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Millionenklage, Diebe und Schamanen: Sibiriens Brände und die Ursachen - Reportage

Millionenklage, Diebe und Schamanen: Sibiriens Brände und die Ursachen - Reportage

Die sibirischen Waldbrände bewegen seit Wochen die Weltöffentlichkeit. Einige bemängeln, die von den Behörden proklamierte wirtschaftliche Unzweckmäßigkeit einer besseren Brandbekämpfung beeinträchtige das Weltklima. Sputnik hat mit einem Waldretter aus Irkutsk gesprochen und in Erfahrung bringen können, wie es aktuell um die Brände bestellt ist.

Ende Juli soll von den brennenden Wäldern in Sibirien ausgehender Rauch selbst Alaska erreicht und die Menschen rund um den Globus beunruhigt haben. Am 1. August hatte sogar US-Präsident Donald Trump seinem russischen Amtskollegen, Wladimir Putin, Hilfe bei der Brandbekämpfung angeboten. Und die Medien machten Schlagzeilen mit Geschichten über um Regen betende örtliche Schamanen.

© Sputnik/Alexander Kryschew
Die seit Juli laufende Riesenpetition auf Change.org hat über 1.240.000 Unterschriften gesammelt: Einwohner in ganz Russland forderten die Verhängung des Notstands in Sibirien und eine effektivere Brandbekämpfung. Rund drei Millionen Hektar waren Ende Juli laut der für die Brandbekämpfung zuständigen Organisation „Avialessochrana" (Avia-Waldschutz) von Flammen erfasst. Die russische Greenpeace-Filiale sprach von abgebrannten 14 Millionen Hektar (40 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands) in den letzten Monaten.
Brandbekämpfung in der Region Krasnojarsk
Dabei behaupten die Greenpeace-Experten, dass sich die Anzahl der Brände im Vergleich zum Zeitraum von 2001 bis 2018 schon fast verdoppelt habe. Während sie Alarm schlagen, erkennen beispielsweise die Experten des Sukachev-Instituts für Wald kaum etwas Außergewöhnliches in der diesjährigen Situation. Denn jährlich brennen dem Institut zufolge in Russland zwischen fünf und 15 Millionen Hektar Wald ab. Die jährlichen Verluste betragen dabei rund 20 Milliarden Rubel, also etwa 278 Millionen Euro, inklusive der Kosten für die Bekämpfung sowie den Wiederaufbau der Wälder.

14 Millionen Hektar wurden in den letzten Monaten abgebrannt
Kosten für die Bekämpfung sowie den Wiederaufbau der Wälder – 278 Millionen Euro
Späte Reaktion

Dem aktuellen Stand der Dinge zufolge brannten in der Nacht zum 10. September noch 183 Hektar Sibierienwälder, die zu löschen sind. Weitere 43.161 Hektar liegen in der sogenannten Raumkontrollzone, werden also kontrolliert, aber nicht gelöscht. Die ersten unkontrollierten Waldbrände, deren Fläche Zehntausende Hektar überstieg, breiteten sich mit großer Geschwindigkeit Ende Juni in der Region Irkutsk aus. Zugleich wurden Tausende Hektar in Burjatien, in der Region Krasnojarsk sowie in Jakutien von den Flammen heimgesucht. Mehrere Wochen lang versuchten die sibirischen Regionen, die Brände selbst zu bekämpfen, wobei die Feuerwehrfahrzeuge laut dem Piloten der Krasnojarsker Abteilung des Katastrophenschutzministeriums (MTschS) niemals von den Zuständigen aufgefordert worden waren, mit der Brandbekämpfung zu beginnen.
Brandbekämpfung in der Region Krasnojarsk – © Sputnik/Alexander Kryschew
Die MTschS war mit der Beseitigung des Feuers in den Regionen Krasnojarsk und Jakutien also erst am 31. Juli beauftragt worden. An diesem Tag hatte auch Präsident Putin die Technik des Verteidigungsministeriums zur Brandbekämpfung verpflichtet. So bekam allein die Region Krasnojarsk sofort zehn schwere Il-76 und zehn geeignete Hubschrauber. Am 8. August gab Ministerpräsident Dmitri Medwedew schließlich bekannt, für die Brandbekämpfung sechs weitere Milliarden Rubel aus dem Reservefonds der Regierung bereitstellen zu wollen.
Die Brandflächen gehen seitdem kontinuierlich zurück. Laut der „Avialessochrana" standen in der Nacht zum 19. August bereits weniger als 1,3 Millionen Hektar Waldfläche in Flammen. Bekämpft werden dabei die Brände auf einer Fläche von rund 85.000 Hektar, wobei etwa 1.200.000 Hektar in der sogenannten Raumkontrollzone liegen. Der Ausnahmezustand wurde in den Regionen Krasnojarsk und Irkutsk sowie in Jakutien und in zwei Bezirken Burjatiens ausgerufen. An der Waldbrandbekämpfung sind derzeit 1974 Menschen, 147 bodentechnische Einheiten, 39 Überwachungsflugzeuge sowie 18 Löschflugzeuge beteiligt.
Wie man das Feuer am effektivsten bekämpft: Irkutsk

Es sind auch mehrere Freiwillige, die vor Ort dazu beitragen, wie etwa die Jugendlichen aus der Gesamtrussischen Volksfront. Sergej Apanowitsch, der Mitvorsitzende der Front in der Region Irkutsk sowie der Leiter des wissenschaftlichen Instituts der Allrussischen Freiwilligen Feuerwehr, erklärte in einem Telefonat mit Sputnik, dass auch seine Jungs bereits bei der Schaffung von mineralisierten Streifen im Norden der Region Irkutsk mitwirken würden. Es sei von einer sogenannten „Bedienungszone" in unmittelbarer Nähe zu den Siedlungen die Rede, so Apanowitsch.

