierse war bis zur „Wende“ und friedlichen Revolution parteilos und trat im Oktober 1989 dem Neuen Forum, einer der Bürgerbewegungen, der Liste Bündnis 90, bei. Anfang Januar 1990 wurde er dann Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der DDR (SDP). Auf dem Vereinigungsparteitag der SPD wurde er am 27. September 1990 zu einem der stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt.

    Von März bis Oktober 1990 gehörte Thierse der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an. Hier war er zunächst stellvertretender Vorsitzender und ab dem 21. August 1990 Vorsitzender der SPD-Volkskammerfraktion. Thierse zählte zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden. Am 4. Oktober 1990 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt. Von 1998 bis 2005 war er Präsident des Deutschen Bundestages und von 2005 bis 2013 dessen Vizepräsident. Ab 2013 kandidierte Thierse nicht mehr bei der Bundestagswahl.

    Wolfgang Thierse wurde 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1999 mit dem Großkreuz des Bundesverdienstkreuzes auszeichnet.

    Themen:
    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
    Tags:
    Einheit, 30 Jahre Mauerfall, DDR, Deutschland
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