Die gängigste Feuerlöschmethode sei, den Boden auf der Brandstätte umzugraben und den Brand mittels Feuerfallschirmjägern zu lokalisieren. Apanowitsch bemängelte dabei die Rolle der Flugzeuge, die die Intensität des Feuers zwar senken, bei der Bekämpfung der großen Brände aber ineffektiv bleiben würden.
Sergej Apanowitsch – © Gesamtrussische Volksfront
„Die Hubschrauber Mi-8 nehmen nur etwa drei Tonnen Wasser auf und werfen es geradlinig nur auf die zickzackförmige Feuerkante ab – also etwa 60 Meter", erzählt Apanowitsch, „Wobei das Feuer doch nicht geradlinig ist. Ein Il-76 kann schon 40 Tonnen Wasser transportieren und eine 500 Meter lange feuchte Linie schaffen, aber am Ende entscheidet alles die schwere Technik, also Planierraupen, und die Feuerfallschirmjäger".
Brandbekämpfung mit einem Hubschrauber – © Sputnik/Alexander Kryschew
Die schwere Technik gräbt also den Boden um und die Fallschirmjäger bekämpfen das Feuer mit Rucksack-Feuerlöschern sowie mit Wasser aus naheliegenden Flüssen. Das sei der effektivste Weg, so der Experte.
Wer sind die Schuldigen?

Mittlerweile beschweren sich vor allem die Einwohner von Jakutien weiter über durch die Waldbrände entstandenen Rauch. Dem regionalen Verbraucherschutz zufolge liegt die Schadstoffkonzentration in der Luft in Jakutien im Normbereich. Die Hauptkritik des Westens sowie der Klimaschützer in Russland richtet sich an die Nichtbekämpfung der Brände in der Raumkontrollzone und die klimaschädlichen Folgen. Dabei sorgte besonders der Gouverneur der Region Krasnojarsk, Alexander Uss, mit dem Urteil für Unmut, „es wäre sinnlos", das Feuer zu bekämpfen. Tatsächlich meinen die Ministerien in diesem Zusammenhang schwer erreichbare Brandzonen, bei denen die Kosten für die Brandbekämpfung die prognostizierten Verluste überschreiten würden.

Brandbekämpfung in der Region Krasnojarsk
Ob es sich doch auszahlen würde, diese Brände zu löschen? Dafür hatte Apanowitsch eine eindeutige Antwort. Er habe auch schon Anfang Juni die passenden Maßnahmen präsentiert, nämlich den Ausbau der Brigaden der Feuerfallschirmjäger. In der Sowjetunion habe es allein in seiner Region 900 Mann gegeben – heute seien es nur 240. Außerdem findet er den rasanten Gehaltsunterschied bei den föderalen und regionalen Fallschirmjägern ungerecht.

Ein weiterer Kritikpunkt ist seiner Meinung nach, dass die notwendigen Verträge mit den örtlichen Löschkräften und Privatpersonen erst im Notfall und nicht schon vor Jahresbeginn geschlossen würden. Man habe ja jedes Jahr mit Waldbränden zu kämpfen, sagte Apanowitsch. Er kritisiert weiter, dass die Verantwortung so verteilt sei, dass ein Waldinspektor für über 100.000 Hektar Wald zuständig sei.
„Und das Wichtigste: Das Waldgesetzbuch aus dem Jahre 2006 ist wohl ein Diebstahl-Gesetzbuch, denn es macht die illegale Abholzung leicht", sagt Apanowitsch.
Er schließt also nicht aus, dass manche auch heute die Landparzelle von den Baumstümpfen „säubern" wollen. Auch Ministerpräsident Medwedew ließ kürzlich diese Version überprüfen. Jedoch bekennt sich Apanowitsch dazu, dass gerade die trockenen Gewitter die Hauptschuld tragen. Auch die „Avialessochrana" unterstützt diesen Ansatz.

Waldbrände in Bolivien – © Sputnik/Darja Stanislawets
Ein russischer Il-76 ist an diesem Montag übrigens in Bolivien angeflogen gekommen und soll ebenso bei Bekämpfung der Waldbrände helfen. Seit Anfang Juli sind im südamerikanischen Land etwa zwei Millionen Hektar Wald abgebrannt. Bei den Amazonas-Waldbränden in Brasilien meldeten die Behörden Ende August ebenfalls etwa zwei Millionen abgebrannte Hektar. Jedoch hatte der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro die Soforthilfe der G7-Staaten abgelehnt.
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